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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

401. Freitagsbrief (vom Oktober 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Grigorij Aleksandrowitsch Aleksandrow
Russland
Republik Tschuwaschien
[Es schreibt die Schwiegertochter].

Im Namen von Grigorij Aleksandrowitsch Aleksandrow schreibt Ihnen seine Familie, bei der er lebt. Er selbst ist nämlich schon alt, er ist 89 und kann keine Briefe schreiben. Wir werden Ihnen alles Wichtige schreiben, so wie er es uns erzählt hat.

1940 wurde der junge Grigorij in die Reihen der Sowjetischen Armee einberufen. Er diente im Westen von Belarus im 330. Schützenregiment. Als der Krieg begann, befand er sich bei der Ausbildung zum Kommandeur in der Regimentsschule. Sie waren in Bialystok, nicht weit vom Fluss Bug. 17 Männer waren zu der Zeit bei der Ausbildung in der Regimentsschule. Die Soldaten waren im Sommerlager im Wald. Am 22. Juni 1941 wurden alle um vier Uhr morgens aus den Betten geholt. Sie bekamen den Befehl: „Anziehen!“ und sollten dann Richtung Wald laufen. Wer es schaffte, sich anzuziehen, der rannte bekleidet los, wer es nicht schaffte, lief in der Unterwäsche. Die deutschen Truppen nahmen sie unter Beschuss. Die Kommandeure übertrugen den 17 Männern die Bewachung des Waffen- und Munitionslagers. Ringsum Gefechte, es ging auf Mittag zu. Die jungen Männer wollten auch mit den anderen kämpfen. So rannten sie los, durch ein Roggenfeld Richtung Wald. Der Roggen stand hoch. Irgendwann näherten sie sich der Stadt Zepanowsk [?]. Dort sagte man ihnen, dass die deutschen Truppen die Russen umgangen hätten und weit ins sowjetische Hinterland vorgedrungen waren. Bald darauf kamen sie auf ein offenes Feld, der Wald war 400 Meter entfernt. Dort waren die deutschen Truppen. Es begann ein schrecklicher Kampf. Die sowjetischen Soldaten hatten große Verluste. Am ersten Kriegstag wurde Grigorij dort verwundet und verlor das Bewusstsein. Überlebende sowjetische Soldaten fanden den Verwundeten und schleppten ihn in ein Roggenfeld. Er war an drei Stellen getroffen: an der rechten Hüfte und im Beckenbereich. Einen ganzen Tag lag er dort bewusstlos. Als er wieder zu sich kam, hörte er unverständliche Stimmen. Zwei deutsche Soldaten hatten ihn gefunden. Sie traten zu ihm, hoben mit dem Gewehr seinen Kopf an, und als er anfing zu stöhnen, wussten sie, dass er am Leben war. Er war voller Blut, die Deutschen drehten ihn vom Bauch auf den Rücken. Der erste Gedanke, der ihm in den Kopf schoss, war: „Werden sie mich nun erschießen?“ Dann kamen vier Soldaten, die in Gefangenschaft geraten waren, und trugen ihn auf einer Behelfsbahre in den Wald. So geriet er in Gefangenschaft. Alle Kriegsgefangenen wurden in Autos geladen und zu einer Kirche gebracht, wo sie im Keller eingeschlossen wurden. […] Am nächsten Morgen wurden die Gefangenen unter Bewachung weg geführt. Später erfuhren sie, dass man sie im Wasser ertränkt oder erschossen hatte. Den schwer verwundeten Grigorij und drei weitere Soldaten ließen sie in der Kirche zurück und brachten sie dann zur Brester Festung ins Lazarett, wo er zehn Tage lang behandelt wurde. Dann kam er ins Lager für Kriegsgefangene bei Brest-Litowsk. Sie lebten unter freiem Himmel hinter Stacheldraht. Einmal am Tag bekamen sie etwas zu essen, 100 g fast rohes Brot aus Getreideabfällen. Manchmal gab es eine Balanda aus Kohlresten, die ungewaschen in die Suppe geworfen wurden. Im Lager blieb kein einziger Grashalm stehen, alles aßen die Gefangenen. Bis Januar 1942 lebten sie so unter freiem Himmel, dann bauten sie aus Brettern einen Schuppen mit 5–6stöckigen Holzpritschen. Sehr viele Menschen starben an Unterernährung und Kälte. Von mehr als 11 000 Gefangenen waren nur noch etwa 1300 am Leben. Im April lud man sie in Güterzüge und schickte sie auf die Reise. Sie fuhren lange, und als sie die Waggons wieder verließen, da stellten sie fest, dass sie in Deutschland waren. Man brachte sie ins Lager Eisenach. Mehrmals am Tag mussten sie runter zum Fluss gehen und sich waschen, um den Schmutz abzuwaschen. Zum Fluss musste man 6–7 Meter hinuntergehen und dann wieder hochsteigen. Beim Hochklettern blieben sie manchmal stehen, um sich auszuruhen. Dafür bekamen sie Schläge mit dem Knüppel. Die Deutschen ritzten den Gefangenen, die sie für Kommunisten hielten, den Sowjetstern auf die Stirn. So auch seinem Landsmann, dem Tschuwaschen Iwan Murawjew. Er starb, überlebte diese Folter nicht.

