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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

398. Freitagsbrief (vom November 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Mordowien
Ardatow
Aleksandr Wiktorowitsch Kaljanow.

Sehr geehrte Mitglieder des Vereins „Kontakte-Контакты“, […]

Die ganze Familie des ehemaligen Kriegsgefangenen Aleksandr Wiktorowitsch Kaljanow möchte Ihnen herzlich für die finanzielle Unterstützung danken. Mit Worten lässt sich schwer beschreiben, wie sich unser Veteran gefühlt hat, als wir Ihren Brief gelesen und von der finanziellen humanitären Hilfe erfahren haben: „Wie kann das sein, wie haben sie mich gefunden?“, sagte er, seine Hände zitterten, Tränen der Freude traten ihm in die Augen.

[…]

Aleksandr Wiktorowitsch ist im Januar 90 Jahre alt geworden. Er kann nicht selbst schreiben, da er schlecht sieht, schlecht hört und viele andere Krankheiten hat. Aber er ist noch auf den Beinen, geht auch noch in den Garten. Er wohnt in einem Holzhaus ohne fließendes Wasser mit Toilette auf dem Hof. Aber wir sind der Anordnung des Präsidenten bezüglich der „Versorgung aller Kriegsveteranen mit Wohnungen“ gefolgt und haben ihn in der Gemeinde auf die Warteliste setzen lassen. Aber wird er es noch miterleben?

Sie haben in Ihrem Brief darum gebeten, von besonders eindrücklichen Ereignissen in seinem Leben zu schreiben. Er kann sich jetzt nicht mehr erinnern, kann nicht mehr zusammenhängend über seine Vergangenheit erzählen. Wir schicken Ihnen einen Zeitungsartikel, der zum 60. Jahrestag des Sieges abgedruckt wurde, als er 85 Jahre alt war. Dort stehen seine Erinnerungen und wird sein Lebensweg beschrieben.

Wir danken Ihnen nochmals sehr, dass Sie den Krieg nicht vergessen haben. Wir wünschen Ihnen allen und Ihrem Volk Gesundheit ohne Krankheiten, ein langes Leben, Glück, Erfolg und vor allem, dass Sie es niemals verlernen, andere Menschen zu verstehen.

Mit freundlichen Grüßen,

Kaljanow.

24.10.2010

Zeitungsartikel vom 10.11.2005 in „Nowosti Mordowiji“.

„Zweimal begraben. A. W. Kaljanow erfreut sich bis heute des Lebens“.

Aleksandr Kaljanow wurde 1939 zur Armee einberufen und diente in Transbaikalien. Aber bereits am 1.7.1941 nahm ihre Einheit an den erbitterten Kämpfen um Smolensk teil. Ihre Truppen mussten bis nach Moskau abrücken. Hier wurden die Überreste der Armee neu aufgestellt und wieder kamen sie zu Gefechten bei Moshajsk, Wolokolamsk und Jelnja.

[…] Dann kam die verhängnisvolle Nacht vom 14.12.1942. Während des Angriffs wurde er von einem Granatsplitter am Bein verletzt. Plötzlich tauchten Deutsche auf und siebzehn unbewaffnete sowjetische Soldaten waren eingeschlossen. Die Deutschen führten sie unter Bewachung auf die andere Seite des Flusses Asuga, der Fluss war 60–70 m breit, aber auf dem Eis war überall Wasser, da Tauwetter war, die Soldaten bekamen nasse Füße und froren. Auf der anderen, der deutschen Seite des Flusses mussten sie lange in einem Graben ausharren, dann trieb man sie weiter. In Sytschowka kam er in die Typhusbaracke. Er kann sich noch an die dreistöckigen Pritschen erinnern, von denen ständig die Toten fortgetragen wurden und neuen Kranken Platz machten. Die Deutschen kamen nicht mal in die Nähe der Baracke. Niemand behandelte die Kranken, sie bekamen fast nichts zu essen, niemand sah sich die Wunde an seinem Bein an oder machte ihm einen Verband, nach einem Monat hatte sich die Wunde zusammengezogen und der Splitter blieb ihm für sein ganzes Leben. Dann wurden sie in Gruppen nach Litauen und weiter nach Polen getrieben, wer zu schwach war, um weiterzugehen, wurde an Ort und Stelle erschossen. So kamen sie zu dem polnischen Ort Katowizy [Kattowitz]. Dort mussten sie im Bergwerk arbeiten, verluden Kohle 700 Meter unter der Erde. Als die sowjetischen Truppen vor der Stadt standen, trieben die Deutschen sie in Kolonnen bis zur deutschen Stadt Görlitz. Kurz vor Kriegsende landete Aleksandr Wiktorowitsch in Nürnberg. Das Lager wurde von den Amerikanern befreit. Die sowjetischen Soldaten wurden in Viehwaggons nach Lizitschansk in der Ukraine gebracht. Dort arbeitete er ein Jahr lang im Wojkow-Bergwerk. Die ehemaligen Kriegsgefangenen bauten das Bergwerk wieder auf und wurden gleichzeitig der Sonderüberprüfung unterzogen. 1946 kehrte Aleksandr Wiktorowitsch in seinen Heimatort Ardatow zurück, zu seinen Eltern, die bereits Anfang 1943 eine Todesbenachrichtigung bekommen hatten.

