Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

399. Freitagsbrief (vom November 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Archangelsk
Kotlas
Michail Iwanowitsch Semljakow.

[…]

Ich habe Ihren Brief bekommen und möchte Ihnen herzliche Worte des Dankes dafür aussprechen, dass Sie sich nach so langer Zeit immer noch für die Opfer dieses unmenschlichen Krieges interessieren. Ich verstehe Ihren Schmerz darüber sehr gut, dass das damalige Deutschland zwei Weltkriege angezettelt hat. Das ist ein Stein, der an seinem Hals hängt, aber es ist gut, dass es (Deutschland) weiter der ganzen Welt zeigt, dass es seine Taten bereut. […] Jedes Jahr, wenn wir am 9. Mai den Tag des Sieges begehen, müssen wir, die Bürger Russlands und Deutschlands, derer gedenken, die im Kampf für ihr Vaterland gefallen sind. Deshalb zeugen Ihr Brief und Ihr Interesse an meinem weiteren Schicksal davon, dass nichts vergessen ist.

Auf Ihre Bitte hin übersende ich Ihnen einen Text, der zum 65. Jahrestag des Sieges in unserer regionalen Zeitung „Wetschernyj Kotlas“ veröffentlicht wurde. Der Verfasser des Artikels N. Ljubow schildert sehr wahrheitsgetreu die Geschichte meines Lebens nach dem Krieg. Wenn es eine solche Möglichkeit gibt, so würde ich sehr gerne erfahren, was aus den Deutschen geworden ist, bei denen ich gearbeitet habe und die mich vor dem sicheren Tod bewahrt haben. Der Grund für meine geplante Erschießung war, dass ich im Lager von der Niederlage und der Zerschlagung der Deutschen bei Stalingrad erzählt hatte. Ich möchte noch anmerken, dass in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges in meiner Familie von fünf Söhnen nur zwei unbehelligt blieben: einer galt als vermisst und zwei weitere kehrten aufgrund schwerer Verwundungen als Invaliden aus dem Krieg heim, einer von ihnen hatte ein Bein verloren.

Jetzt lebe ich in Kotlas, der nach wirtschaftlichen Kriterien drittwichtigsten Stadt im Gebiet Archangelsk. Wir sind eine große und einträchtige Familie: meine Tochter, mein Sohn, drei Enkel und sieben Urenkel hegen und pflegen mich. Als ich noch arbeitete, habe ich all meine Kraft und mein Können für die Menschen eingesetzt. Ich war 17 Jahre lang Vorsitzender der Veteranenvereinigung unseres Betriebs, wo Kriegsteilnehmer, Kämpfer hinter der Front und Kriegskinder vereint waren.

Ich bin Ihnen und Ihrem Verein im Voraus unendlich dankbar für die humanitäre Hilfe – sie wird unser Familienbudget aufbessern und zu meinem Wohlergehen beitragen.

Ich möchte Ihren Gedanken aufnehmen und hinzufügen, dass die Erinnerung an die Vergangenheit uns hilft, die Gegenwart zu verstehen. Die Geschichte der Kriegsjahre ist wichtig sowohl für uns, die ältere Generation, als besonders auch für die jungen Menschen, die solches Leid und solche Entbehrungen, wie wir sie erfahren mussten, nie kennengelernt haben.

Die Zeit ist der beste Richter über die Taten der Menschen und wir, die Älteren, die am Großen Vaterländischen Krieg teilgenommen haben, sind ungeachtet unseres fortgeschrittenen Alters einfach dazu verpflichtet, uns immer wieder mit jungen Menschen zu treffen und ihnen von den Kriegsereignissen zu erzählen. Dank der Arbeit des städtischen Veteranenrates kennt man uns Kriegsteilnehmer in allen 19 Ausbildungsstätten der Stadt und begegnet uns dort mit großem Interesse. Ich möchte Ihnen nochmals danken für die herzlichen Worte und die Anteilnahme am Schicksal der Kriegsgefangenen und möchte Ihnen und Ihrem Verein Erfolg bei der Durchführung des Projekts wünschen.