Im Lager traf er noch einen Soldaten aus seinem Heimatort, Semjon Wladimirow. Sie waren so abgemagert und sonnenverbrannt, dass sie einander nicht sofort erkannten. Erst im Gespräch fragten sie einander, woher der andere kam. Semjon hatte irgendwo gute Soldatenstiefel ergattert, die tauschten sie zusammen gegen einen Laib Brot.

Wer in der Lage war, wenigstens ein bisschen zu arbeiten, der wurde später zur Arbeit zu den Bauern geschickt. Die Auswahl der Gefangenen erfolgte folgendermaßen: sie mussten 5–6 mal einen Abhang runter- und wieder hochlaufen. Wer hinfiel, dem schlugen sie mit einer Eisenstange auf den Kopf. Obwohl Grigorij auch sehr schwach war und nicht schnell laufen konnte, wurde er ausgewählt und Anfang Mai 1942 zur Arbeit zu einem privaten Bauern namens Ritergurd [Rittergut] im Dorf Ostramondra in der Nähe von Koleda [Kölleda] gebracht. Die Deutschen wählten aus allen Kriegsgefangenen 50 Männer zur Arbeit bei den Bauern aus. Sie arbeiteten zu Dritt bei einem Bauern: er, Nikolaj aus Smolensk und Pawel, der aus dem Gebiet Leningrad stammte. Im Mai 1943 saßen sie in ihrer Baracke und bereiteten ihre Flucht vor. Grigorij und Pawel schafften es bis zum Wald, Nikolaj aber wurde geschnappt und festgenommen. Am nächsten Tag wurden auch Grigorij und Pawel geschnappt und alle Drei kamen in ein Straflager. Später brachte man sie wieder zur Arbeit zum „Chef“. Sie versuchten mehrere Male die Flucht, aber jedes Mal spürten sie sie mit ihren Hunden wieder auf, dann wurden sie geschlagen, bekamen kein Essen. Nach einer Weile brachte man sie wieder zurück zur Arbeit.

Als Pawel und er wieder einmal weggelaufen waren, gerieten sie in einen starken Regen. Sie waren durchnässt bis auf die Knochen und suchten Unterschlupf in einem Heuschober. Dort krochen sie unter einen Heuhaufen und wärmten sich. Dann kamen einige Deutsche in den Schober und stachen mit Stangen in die Heuhaufen. Aber die Beiden hatten Glück: zweimal gingen die Deutschen an ihrem Heuhaufen vorbei, bemerkten sie aber nicht.

