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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

407. Freitagsbrief (vom Juni 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Wladimir
Aleksej Petrowitsch Schuwalow.

Sehr geehrte Herren, liebe deutsche Bürger!

Ich möchte Ihnen für den Brief danken, den Sie mir geschickt haben. Ich habe ihn mit meiner Familie – meiner Frau und meiner Stieftochter – mehrmals gelesen und wir danken Ihnen für die Anteilnahme an meinem Schicksal, über die Staatsgrenzen hinweg. Es fällt mir natürlich sehr schwer, an die Ereignisse von vor 68 Jahren zurück zu denken, an die Kriegsjahre und die Nachkriegsjahre, das Leben war damals sehr hart. Erst der Große Vaterländische Krieg, danach Zerstörung und Hunger. Ich hätte damals nie vermutet oder gedacht, dass ich mal so alt werden würde, dass ich den 65. Jahrestag unseres großen Sieges erleben würde, des Sieges unseres ganzen sowjetischen Volkes, unserer Großväter, Väter und Mütter. Die Zeit verfliegt, ohne dass man es merkt.

Ich bin 1943 am Kursker Bogen in Gefangenschaft geraten, wo zwei der stärksten Armeen sich erbitterte Gefechte lieferten. Das war am 13.7.1943. Ich hatte schwere Verwundungen an beiden Beinen und Armen und am Brustkorb, hatte viel Blut verloren. Soldaten der deutschen Armee nahmen mich gefangen. Ich muss ihnen danken, dass sie mich nicht erschossen haben, sondern mit dem Motorrad zu einer Sammelstelle brachten, wo wir in einer großen Scheune in der Nähe eines Dorfes untergebracht wurden. Dort wurden wir einige Zeit festgehalten, dann brachten sie uns in der Nacht mit dem Zug nach Bobrujsk in ein Konzentrationslager [Stalag 373], in dem ich fünf Monate war. Die Lebensbedingungen im Lager waren katastrophal, es gab kein Essen, nur einmal am Tag bekamen wir gekochte Eicheln oder ungeschälten Buchweizen, Brot gab es keins. Jeden Tag starben hunderte, tausende Menschen an Hunger oder an ihren Verletzungen, sie wurden zu einer Grube gefahren und verscharrt. Einige wenige von uns hatten Glück. Wir wurden von Truppen einer Partisaneneinheit befreit und nach einer Überprüfung ließ man uns wieder an die Waffen. Und wieder zogen wir in den Kampf, um dem Feind zu schlagen!

Ich kam bis nach Polen. Dann Verwundung, Lazarett …

Es ist viel Zeit vergangen und vieles von damals möchte ich vergessen, aber an vieles muss ich immer wieder zurückdenken, die schlimme Vergangenheit taucht immer wieder vor meinem inneren Auge auf. Die Kommandeure, die Kameraden und Freunde, der Geschützdonner, der Traum vom Sieg und von Frieden auf der ganzen Welt!

Seit 1987 bin ich Rentner, ich habe mehr als 30 Jahre in Sibirien gelebt (im Gebiet Irkutsk), wo ich beim Bau der Forstwirtschaft gearbeitet habe und beim Wasserkraftwerk ins Bratsk. Dort herrscht ein raues Kontinentalklima, im Sommer klettern die Temperaturen auf +30 bis +35 Grad, und im Winter fallen sie auf −40 bis −55 Grad. Aber der Körper gewöhnt sich daran, und es war in Ordnung. Hier im europäischen Teil von Russland ist es deutlich wärmer.

Als ich 1995 ins Gebiet Wladimir kam, habe ich mir im Dorf Sergejzewo ein Haus mit einem großen Garten gekauft, in dem ich bis heute mit meiner Familie lebe. Ich hatte eine Bienenzucht und meine eigene Imkerei, die ich aber verkaufen musste, da wir Geld für eine Renovierung unseres Hauses brauchten, außerdem erlaubt es mir mein Alter nicht mehr, als Imker zu arbeiten, immerhin bin ich schon 88 Jahre alt. Wir ziehen im Garten Gemüse, haben auch einen Obstgarten (Stachelbeeren, Äpfel, Himbeeren, Brombeeren, Pflaumen, Sanddorn und anderes), so haben wir viele Vitamine. Die Natur gibt uns viel, damit wir ein glückliches und ruhiges Leben führen können, wir müssen nur den Frieden auf der Welt bewahren und nicht zulassen, dass so etwas wie der heimtückische Überfall am 22.6.1941 wieder passiert. Es gibt viele schwere Waffen in der Welt und sollte es, was Gott verhindern möge, wieder zu einem Krieg kommen, so wäre es eine Katastrophe für den ganzen Planeten.

Ich möchte Ihnen im Namen der Kriegsgefangenen der Sowjetunion für die humanitäre Hilfe besonderen Dank aussprechen. Ob es viel oder wenig Geld ist, spielt keine Rolle, wichtig ist das Interesse. Die deutsche Regierung hat uns die Hilfe verweigert – das ist ihre politische Linie. Sie hat vergessen, dass Millionen deutscher Kriegsgefangener nach dem Krieg in der Sowjetunion waren und von Stalin freigelassen wurden (mit Ausnahme der Nazi-Verbrecher), das war ein humanitärer Akt von Seiten der UdSSR. Auch hat die Sowjetunion bis zum Kriegsausbruch Getreide für Brot an Deutschland geliefert – auch das war ein humanitärer Akt.

Mich stört es nicht, dass ich früher keine Unterstützung bekommen habe, ich habe mein Leben lang von meiner Hände Arbeit gelebt und habe jetzt eine gute Rente, von der ich normal leben kann. Ich kann Sie zu uns nach Hause einladen und gebührend empfangen. Bitte kommen Sie uns besuchen, meine ganze Familie lädt Sie herzlich ein.

Mit freundlichen Grüßen,

Familie Schuwalow.

28.5.2010.

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