Mit den besten Grüßen,

Michail Iwanowitsch

Falls Sie die Möglichkeit haben, etwas über das Schicksal der Deutschen zu erfahren, die mich vor dem Erschießen bewahrt haben, so lassen Sie es mich bitte wissen. Solange es meine Kraft und Gesundheit zulassen, werde ich gerne mit Ihnen zusammenarbeiten.

Alles Gute für Sie!

Zeitungsartikel in der Zeitung „Wetschernyj Kotlas“ vom 23.4.2010 [leicht gekürzt]

Eine schreckliche Zeit. Michail Iwanowitsch Semljakow ist Soldat des Großen Sieges – einer der wenigen, die noch am Leben sind

Mein Lebensweg begann am 10.8.1922 in einer Bauernfamilie in Orlowschtschina [Gebiet Orjol]. Bereits mit fünfzehn Jahren erfuhr ich die ganze Härte der bäuerlichen Arbeit. Als ich achtzehn wurde, hörten wir zum ersten Mal das furchtbare Wort Krieg. Im September 1941 gingen wir, die jungen Männer aus dem Dorf Plozkoje, an die Front. […]

Am 5.12.1941 (das war der Tag, an dem die Stalinsche Verfassung angenommen wurde) leistete ich, einfacher Soldat der Roten Armee, Schütze, Verbindungssoldat des Stabes der 6. Armee, auf dem Appellplatz der 392. Schützendivision meinen Fahneneid. Gleich darauf landete ich mitten im Geschehen. Wir verteidigten uns, so gut wir konnten, setzten unser Leben aufs Spiel, gingen in den Kugelhagel, kämpften unter heftigen Gefechten um jeden Flecken Erde, aber zu Beginn des Krieges herrschten ungleiche Kräfteverhältnisse. Wir mussten uns unter Kämpfen zurückziehen, manchmal hatten wir nur ein Gewehr für zwei Soldaten, mussten zusehen, wie unsere Kampfgefährten umkamen. Die erste Verteidigungslinie konnten wir nicht halten, wir legten eine zweite Verteidigungslinie mit Schützengräben an und bereiteten Schusspositionen vor, in der Hoffnung, so den Feind aufhalten zu können. Leider kam es anders. Die deutschen Bomber griffen uns im Sturzflug an – mir schien, als würden sie vom Himmel direkt auf mich fallen. Maschinengewehrsalven und Bombenexplosionen, ein entsetzliches Getöse. Von einer Bombenexplosion in meiner Nähe verlor ich das Bewusstsein. Dann kam unser Divisionskommandeur ums Leben und es folgte ein tagelanges Irren durch Wälder, Felder, Sümpfe, um irgendwie einen Weg aus dem Kessel zu finden. Niemand wusste, was uns bevorstand. Es gelang uns nicht, zu den Unsrigen durchzukommen. Die Nazis beschossen uns unaufhörlich mit ihren Maschinenpistolen. Wir antworteten ihnen nur selten, um Munition zu sparen. Trotzdem ging unsere Munition irgendwann zu Ende. Nun gab es keinen Ausweg mehr.

Die Gefangenschaft war die schrecklichste Zeit meines Lebens. Drei Jahre, in denen wir jeden Tag mit dem Tod rechneten, von dem Moment an, als wir, verwundet und ausgehungert, in überfüllte Viehwaggons gesperrt und dann fortgebracht wurden – ins Ungewisse. Wir durchquerten die Ukraine, Moldawien, Polen und erreichten schließlich Hannover in Deutschland.

