Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

400. Freitagsbrief (vom Dezember 2013, aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Aleksandr Iwanowitsch Pawlichin
Russland
Moskau.

An die deutsche Organisation „KONTAKTE“
von einem ehemaligen Kriegsgefangenen
Aleksandr Iwanowitsch Pawlichin

An die Herren Eberle, Radczuweit, Stratievski
auf Ihren Brief vom 23.10.2013

Ihr Brief hat mich auf emotionaler Ebene tief berührt und mich dazu bewegt, mich an jene schreckliche Zeit zu erinnern, jene Jahre, als ich, ein 18jähriger Soldat der Sowjetischen Armee, in faschistische Gefangenschaft geriet, und was das für mich persönlich bedeutete. Schikane, Schläge und Androhungen der Erschießung hingen jeden Tag über mir. Und solcher Tage und Nächte hat es viele gegeben, mehr als drei Jahre (in Gefangenschaft bin ich am 21.02.1942 an der Front bei Wolchow geraten).

Nach einer Woche Aufenthalt in der kalten Übergangsbaracke beschloss ich zu fliehen, weil mir schien, dass sie schlecht bewacht war. Aber ich bin nicht weit gekommen, denn ich war bereits an Flecktyphus erkrankt, konnte nicht mehr weit laufen und verlor schließlich das Bewusstsein. Ich kam zu mir in einem kalten Schuppen, der mitten auf einem verlassenen Kolchosefeld stand und für die Lagerung der Sterbenden gedacht war. In einer Ecke des Schuppens sah ich bereits verstorbene Gefangene gestapelt liegen, und als ich mich etwas bewegte, merkte ich, dass links und rechts von mir ebenfalls tote Rotarmisten lagen. Ich selbst glich schon einem Skelett, aber der kräftige, junge Organismus wollte leben und erwachte trotz des langfristigen Mangels an Medikamenten, Wasser und Nahrung. Um zu überleben, musste man sich zwingen, zum Arbeiten zu gehen, um dort wenigstens eine Schüssel Balanda und ein Stück Schwarzbrot, das für die Gefangenen zur Hälfte aus Spänen bestand, zu bekommen. Ich erinnere mich, wie ich damals, am Rande des Hungertodes, es einmal riskierte, den Arbeitsplatz zu verlassen und ins Lager der Wachen einzudringen, um dort in den Mülltonnen nach etwas Essbarem zu wühlen. Aber in den Tonnen fand ich nichts und zwängte mich dann durch den Spalt unter der Tür in den Lagerraum mit den Kartoffeln. Ich schüttete ein paar in einen Sack, hatte aber nicht genug Kraft, um wieder hinauszugehen, er war zu schwer, obwohl es nicht mehr als 5 Kilo waren. Ich habe die Hälfte wieder ausgekippt und erst dann konnte ich ihn tragen. Die Kartoffeln versteckte ich zwischen Holzbrettern. Vielleicht habe ich nur dank dieser Kartoffeln den Typhus überlebt.

Und wie viel ich einstecken musste, als ich in der Baracke mit meinesgleichen, den Kriegsgefangenen gestritten habe. Ich war jung, kämpfte für diese Regierung, für Stalin, und dachte nicht darüber nach, dass es irgendwo Verfolgte gab, politische Gefangene, die unter den Kollektivierungen gelitten hatten. Unsere Familie war zum Glück verschont geblieben. Ich wusste damals nichts davon, dass es Bauern gab, die nur dafür bestraft wurden, dass sie arbeiteten und besser leben wollten, dass man nur dafür erschossen wurde, dass man eine eigene Meinung hatte, die sich von der Politik der Partei und der Regierung unterschied. Jedenfalls, ich stritt mit ihnen und bekam dafür Fußtritte und Ohrfeigen. Aber nie hat mich jemand verraten. Dabei hätten sie nur ein Wort zum Wachdienst sagen müssen, der dann zu jemand Höherem, und dann hätte ich erschossen werden können.

