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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

402. Freitagsbrief (vom Oktober 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Herr Sajzew schreibt uns bis heute regelmäßig und beantwortet hier unsere Fragen nach der Ernährung im Lager. Eines seiner früheren Schreiben veröffentlichten wir als 88. Freitagsbrief.

Wassilij Nikolajewitsch Sajzew
Russland
Juchnow
Gebiet Kaluga.

[…]

Ich habe Ihren Brief bekommen, ich habe mich sehr darüber gefreut und danke Ihnen sehr. Leider fällt mir das Lesen schon schwer, ich sehe nicht mehr gut, und das Schreiben erst recht. […] Wir hatten Schüsseln, aber sie waren aus einfachem Blech und mit irgendetwas Weißem lackiert. Wir haben sie praktisch nicht gewaschen und sie begannen zu rosten. Denn wir bekamen zum Mittagessen [*] Suppe, diese Suppe bestand aus 0,5 l warmem Wasser mit 4–5 Löffeln Kartoffelschalen und Rüben (ich glaube, Kohlrabi). Das war also unser Mittagessen, Brot gab es keins, eine Stunde Mittag, dann hieß es wieder Weiter, schnell, Faulmensch, und bis Fünf fragten wir Wie spät? Viertel vor Fünf. Ach, der Tag zog sich sehr lange hin bis zum Abendessen.

Es gab warmes Wasser, das an Kaffee erinnerte. [Zwei Zeichnungen: ein Laib Brot und eine Waage] Das ist ein Laib Brot, sechs Portionen. Das ist eine Waage aus Stöcken, so wogen sie das Brot, dann schrien sie: Für wen?

Wenn man abends alles aß, dann musste man am nächsten Morgen hungrig zur Arbeit gehen. Ich habe mir fast immer etwas für den Morgen aufgehoben. Aber man wollte immer noch mehr essen. Ach, dieser Hunger, er lehrte einen, sparsam zu leben. Manche Gefangene rauchten auch noch, ich bat bei den Deutschen um Zigaretten, dabei rauchte ich nicht und meine Freunde auch nicht. Die Deutschen rauchten, glaube ich, alle, auch Zigarren, vor allem unser Hauptmann. Ich bat die Wachmänner um Kippen, irgendwann hatte ich dann eine Zigarette zusammen und für vier Zigaretten konnte man sich etwas zu Essen kaufen.

[…] Ich war in Deutschland in Preußen, wie mir scheint. Ich war im Wald und auf dem Feld,habe Kartoffeln geerntet, ich war auch in den Höfen, wo die Kühe waren, bei der Heumahd – kurz, ich war in einem ländlichen Gebiet. Bevor wir von Stettin aus nach Norwegen gebracht wurden, bekamen wir Nummern, Essgeschirr und wahrscheinlich auch Löffel, jeder zwei Decken (die Holzschuhe bekamen wir wahrscheinlich in Norwegen). Ich glaube, wir kamen im September 1942 nach Norwegen. Seitdem sind schon 68 Jahre vergangen. Ich kann selbst kaum glauben, dass ich diesen Krieg ganz von Anfang 1941 bis zum Ende nicht geträumt, sondern wirklich erlebt habe. Unsere Mütter haben uns in eine Welt voll Leid hineingeboren, wir mussten leiden und sterben, und sie weinten und verfluchten Hitler und seine Anhänger.

[…] Ich wünsche allen beste Gesundheit, auf Wiedersehen.

Ade, Sajzew.

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[*] Kursiv im Original Deutsch [Anm. d. Übs.].

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