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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

406. Freitagsbrief (vom Mai 2010, aus dem Russischen von Hans-Joachim Seiler).

Russland
Moskau
Jakow Andrianowitsch Nikulin.

Guten Tag Dmitri.

Heute habe ich mit Großvater ausführlicher gesprochen und will Ihnen noch einige wenige Zeilen darüber schreiben, wie er den Krieg verlebt hat.

Großvater lebte auf dem Dorf und wurde mit zwanzig Jahren zur Armee in Belarus einberufen. An einem Abend ging er mit Freunden ins Kino, als nach einiger Zeit der Diensthabende zu ihnen gelaufen kam und ihnen befahl, zur Truppe zurückzukommen. Sie versammelten sich und man befahl ihnen, sich vollkommen angekleidet aufzustellen, bevor man sie zum Bahnhof führte. Unterwegs wurde ihm nichts erklärt. Sie fuhren in die Ukraine, wurden dort der Truppe zugeführt und am Abend sagte man, dass ein Krieg begonnen habe und man sie jetzt zum Angriff schicke. Großvater war erster MG-Schütze. Sie kamen durch einen Wald und beinahe gleichzeitig wurden sie von Flugzeugen aus beschossen; sehr viele starben dort, die übrigen zogen sich zurück, aber man fand sich von Deutschen umzingelt. Sie drangen in ein nahe gelegenes Dorf ein, wo sie wieder unter Beschuss gerieten und Großvater am rechten Bein im Bereich des Knies mit einem glatten Durchschuss verwundet wurde. (Ich weiß das, weil er mir die Narbe von der Kugel zeigte.) Sie hatten keinen Feldscher und sein Vorgesetzter verband sein Bein mit einem abgetrennten Stück des Hosenbeins. Sie gelangten mit Mühe zu irgendeinem Dorf; aber den Bewohnern war befohlen worden, russischen Soldaten nicht zu helfen und sich nicht mit ihnen einzulassen. Aber am Ende gewährte ihm irgendjemand Hilfe. Man gab ihm Obdach in einem Schuppen und reichte ihm etwas Fladen mit Milch zu essen. Am nächsten Morgen kam der Vorgesetzte und sagte dem Großvater, dass er ihm Hilfe schicken wolle. Damals war sein Bein schon heftig angeschwollen und er konnte sich nur sehr schlecht bewegen. Er ging zu einem Brunnen, um zu trinken. Um ihn flogen Flugzeuge, es war ein Getöse, und er bemerkte nicht sofort, dass sich auf der Straße ein deutscher Panzer näherte. Als er ihn bemerkte, war es schon zu spät wegzulaufen. Ein deutscher Soldat zielte auf ihn und befahl ihm, die Arme hoch zu nehmen und man nahm ihn zum Gefangenen. Im Wald war ein riesiger Steinbruch, umringt mit Stacheldraht, und darin befanden sich schon tausende Gefangene. Unter freiem Himmel gab es in der Sonnenglut kein Essen und Trinken. Dort verbrachte er fünf Tage. Viele von ihnen starben an Hitze und verdursteten. Danach wurden sie in den Wald verlegt, unter ähnlichen Verhältnissen, aber man begann, ihnen Wasser zu geben. Man schlief eng an einander liegend und man konnte die Liegeseite nur auf Kommando wechseln. Danach wurden sie in das „Erholungslager“ überführt, das Zigeunerlager genannt wurde (oder so ähnlich). Dort wurden ihnen am Morgen 10 g Brot, ein Glas Tee gegeben und zum Mittag eine Schöpfkelle Suppe (Wasser und Rüben), und zum Abend nichts mehr. Sie lebten in riesigen Baracken, schliefen in dreigeschossigen Verschlägen, Matratze und Kissen mit Stroh gefüllt. Nach ihrer Ankunft hatten alle Soldaten Läuse, und nicht nur eine oder zwei, und Großvater sagte, dass er sie häufig wie eine zweite Haut abschütteln konnte. Bei denen, die verletzt waren, haben sich die Läuse ins Fleisch gefressen. Nach einer Zeit stellten sie sich in Reihen auf und zwei deutsche Offiziere in Begleitung von einheimischen Polizisten haben Juden ausgesondert nach dem äußeren Schein. An Großvater ging die Polizei vorbei, wies auf ihn mit dem Finger und mit den Worten „Jude“ wurde er aus der Reihe hinausgeführt. Aber ein deutscher Offizier sah auf ihn und meinte, dieser sei Russe und befahl zurückzukehren in die Reihe (beim Erzählen sagte Großvater: „Dank an diesen Deutschen, wenn er nicht gewesen wäre, würde ich schon nicht mehr leben.