Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

405. Freitagsbrief (vom Februar 2008, aus dem Russischen von Christine Herpel).

Russland
Kirowsk
Aleksandr Gawrilowitsch Itschin.

Guten Tag, sehr geehrte Eduard Radczuweit, Dmitri Stratievski und alle Mitglieder der Gesellschaft!

Herzlich danken wir Ihnen dafür, dass Sie sich an mich erinnert, mich gefunden haben und mir eine finanzielle Hilfe zukommen lassen wollen. Das habe ich nicht erwartet und bin deshalb sehr berührt – ich habe sogar geweint, dass ich in Deutschland nicht vergessen bin …

Über mich: Ich, Aleksandr Gawrilowitsch Itschin, wurde 1922 geboren. 1940 trat ich in das 1. Jaroslawler Fluginstitut ein, beendete es 1942 als Sergeant – Pilot und wurde nach Grosny abkommandiert, wo alle Unterlagen verloren gingen, und ich somit nicht beweisen kann, dass ich dem Militär angehörte.

In Grosny gab es keine Flugzeuge und wir wurden alle der 163. Marschkompanie zugeordnet und auf die Krim geschickt, wo ich im Mai 1942 in eine Umzingelung geriet und gefangen genommen wurde. In Kriegsgefangenschaft war ich bis 1945 und wurde am 20. Mai 1945 in die UdSSR repatriiert.

Wir wurden in die Ukraine gebracht und dem 173. Reserveregiment zugeteilt. Danach arbeitete ich im Donbass und am 5. Oktober 1946 kehrte ich in meine Heimatstadt Leningrad zurück.

1963 zog ich nach Kirowsk um, wohne mit meiner Frau Olga Aleksandrowna Itschina in einer Einzimmer-Wohnung, ich bin sehr krank und kann nicht mehr hinausgehen.

Jetzt zu meiner schrecklichsten und bittersten Erinnerung – der Kriegsgefangenschaft.

Nach einem langen Fußmarsch wurden wir auf Güterwagen geladen und nach Polen … gebracht … Eine schreckliche Erinnerung. Wir wurden zur Arbeit geschickt, mit Balanda verpflegt, die in alles gefüllt wurde, was man hinreichte. Dort erkrankteich an Blutdurchfall, habe aber niemandem davon erzählt, der Magen war leer, ich konnte nichts essen, der Körper half sich selber und ich überlebte es. Ich war noch nicht lange im Lager, als wir eines Tages antreten mussten und uns befohlen wurde, 100 m zu laufen. Ich schaffte das und man brachte uns in einen anderen Block, später trieben sie uns in das Verteilungslager IV B [Mühlberg/Elbe], ich erhielt die Nummer 186083. Mein Familienname hörte auf zu existieren. Die Boshaftigkeiten waren genauso schrecklich, wie in den vorangegangenen Lagern. Von dort wurden wir [weiter] geschickt und ich kam zur Arbeit bei der Eisenbahn, verlegte Schwellen, Schienen und verteilte Schotter.

Ich arbeitete von morgens bis zur Dunkelheit ohne den Rücken gerade zu machen. Die Verpflegung war schlecht, immerzu hatte man Hunger, für jede Kleinigkeit gab es Schläge.

Die Kräfte waren zu Ende und mein Kamerad und ich beschlossen zu fliehen.

Es war Herbst und an dem Tag schneite es. Schon bald holten sie uns mit den Hunden ein und wir kamen in Einzelhaft. Unter der Tür war eine kleine Öffnung, durch die der Wachsoldat Brot und anderes Essbares durchschob.

Dann kam ich in ein anderes Lager, wo ich als Strafe für die Flucht 50 Schläge auf den Rücken bekam, und wieder zog der Tod an mir vorüber. Wieder kam ich in ein anderes Lager, nach Schwarzenberg, wo das Leben die blanke Qual war. Ich war krank: der Rücken voller Schorf, an den Händen das rohe Fleisch, ich wog 48kg bei einer Größe von 1,77 m. Ich kam ins [Kranken]Revier. Morgens das Kommando: Antreten, wer kann. Nur wenige formierten sich: 100–150 Gefangene. Ein Mann mit einem Rohrstock in der Hand erschien und wählte, indem er mit dem Stock auf sie zeigte, 10 Leute aus. Wir wurden zum Bahnhof nach Reichenbach in einen Zug gebracht und mit Umsteigen in die Stadt Treuen [Vogtland] transportiert und dort auf das Rittergut gebracht.Der Besitzer Karl Belker, ihm sei Dank, rettete uns alle vor dem Tod, verpflegte uns gut, gab uns Tabak, Milch und wog uns jede Woche. Solange wir zu schwach waren, mussten wir nicht arbeiten, das Verhalten uns gegenüber war gut und niemand schlug oder kränkte uns.Nach der Genesung arbeiteten wir in der Landwirtschaft.

1945 kamen von der einen Seite die russischen Streitkräfte und von der anderen die amerikanischen nach Treuen. Die Deutschen wichen zurück und erschossen die Kriegsgefangenen. Mein Freund Sascha Terjochin und ich gingen dem Rat von Karl Belker folgend den russischen Truppen entgegen, verirrten uns jedoch, kamen nach Thüringen und gerieten dort in ein Lager mit russischen Ostarbeitern. Später wurden wir von russischen Soldaten befreit und ich kam 1945 in die Heimat zurück. Ich arbeitete im Donbass, kämpfte und kehrte erst 1946 nach Leningrad zurück.

Ich danke Ihnen sehr für Ihre Aufmerksamkeit. Mein besonderer Dank gilt der Familie von Karl Belker, seiner Frau und den zwei Kindern, ein Mädchen und ein Junge. [Karl Belger wurde von der Roten Armee verhaftet und starb auf dem Transport in ein Straflager d. Red.].

Die Erinnerungen wurden anhand des Tagebuchs von A. G. Itschin aufgeschrieben, da er krank ist und sich nicht mehr erinnern kann.

P.S. … Nochmals vielen Dank für die Hilfe, die wir zwar noch nicht erhalten haben, aber sicher noch bekommen werden und für die wir einen Waschautomaten kaufen wollen.

Bleiben Sie gesund und barmherzig.

Mit Gruß

Itschin.

15.2.2008 Kirowsk.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.