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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

404. Freitagsbrief (vom März 2009, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Russland
Gebiet Stawropol
Wasilij Petrowitsch Ischtschenko.

Sehr geehrte Herren Gottfried Eberle, Eberhard Radczuweit, Dmitrij Stratievski!

Eine herzlichen Dank dem Verein „KONTAKTE – KOHTAKTbI“ und dem Fonds „Verständigung und Aussöhnung“ für die Hilfe und Fürsorge gegenüber den Opfern des faschistischen Regimes. Besonders freut mich die Tatsache, dass Sie die Schrecken nicht vergessen, die zwei große Völker erleben mussten – das russische und das deutsche, und dass Sie sich um die Wiederherstellung von Gerechtigkeit bemühen. Vielen Dank Ihnen, bleiben Sie gesund und glücklich.

Sie haben mich gebeten zu erzählen, wie mein Schicksal an der Front war, wie ich in den Nachkriegsjahren lebte und wie ich jetzt lebe.

Es ist natürlich schwer, sich an das ganze Grauen der Gefangenschaft zu erinnern, vieles ist in der Erinnerung verblasst, seit jener Zeit sind ja 66 Jahre vergangen, aber alles zu vergessen ist unmöglich.

Am 21. Januar 1943 befreite das Schützenregiment 585 meine Heimatsiedlung Trunowskoje von den Nazis. Das Regiment erlitt große Verluste, und die Führung beschloss, die Sollstärke aus der lokalen Bevölkerung aufzufüllen. Auch ich wurde einberufen. Ich war zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt.

Sie sammelten uns, bildeten ein Regiment, es ging weiter in die Siedlung Besopasnoje, von dort aus zogen wir zur Befreiung der Siedlung Krasnogwardejskoje. Wir kamen bis Rostow. Und hier geschah das, woran mir die Erinnerung bis heute schwer fällt.

Im Morgengrauen überquerten wir den zugefrorenen Fluss Don. Es war still, friedlich, der Flusslauf erstreckte sich weit, die Landschaft war schön. Als das Regiment vollzählig auf dem Eis war, gaben die Nazis eine schwere Artilleriesalve ab, danach wurden wir aus Flugzeugen bombardiert. Sie hatten diese Stelle offensichtlich gut im Griff. Fehlgänger gab es keine. Schüsse, Schreie, das Gewimmer ertrinkender Menschen – die Hölle tat sich vor unseren Augen auf. Ich weiß nicht, wie viele am Leben geblieben sind. Man versuchte, in Gruppen wegzukommen. Wir waren vier: der Bataillonsführer (seinen Nachnamen weiß ich leider nicht mehr) und drei Soldaten. Einen kannte ich, er kam aus meinem Dorf, Trunowskoje, Iwan Gurow. Wir feuerten zurück, der Bataillonsführer war durch einen Geschosssplitter schwer verwundet worden. Das war morgens, abends bezog der Feind die Verteidigung und entdeckte uns. So geriet ich in Gefangenschaft.

Verhört wurden wir einzeln, zuerst der Bataillonsführer, dann wir. Sie schlugen uns ohne Erbarmen, sehr lange, ließen nichts aus. Sie wollten aus uns herausbekommen, dass wir Offiziere seien. Wir sahen nicht militärisch aus: ungeschoren, in Zivil – es war keine Zeit gewesen, die Soldatenuniform anzuziehen. Und mit so einer Tolle herumzulaufen war nur den Offizieren erlaubt. Also versuchten sie dieses Geständnis aus uns herauszuprügeln. So hätten sie uns auch totgeprügelt, hätte der Bataillonsführer nicht gesagt, wir seien gerade einberufene Soldaten.

