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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

396. Freitagsbrief (vom Dezember 2013 aus dem Russischen von Jennie Seitz).

Ukraine
Cherson
Georgij Andrejewitsch Rosow.

Guten Tag!

Hier ist meine Antwort auf Ihren Brief, den Sie mir, Georgij Andrejewitsch, wohnhaft in der Stadt Cherson in der Ukraine, geschrieben haben.

Zunächst möchte ich Ihnen und Ihren Kollegen vielmals für die Medikamentensendung danken. Ich habe sie sortiert und nehme die Medikamente in Absprache mit meinem Hausarzt regelmäßig ein. Zudem muss ich gestehen, dass ich niemals mit so einer hohen Summe gerechnet hätte. Vielen Dank!

Ich bin jetzt Rentner. Bald werde ich 92. Mein Geburtsdatum ist der 7. Januar 1922. An diesem Tag wird nach dem orthodoxen Kalender übrigens auch die Geburt Christi gefeiert.

Nun etwas über mich zu Zeiten des Krieges.

Ich war damals bei den Langstreckengeschwadern. In der Nacht vom 21.  auf den 22. Juni 1943 wurde unser Flugzeug über einem feindlichen Flugplatz abgeschossen, ich erlitt eine Verbrennung und erblindete vorübergehend. Auf dem Weg zur Frontlinie begegnete mir ein junger Kerl, ein Schafhirte, der, wie sich später herausstellte, den russischen Polizai von mir erzählte, diese schickten mich wiederum zur Gendarmerie, und dann reichte man mich an die [deutsche] Führung des Flugplatzes Griwatschki weiter. Einen Tag später wurde ich in die medizinische Einrichtung des Flugplatzes gebracht. Das waren drei Gebäude aus rotem Backstein, der Jeep, in dem ich gefahren wurde, hielt davor. Während mein Begleitmann mit dem Arzt redete, musste ich die Fragen deutscher Flieger beantworten, die vor den Gebäuden herumstanden. Bald sagte einer von ihnen auf Russisch zu mir: „Mach dir keine Sorgen, du wirst am Gesicht operiert.“ Woher er Russisch konnte, weiß ich nicht. Aber das gab mir Kraft. Dann wurde ich in die Ambulanz gebracht, bekam eine Spritze, und was danach passierte, weiß ich nicht. Ich kam erst zu mir, als die Schwester mit meinem Gesichtsverband fast fertig war. Danach wurde ich zum Flugplatz Griwatschki gebracht. Dann – Gefangenschaft, Verhöre, Transporte …

In Ihrem Brief stellen Sie viele Fragen, vor allem, ob es gute Menschen unter den Deutschen gegeben hat. Ja, die gab es!

Als wir im November 1943 in Lettland bei der Holzbeschaffung waren, klopfte einmal einer der Wachmänner an unsere Baracke. Unsere „Versammlung“ bestand aus neun Leuten. Der Deutsche warnte uns, dass wir bald nach Estland gebracht werden würden. Wir waren ihm dankbar und bereiteten uns später so gut es ging auf die sogenannte „Evakuierung“ vor. Nach einer Weile wurden wir bei Schnee und Kälte nach Permau (Estland) [Dulag 154N Pernau/Pärnu] gebracht. An den Füßen hatten wir kalte Holzklötze. Als wir geführt wurden, war ihr hallender Klang auf dem Pflasterstein meilenweit zu hören. Untergebracht wurden wir in ehemaligen Pferdeställen. Schlafen musste wir auf nackten zweigeschossigen Pritschen. Es gab weder Matratzen noch Decken. Zwei Tage später wurde ich zusammen mit einem Tuberkulose-Kranken, der als schwer krank galt, zurück nach Lettland, Riga gebracht, und von da aus ins Lager „Salaspils“. [Stalag 350Z Salaspril?]

Hier ein Ereignis, der sich in die Erinnerung gebrannt hat, wie die Lagerführung mit auskurierten Kriegsgefangenen umging. Der Leiter, er hieß Domermut, und sein Gehilfe Philipp spannten ehemalige Rotarmisten vor eine Bodenwalze, mit der sie den Rollsplitt auf der zentrale Straße im Lager plattwalzen mussten.

Nach 2 Monaten und 6 Tagen, als ich wieder etwas sehen konnte, floh ich mit einer Gruppe Mutiger, schloss mich wieder unseren Truppen ein, kämpfte weiter. Aber die Verwundungen meldeten sich wieder, und ich kam ins Krankenhaus, wo ich schließlich den Sieg erlebte!

In der Nachkriegszeit, nach langer Behandlung im Krankenhaus, habe ich im berufsorientierten technischen Bildungswesen gearbeitet. Zunächst war ich Meister, dann Leiter des Technikums. 1985 ging ich in Rente. Ich besitze Kampf- und Arbeitsauszeichnungen.

Nach dem Krieg nahm ich aktiv am gesellschaftlichen Leben der Stadt Cherson teil.

Ich hab zwei Söhne, drei Enkel und schon zwei Urenkel. Meine liebe jüngste Enkeltochter Nastja lernt Deutsch an der Universität, möchte Übersetzerin werden (Englisch und Deutsch). Nächstes Jahr möchte sie für einen Studienaufenthalt nach Deutschland reisen.

Das ist, in aller Kürze, mein Leben.

Im Moment beende ich übrigens gerade mit der Hilfe meine Kinder und Enkel meine Memoiren, genauer ein bescheidenes Büchlein mit Erinnerungen an den Krieg und das Leben in der Nachkriegszeit. Denn Erfahrung und Erinnerung – das ist etwas, das wir unbedingt an die nachfolgende Generation weitergeben müssen, um das Gute zu erhalten und die fatalen Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.

Ich danke Ihnen nochmals für die Hilfe. Ihre Aufmerksamkeit ist mir sehr angenehm und wertvoll. Alles Gute für Sie.

G. A. Rosow.

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