Ich kam ins Lager für Kriegsgefangene Nr. 80, das sich auf dem Gelände eines ehemaligen Erdöllagers befand. Baracken, Pritschen, Wanzen, Läuse – daraus bestand unser Elend. Zu Essen bekamen wir Gemüse-Balanda, in der Stücke verfaulten Fisches schwammen, dazu Brot, das zu einem großen Teil aus Sägemehl bestand. Und für dieses „Leben“ mussten wir mit Schwerstarbeit bezahlen – wir mussten Güterzüge mit Holz, Kohle, Zement, Kalk oder Ziegeln entladen.

Durch den Stacheldraht drangen manchmal Nachrichten zu uns. Wir freuten uns, als wir erfuhren, dass die Deutschen bei Moskau geschlagen worden waren. Unsere Freude gefiel den Feinden nicht. Die Wachen schossen ohne jeden Grund von ihren MG-Wachtürmen auf die Gefangenen, wir bekamen fast gar nichts mehr zu essen und im Lager breitete sich Flecktyphus aus. Jeden Morgen wurden Dutzende unserer Kameraden, die in der Nacht gestorben waren,entlang der Barackenwände aufgestapelt.

Eines Nachts wurde ich von meiner Pritsche gezogen und kam vor ein Gericht, das folgendes Urteil über mich verhängte – Tod durch Erschießen. Drei Tage verbrachte ich alleine in der Todeszelle. Am vierten Tag führte mich die Wache auf den Platz, wo schon alle angetreten waren, die in meiner Baracke lebten. Ein kleiner, dicker Deutscher ging zusammen mit dem Lagerleiter die Reihen ab, begutachtete jeden von uns aufmerksam und deutete dann mit seinem Gehstock auf die Gefangenen, die ihm zusagten. Ich wurde aus der Reihe gezogen und zu der Gruppe gebracht, die der Deutsche ausgewählt hatte. Man brachte uns zum Gutshof des Deutschen gebracht, wo Schwerstarbeit auf uns wartete und die Demütigungen der Bäuerin, die über unserer Arbeit auf dem Feld wachte.

Es kam das Frühjahr 1945. Die Rote Armee bewegte sich rasch auf Berlin zu. Aber wir wurden von den Amerikanern befreit, die uns anboten, nach Amerika zu emigrieren und dort zu arbeiten. Nur zwei von uns nahmen das Angebot an.Als dann jemand von der Verwaltung des sowjetischen Oberkommandos zu uns ins Lager kam, da war unsere Freude grenzenlos. Aber das Leid war für uns damit noch nicht zu Ende. Mit einem Transport wurden wir im Mai 1945 aus Deutschland in ein Filtrationslager im Bezirk Brest gebracht. Bis Januar 1946 wurden wir dort hinsichtlich unserer Loyalität zur Sowjetunion überprüft. Unendliche Verhöre, unzählige Schriften, Anfragen bei verschiedenen Behörden … Danach erlaubte man mir, nach Mikun in der Autonomen Republik Komi zu fahren, um dort in einer Strafsiedlung zu leben und zu arbeiten. Acht Jahre war ich in diesem Lager und erst im April 1954 wurde ich wieder ein gleichberechtigter Bürger meines Landes. Ich fuhr sofort in meine Heimat, ins Gebiet Orjol. Ich erkannte mein Heimatdorf Plozkoje nicht wieder, das geplündert und niedergebrannt worden war. So beschloss ich, wieder in den Norden zurückzukehren.

Meine Frau Ljudmila Pawlowna und ich fuhren mit dem Zug Orjol – Moskau – Kotlas bis zur Endhaltestelle. Und nun lebe ich schon seit 55 Jahren in Kotlas. Erst habe ich im Betrieb für Holzverarbeitung gearbeitet, dann in der Kfz-Kolonne Nr. 1182. Am 4. Mai 1971 wurde ich mit dem Orden der Werktätigen ausgezeichnet. Im März 1985 überreichte mir unser damaliger Kriegskommissar Iwan Pljusnin den Orden des Vaterländischen Krieges. […].

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.