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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

40. Freitagsbrief (30.03.2007).

Belarus
Gebiet Minsk
Wasilij Maksimowitsch Owtscharenko.

Sehr geehrte Frau Dr. Hilde Schramm und Herr Projektleiter Eberhard Radczuweit,

ich bin Ihnen und den anderen Vereinsmitgliedern für Ihr Gedenken dankbar. Es sind mehr als 60 Jahre vergangen. Sie erinnern sich aber an unsere Leiden, die wir in der Kriegszeit ertrugen.

Im Alter von 20 Jahren nahm ich als junger Leutnant an Kampfhandlungen um die Stadt Charkow teil, die in der Ukraine liegt. Im Mai 1942 wurde ich dort gefangen genommen und nach Deutschland verschleppt. Ich kam in die Stadt Nördlingen, wo ich mich in einem Kriegsgefangenenlager aufhielt. Ab März 1943 war ich in Bamberg und Hammerstein. Es kann sein, dass ich die Städtenamen falsch schreibe.

Am 20. August 1943 wurde ich auf die Insel Fiel (?) in Norwegen gebracht. Danach folgte die Insel Razel bei Tonneberg (Toensberg?). Unsere Beschäftigung war unglaublich schwer. Wir gewannen grauen Stein, luden ihn auf die Lore und zogen diese bis zur Schranke. Dort holten einheimische Arbeiter den Stein ab und lieferten ihm zum Werk für die Kalkverarbeitung. Ich erlebte viel: Hunger, Kälte und unmenschliche Arbeit. Mein Gewicht während des Aufenthalts im Lager reduzierte sich von 70 auf 42 Kilo. Mein Körper war jung, dadurch überlebte ich.

Unser Frachtkahn sollte im Meer versenkt werden. Etwas hat dabei gestört. Uns befreiten die Briten. Man schickte uns in die Heimat. Ich ging in die Ukraine.

In der Kindheit hatte ich meine Eltern früh verloren. Der Vater starb, als ich 6 Monate jung war. Die Mutter starb, als ich 6 Jahre alt war. Ich wurde von fremden Menschen großgezogen. Nach dem Krieg hatte ich keine Verwandten. 1946–1947 gab es in der Ukraine eine große Hungersnot. Auf der Suche nach Existenzquellen erreichte ich Belarus. Dort lernte ich meine zukünftige Ehefrau Marija Ananjewna kennen. Sie lebte im Dorf Schtschitkowitschi des Bezirkes Starodoroshskij. Während des Krieges brannten die Faschisten dieses Dorf völlig nieder - über 300 Bauernhöfe. Frauen, Alte und Kinder waren gezwungen, sich im Wald zu verstecken und in Erdhütten zu leben. Eine Erdhütte ist ein unterirdisches Versteck. In einer Erdhütte lebten ein paar Familien.

Die Nachkriegszeit war schwer. Es war überall so. Das Dorf musste wiederaufgebaut werden. Es gab keine Pferde. Wir benutzten Kühe. Mit einer Kuh transportierte man Baumaterial, beackerte das Feld und sammelte die Ernte ein. Hauptsächlich arbeiteten die Frauen, weil fast alle Männer an der Front gefallen waren. Mir ist es schwer, mich an diese Jahre zu erinnern.

Ich bin ein einfacher landwirtschaftlicher Arbeiter. Ich habe drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn, vier erwachsene Enkel, drei Enkelinnen und einen Enkel sowie drei Urenkel, zwei Mädchen und einen Jungen. Die Kinder leben in der Stadt. Meine Frau und ich leben seit 60 Jahre zusammen. In diesem Jahr werden wir beide 85 Jahre alt. Die jüngere Tochter betreut uns. Wir bekommen Rente. Das reicht für das Leben. Die Gesundheit ist aber sehr schwach.

Ich habe Ihre Hilfe von 300 Euro erhalten. Uns, den Menschen, die die ganzen Schrecken dieses verheerenden Krieges erlebten, ist Ihre Aufmerksamkeit und Sorge sehr angenehm. (…)

Hochachtungsvoll

Wasilij Maksimowitsch Owtscharenko.

Februar 2007.

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