Aber sie hatten keine Wahl, Hunger quälte sie und sie kehrten zum „Chef“ zurück. Auch beim Bauern litten sie die ganze Zeit Hunger. Wenn sie die Kühe molken, tranken sie heimlich ein wenig von der Milch. Der Bauer bemerkte das und von da an verschloss er die Milchkrüge. Vater erzählte uns auch von folgendem Vorfall: Er hatte die Anweisung bekommen, ein Feld zu walzen. Da sie ihm die Anweisung auf Deutsch gaben, verstand er nicht, was sie sagten. Er fuhr also hinaus auf die Felder und begann, ein Feld mit Kartoffelstauden zu walzen. Er kam ja vom Land und wusste, dass man das so nicht macht. Zwei- bis dreimal fuhr er mit der Walze über das Feld, dann kam der Aufseher angerannt und schimpfte wild auf Deutsch, er schlug ihn mit einer Knute und brachte ihn zur Arbeit auf ein anderes Feld.

Dann erreichte der Krieg auch Deutschland. Amerikanische Panzer rollten über deutsches Land. Die Kriegsgefangenen baten sie, mit ihnen gegen die Nazis kämpfen zu dürfen. Aber die Amerikaner nahmen sie nicht mit, sie fuhren weiter. Die Deutschen, die dort lebten, verließen ihre Häuser, flohen vor den Amerikanern und ließen dabei Kleidung und Essen zurück. Erst da konnten die Gefangenen sich das erste Mal in all den Kriegsjahren satt essen und sich normal einkleiden. Sie wurden von amerikanischen Soldaten befreit, die die ehemaligen Gefangenen per Auto zum Fluss brachten, und auf der anderen Seite des Flusses waren sowjetische Soldaten. Sie bauten eine behelfsmäßige Brücke und dann schickten sie alle Gefangenen auf die andere Seite des Flusses. Dort waren sowohl Soldaten als auch Kriegsgefangene und Evakuierte. Damit war für ihn die leidvolle Gefangenschaft zu Ende. Eine Weile arbeitete Grigorij Aleksandrowitsch noch für die Regimentsschule, lieferte Lebensmittel. Danach brachte man ihn mit anderen zur Arbeit im Kohlebergwerk in Karaganda [Kasachstan]. Erst 1948 kehrte er nach Hause zurück.

1949 heiratete er ein Mädchen aus dem Nachbardorf, Tatjana Iwanowna. Sie zogen vier Söhne und eine Tochter groß. Leider sind einer ihrer Söhne und seine Frau nicht mehr unter uns, denn Tatjana Iwanowna ist 1999 von uns gegangen. Gesundheitlich geht es Grigorij Aleksandrowitsch jetzt nicht sehr gut. Die meiste Zeit liegt er, geht nur noch wenig.

Im Dezember 2001 hat er einen Brief an die Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ geschickt und einen Antrag auf eine Auszahlung von der deutschen Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ gestellt. Sein Antrag wurde abgelehnt mit der Begründung: „Die Expertenkommission hat beschlossen, Ihren Antrag auf Auszahlungen abzulehnen, da Sie zur Zeit der Zwangsarbeit den Status eines Kriegsgefangenen hatten.“

Wir danken den deutschen Soldaten und Bürgern für die Unterstützung, die Grigorij Aleksandrowitsch von Ihnen bekommen hat. Wir haben das Geld schon bekommen.

Wir sind Ihnen sehr, sehr dankbar, dass sie ihn nicht vergessen haben, einen einfachen Bauern,, der sein ganzes Leben im Dorf gelebt hat.

Bitte entschuldigen Sie, wenn der Brief nicht so gut geworden ist. Vielleicht gibt es auch Fehler, denn ich bin keine Russin und habe vielleicht deshalb an manchen Stellen Fehler gemacht. Ich bin die Schwiegertochter von Grigorij Aleksandrowitsch, ich lebe mit ihm und seinem Sohn und seinen Enkeln zusammen.

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