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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

397. Freitagsbrief (vom Juni 2011, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Ukraine
Gebiet Lugansk
Tichon Grigorjewitsch Nikolenko
[Es schreibt die Ehefrau A. Ja. Nikolenko].

Liebe Freunde im fernen Deutschland!

Wir waren sehr ergriffen von Ihrem Brief und von dem Geld, das wir vor Neujahr bekommen haben. Wir danken Ihnen millionenfach.

Von dem Geld werden wir Kohle kaufen. Die Kohlen – 3 Tonnen – kostet genau so viel, und das reicht uns zum Heizen über den ganzen Winter. Wir wohnen in einer Zweizimmerwohnung im Erdgeschoss eines zweistöckigen Hauses. Wir hatten früher Zentralheizung, aber vor zwölf Jahren wurde unser Bergwerk geschlossen, das Heizwerk wurde abgebaut und so wärmen wir uns seitdem am Ofen. In unserer Wohnung ist es im Winter kalt, mit dem Ofen bekommen wir die Wohnung nicht warm, wir können damit nur kochen. Unsere Tochter schimpft: „Was ist denn da so schlimm, ihr habt schon Schlimmeres erlebt!“

Nach dem Krieg hatten wir wirklich keine Angst vor irgendwelcher Not, denn schließlich war FRIEDEN, wir waren jung und liebten unsere Arbeit: die Schule und die Kinder. Wir bekamen zwei Töchter, Nina und Tanja, später heirateten sie und unsere Enkel kamen auf die Welt. Jetzt sind wir schon Rentner, wir verlangen nicht viel Unterstützung, wir können uns schon irgendwie versorgen, das ist ja selbstverständlich in unserem Alter. Was die Gesundheit betrifft, so weiß man ja, wie das bei alten Leuten ist – es gibt keine Arznei gegen das Alter. Aus Kiew haben wir jetzt Unterstützung bekommen, sie haben uns ein Druckmessgerät und vier Packungen Tabletten geschickt, die wir brauchen, da die Ärzte sie verschrieben haben. [*]

Danke, danke, ihr guten Menschen.

Tichon Gr. erzählt uns, wenn wir ihn darum bitten, vom Krieg und der Gefangenschaft und als er noch arbeitete, hat er den Kindern in der Schule davon erzählt. Er war fast drei Jahre in der Gefangenschaft, und da war er 22–24 Jahre alt. Sie waren dort immer hungrig, das Essen bestand aus Abfällen, es waren sehr kleine Portionen. Anstelle von Geschirr hatten sie selbstgemachte Schüsselchen aus Konservendosen, die geschickte Gefangene angefertigt hatten. Es gab oft nur einmal am Tag Essen. Was Kleidung und Schuhe betrifft, so musste jeder sehen, wo er etwas herbekam; manchmal wurde auch im Lager Kleidung ausgegeben. Die einzige Rettung war das brüderliche Verhältnis zwischen den Soldaten. Diese Menschen blieben auch in schwierigen Situationen noch echte Menschen – sie klauten einander weder die Essnäpfe noch die Kleidung. Ein gutes Herz hat vielen Menschen während des Krieges das Leben gerettet. Diese Generation weiß bis heute, was Güte ist. Es ist sehr schade, dass die heutige Jugend früh Bekanntschaft mit Wodka, Zigaretten und Drogen macht. Aber das Leben ist eine harte Lehre, so sollten sie lernen, was die wahren Werte im Leben sind: Arbeit, Güte, Frieden, Familie – das ist der Boden unter den Füßen.

[…]

Mit freundlichen Grüßen,

A. Ja. N.

****

[*] Laut Vertrag mit unserer ukrainischen Partnerorganisation „Verständigung und Toleranz“ in Kiew werden die überwiesenen Spenden an ehemalige sowjetische Kriegsgefangene, die bereits symbolische Anerkennungsbeträge (300 €) erhielten, in Notfällen für medizinische und soziale Zwecke eingesetzt.

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