1994 kam ein „Erinnerungsbuch“ heraus, in dem die Namen aller Soldaten aus Mordwinien, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind, festgehalten wurden. Auch Aleksandr Wiktorowitsch Kaljanows Namen findet sich dort mit folgenden Angaben: „Aus Ardatow/Mordwinien, Russe. 1941 in die Sowjetische Armee einberufen. Soldat. Dezember 1942 im Kampf gefallen. Begraben in Bedernikowo, Gebiet Twer“. So wurde Aleksandr Wiktorowitsch, der sein ganzes Leben als Chirurg im Bezirkskrankenhaus Ardatow gearbeitet und im ganzen Bezirk bekannt ist, zum zweiten Mal begraben. Aber er nimmt es leicht: „Das heißt, dass ich lange leben werde“, meint er.

Als er 1946 in seine Heimatstadt zurückkehrte, hatte er es nicht leicht – niemand wollte ihm Arbeit geben, obwohl die entsprechenden Ämter ihn einer Sonderüberprüfung unterzogen hatten, ihm nichts hatten vorwerfen können und ihn freigelassen hatten. Mit Hilfe seines Vaters, eines angesehenen Mannes im Ort, fand er schließlich eine Stelle. Er arbeitete dort ein Jahr und bereitete sich gleichzeitig auf die Aufnahmeprüfung an der Universität vor, denn es war schon immer sein Traum gewesen, Arzt zu werden. 1947 begann er am Medizinischen Institut in Kasan zu studieren, mit 27 Jahren, nach zehn Jahren Unterbrechung. […]

Nach dem Studium arbeitete er drei Jahre lang als Oberarzt im Bezirkskrankenhaus der Stadt Kemerowo, dann kehrte er nach Ardatow zurück und arbeitete dort als Chirurg. Zu der Zeit gab es nur zwei Chirurgen im ganzen Bezirk. Als er schon in Rente war, arbeitete er noch bis zum Alter von 70 Jahren als Notarzt. […]

Sein Leben hätte in der Typhusbaracke ein Ende finden können, in der deutschen Gefangenschaft und sogar am Tag der Befreiung. Denn an diesem Tag entdeckten die Kriegsgefangenen auf dem Lagergelände ein Fass Spiritus, wie sich herausstellte, war es giftiges Methanol. Gegen Morgen starben etwa 400 Männer, die mehrere Jahre Hunger und Demütigung überlebt hatten, unter schrecklichen Schmerzen – unbedacht hatten sie sich mit ihrer Gier nach einem Schluck Freiheit und Ausgelassenheit ins Verderben gestürzt. In diesem Moment der allgemeinen ausgelassenen Freude schenkten die befreiten Gefangenen Spiritus an alle aus. Auch Aleksandr Wiktorowitsch nahm einen Schluck, mehr trank er aber nicht, da ihm der Geschmack nicht gefiel und die Schwere im Kopf, die auf das Getränk folgte. Seinen Freund Aleksej aber trugen sie am nächsten Morgen aus der Baracke und er starb im Gras neben dem offenen Tor des Todeslagers. Er gab seinem Kameraden seine Uhr und bat ihn, sie seiner Frau zu übergeben, die er mit seinem schrecklichen Tod verraten hatte. […]

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