“). Nach dieser Aussonderung wurden die Juden am Rande eines ausgehobenen Grabens aufgestellt und erschossen, worauf dieses Grab sofort mit Erde zugeschüttet wurde. Nach dieser „Säuberung“ führte man sie in die Badestube, nahm ihre Kleider zur chemischen Bearbeitung, aus einem Schlauch erhielten sie eiskaltes Wasser in Form einer Dusche und es musste sich gerade aufgestellt werden. Wenn jemand die gerade Haltung aufgeben wollte, wurde er mit Gummiknüppeln geschlagen; die Deutschen waren sehr belustigt. Nachdem man ihm die Kleidung wiedergegeben hatte, sagte Großvater, dass sie schrecklich gestunken hätte, aber dafür hat er im ganzen Leben keine Laus mehr gesehen. So vegetierten sie eine gewisse Zeit. Jeden Tag wurden Gruppen von 25 bis 50 Männer zur Arbeit im Bergwerk und zu anderen Plätzen weggeführt. Die Einberufung war freiwillig, aber wenn sich nicht eine bestimmte Anzahl versammelte, wurden häufig solche genommen, die den übrigen am nächsten standen. Als man sie sich eines Tages in Reihen aufstellen ließ und ihnen sagte, man brauche eine Gruppe von 25 Männern, sagte Großvater seinem Landsmann, dass sie mitgehen sollten, weil eine kleine Gruppe ganz bestimmt irgendwohin zu einem Landbesitzer komme. Sie kamen wie erwartet zu einem Baron, der sie bestellt hatte und der nahe bei Königsberg [?] lebte. Er besaß eine große Waldfläche und sie arbeiteten bei ihm im Wald, sägten Bäume und verarbeiteten sie zu Balken. Sie arbeiteten gemeinsam mit deutschen Bürgern, jeweils 4 russische und 2 Deutsche in einer Gruppe. Großvater erzählte, dass es anfangs still und dunkel war, wenn er sich schlafen legte, aber nach einer Zeit begann er die Flammen beim Aufprall explodierender Geschosse zu sehen und das Getöse von Flugzeugen, als wenn die Armee nach vorn durchgebrochen sei. Darauf wurden sie evakuiert; weil sie sich nahe bei Königsberg befanden, war es unmöglich, sie unter Bewachung durch den Wald zu führen an einen anderen Ort (er erinnerte sich, dass es dort sehr viele Apfelbäume gab.). Auf dem Wege fielen sie unter Beschuss der Amerikaner, der Zug lief auseinander, und sie gingen ohne Ziel weiter … Nach einiger Zeit kamen sie zu einem Weg, wo ihnen amerikanische Soldaten begegneten, die sie mit sich nahmen. Nach einer weiteren Zeit übergaben die Amerikaner die russischen Kriegsgefangenen an der Elbe. Nach der Rückkehr saßen alle ehemaligen Gefangenen im Gefängnis und sie wurden zur Sache des Heimatverrats befragt (das nach alledem, was sie erlebt hatten und unsere eigenen Brüder … ich war schockiert). Großvater überstand das Verhör sofort, weil er verwundet worden war und er physisch nicht weglaufen konnte und zu den Deutschen zwangsläufig kam ohne sein Zutun. Danach überstellte man ihn einem Truppenteil, wo er nach noch einem halben Jahr in die Heimat demobilisiert wurde. Daheim kam er im Juni 1946 an, im September 1946 heiratete er meine Großmutter. Sie lebten zusammen im Dorf (im Gebiet Tambow) bis ins Jahr 1998, als wir sie nach Moskau holten. Großmutter starb am 19. Mai des folgenden Jahres, zusammen lebten sie 63 Jahre, es ist ihm sehr nahe gegangen und ich habe zum ersten Mal gesehen, wie er weinte … Er hat 2 Töchter, mich (Enkelin) und einen Urenkel mit 1,6 Jahren.

Konkrete Daten und Ortsbezeichnungen, Namen weiß er natürlich nicht mehr. Er hatte nur den Gedanken, heimzukommen.

Das ist im Prinzip auch alles, was ich schreiben kann.

Mit Achtung, Jekaterina (Enkelin von Nikulin Jakow Andrianowitsch).

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