Dann wurden wir ins Hinterland gebracht, in ein Lager bei der Bahnstation Sartana. Dort sperrten sie uns ein, gaben uns 8 Tage lang nichts zu essen. Hier also gingen wir durch einen weiteren Kreis der Hölle. Die Frontlinie rückte näher, und sie fingen an, das Lager zu evakuieren. Sie stellten uns in drei Reihen auf und befahlen den Kranken, Verwundeten und Schwachen herauszutreten. Ich hatte Erfrierungen an den Füßen, kam nur schleppend voran, und so beschloss ich aus der Reihe zu treten. Aber der Soldat neben mir flüsterte mir zu, dass sie die Zurückbleibenden erschießen würden, also musste man mitgehen, ob man konnte oder nicht. Ich dachte bei mir, dass die Wahlmöglichkeiten bescheiden waren: Entweder du stirbst an Ort und Stelle oder unterwegs. Kurz darauf kam ein großer Lastwagen, und wir, 30 Leute, wurden nach Mariupol gebracht. Dort gab es ein großes Lager [Dulag 152]. Noch mehr Grauen. Die Polizaj – Russen – schlugen Menschen zu Tode, zerhackten sie mit der Spitzhacke. Februar bis Mai waren wir in dieser Hölle. Die russischen Truppen näherten sich Mariupol. Die Nazis begannen die Stadt niederzubrennen, und wir wurden in Waggons geladen und in ein riesiges Lager in Schepetowka [Stalag 301] gebracht. Von dort aus kamen wir nach Deutschland, in die Stadt Paderborn [Stalag VIK (326) Senne]. Im Lager wurden wir nach Baracken und Trupps aufgeteilt. Ich kam in einen kleineren Trupp (32 Leute), ging durch die medizinische Kommission, sie machten uns mit den Regeln bekannt, wiesen besonders auf das Kontaktverbot mit der hiesigen Bevölkerung hin. Danach wurden wir in einen Bus gesteckt und nach Brakel gebracht. Der Begleitmann sagte uns, dass wir nun etwa 7 km zu Fuß laufen müssten. Erstaunlicherweise sprach er mit uns nicht wie ein Feind, sondern freundlich, wie mit Menschen. Wir liefen lange, abends kamen wir nach Erkeln. Wir wurden auf die Höfe dort verteilt. …

Und eben ab diesem Moment danke ich dem Schicksal dafür, dass es mir die HEILIGE FRAU ELISABETH W. geschickt hat, die ich fortan Mutter nannte. Ich werde mich für den Rest meines Lebens an sie erinnern, ihr dafür danken, dass sie mich wie einen Verwandten aufgenommen hat, mich aufgepäppelt und ernährt hat, niemals verlor sie auch nur ein Wort darüber, dass ich ein Feind war. Obwohl zwei ihrer Söhne zu diesem Zeitpunkt an der Front waren. Später lernte ich sie kennen, und wieder spürte ich keinerlei Feindseligkeit mir gegenüber. Ich hatte gute, anständige Leute vor mir. Dafür danke ich ihnen!

… Im April 1945 fing man an uns zu sammeln. Ich erinnere mich, wie wir am 15 April das Nachtlager aufschlugen. Am Morgen sahen wir, dass die Nazis ihre Waffen und ihre Ausrüstung ablegten und irgendwohin gingen. Dasselbe taten unsere Begleitmänner. Einer von ihnen, der ein wenig Russisch sprach, brachte uns in eine Stadt, wo amerikanische Soldaten waren. Hier wurden wir befreit. Später brachte man uns an die Elbe, setzte uns auf das Schiff Elbrus, das uns zu dem Ort brachte, wo wir von sowjetischen Soldaten und Offizieren empfangen wurden. Sie teilten uns in Abteilungen auf. Ich kam in das Schützenregiment 1018. Diente noch weitere zwei Jahre, zwischen 1945 und 1947, zuerst in Belarus, und dann kam ich wieder nach Deutschland, nach Keslin [Kösslin Koszalin/Polen?] . Von dort aus wurde ich im März 1947 aus dem Kriegsdienst entlassen.

Kehrte in die Heimat zurück. Und in meinem Zuhause weinte man schon um mich, es war ein Bescheid gekommen, dass ich am 8. Februar 1943 gefallen und auf dem Hof Krasnyj Majak beerdigt sei. So verlief mein Kriegsschicksal.

Nach der Rückkehr in meine Heimatsiedlung begann ich zu arbeiten, zuerst im Kolchos als Hilfsarbeiter, dann in einem Bautrupp, ich baute bis zu meiner Pensionierung im März 1984.

1947 habe ich geheiratet. Mit meiner Ehefrau, Sinaida Petrowna, lebten wir 61 Jahre in Liebe und Einvernehmen (der Tod schied uns im Juli 2008), zogen zwei Söhne auf. Wir haben 5 Enkelkinder, und vor kurzem wurde unsere Urenkelin Alexandra geboren.

Ich habe alles, was ein Mensch braucht: Ein Haus habe ich gebaut, nicht nur für mich, auch für meine Söhne, Kinder habe ich erzogen und einen Garten angelegt. Ich lebe gut, beklage mich nicht, die Kinder sind in der Nähe, gute Menschen sorgen für mich.

Und ich weiß genau, dass es auf der Welt sehr sehr viele solch guter Menschen gibt, sie lassen nicht zu, dass ein Unglück passiert, sie helfen, vergessen nicht. …

Hochachtungsvoll

Ischtschenko Wasilij Petrowitsch.

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