Dieser Charakterzug hätte mich dennoch einmal beinahe das Leben gekostet.

Ich erinnere mich an einen Vorfall, als ich, nachdem der Typhus überstanden war, zum arbeiten auf einen lettischen Hof geschickt wurde, dessen Besitzer unter die Freiwilligen gegangen war, für die Deutschen irgendwelche Objekte zu bewachen. Sowohl er als auch sein Neffe waren offenkundig Feinde unseres Staates, hassten alles Russische und beschlossen einmal, als sie getrunken hatten, mir eine Lektion zu verpassen. Vielleicht wollten sie mich auch tatsächlich umbringen. Sie schenkten mir Selbstgebrannten ein, und ich, der ich nie trinke, damals mit 20 schon gar nicht, dazu noch hungrig, jedenfalls, ich wurde betrunken und fing wieder an zu erzählen, was für ein wunderbares Land wir doch seien und wie wir schon bald alle Faschisten zerschlagen würden. Natürlich konnten sie so etwas nicht ertragen. Sie brachten mich nachts in einen Wald, diese beiden und ein Ajsorg (ein lettischer Polizist zu Kriegszeiten), stellten mich an eine Grube und schossen mehrmals aus einem Gewehr. Dann, als sie mich wieder zum Hof gebracht hatten, floh ich noch in derselben Nacht. Unterwegs wurde ich gefasst, war nicht sehr weit gekommen. Zuerst brachten sie mich ins örtliche Gefängnis, dann wieder ins „Lager auf dem Sand“ in Dwinsk. [Stalag 340 Daugavpils] Und im Lager dann wieder Arbeit, Hunger und Schikane. Aus der Gefangenschaft wurde ich am 20. April 1945 von den Amerikanern [?] befreit. Das war schon in Sachsen, Zwickau, in der Zeche „Morgenstern“.

Ich möchte Ihnen persönlich für das gute Werk danken, Ihrer Organisation, und auch den Freiwilligen des wohltätigen Fonds „Sostradanie“ [*]. Die sowjetischen Kriegsgefangenen sind ja in eine höchst furchtbare und erniedrigende Lage geraten: Stalin hat uns zurückgewiesen und der Umgang mit uns, den sowjetischen Soldaten, war niederschmetternd. Kein Rotes Kreuz hat sich für uns interessiert, wir waren dem Tod geweiht. Und dass wir trotz allem noch am Leben sind, dafür kann man nur Gott danken. Nach der Befreiung diente ich zwei Jahre in der Tschechoslowakei und in Österreich. Ich kehrte zurück nach Moskau, studierte, ein paar Jahre später habe ich geheiratet und eine Tochter bekommen. Aber viele Jahre noch wurde ich in meinen Träumen vom Krieg und der Gefangenschaft verfolgt, manchmal in Albträumen.

Neue Generationen wachsen nach, die alten Leute werden in ihren Erinnerungen nachsichtiger. Wie gekränkt aber war man nach dem Krieg, dass man mit den Kriegsgefangenen so umging. Viel später akzeptierte man uns als Teilnehmer des Krieges, und erst in jüngster Zeit gab man uns nach und nach unsere Rechte zurück. Ich wollte erst mehr schreiben, habe mich dann anders entschieden und den Brief gekürzt. Es kommt nur Leid dabei heraus, Fluchtversuche, zermürbende Arbeit in der Zeche, Hunger. Ich will mich daran nicht mehr erinnern. Meine Frau und ich feiern heute unser 60jähriges Zusammenleben – das ist doch ein Anlass!

Nochmals vielen Dank an Sie.

Viel Gesundheit und alles Gute.

A. I. Pawlichin.

5. Dezember 2013.

****

[*] Die kleine Moskauer Nicht-Regierungs-Organisation „Sostradanje“ ist unsere Partnerin bei der Suche nach ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen auf dem Gebiet der Russischen Föderation und leistet in Absprache mit uns für diese Menschen aus Spendenmitteln soziale und medizinische Nothilfe.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.