Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

395. Freitagsbrief (aus der Anfangszeit unserer Korrespondenz, vom Februar 2005).

Ukraine
Lwow
Aleksander Fedorowitsch Iwanow.

Guten Tag, sehr geehrte unbekannte Frau Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit,

ich habe Ihren Brief erhalten und bin dafür aufrichtig dankbar. Ich bin ein Russe, der wegen des Willens des Schicksals in der Ukraine lebt. Ich werde bald 82 Jahre alt, aber ich bin nicht bereit, in den nächsten 20 Jahren zu sterben. In der Jugend habe ich von einer Karriere als Flieger oder eines Opernsänger geträumt. Der Krieg hat alle Träume verweht.

Meine Heimat war auf den Krieg nicht vorbereitet. Sie hat den Nachbarländern vertraut. Hitler war listiger und hat meine Heimat angegriffen. 26 Mio. unserer Bürger kamen ums Leben. Ich ging über die Kriegswege nach Weißrussland. Am 14. Dezember 1943 wurde ich während einer Winteroffensive gefangen genommen. Erst 1945 habe ich erfahren, dass unsere "Katjuschas" gewissermaßen daran schuld waren. Sie sind 10 Minuten zu spät angekommen und haben das Feuer eröffnet, als wir bereits den Nahkampf mit den Deutschen angefangen hatten. Aus unserer Abteilung sind nur 15 Männer am Leben geblieben. Ich wurde verletzt. Unsere Truppen zogen sich etwa 20 km zurück. Am nächsten Tag suchten die deutschen Sanitäter nach eigenen Toten und Verletzen. Sie haben mich gefunden. Ich lag am Straßenrand bei den Eisenbahngleisen, völlig bewusstlos. In der Hand hatte ich eine deutsche Maschinenpistole. Die Deutschen brachten mich zu ihren Stellungen. Als die LKWs ankamen, wurde ich eingeladen. Wir kamen nach Borisow zu einem "Krankenhaus" [Dulag 240]. Das war eine Baracke, von Stacheldraht umzäunt. Der russische Arzt, auch ein Gefangener, machte einen Verband für meine Wunde aus dem Rest meines Hemdes. Dann kam ich nach Tschenstochow [Stalag 367 Tschenstochau] in Polen. Dort blieb ich bis zum Frühjahr 1944. Der Barackenkommandant war ein alter Soldat, der nicht mehr dienen konnte. 1914 kämpfte er in der Ukraine und sprach Ukrainisch. Als er von meiner Verletzung erfuhr, besuchte er meine Baracke, quasi zwecks Überprüfung. Tatsächlich brachte er für mich Verbandmittel, Jod, ein halbes Päckchen Butter. Er befahl dem Arzt, mich sorgfältig zu behandeln. Dieser Mann starb. Ich bin ihm uneingeschränkt dankbar.

Es sind 60 Jahre vergangen. Ich habe fast alle Städte vergessen, wo ich war, wo wir arbeiteten. Wir waren ein Team, 20 Männer. Als wir nach Deutschland kamen, erhielten wir den ersten Arbeitsauftrag: wir mussten 50 Kilo schwere Strohballen ausladen und ordnungsgemäß im Heuschober 50 m entfernt lagern. Danach arbeitete ich in einem Steinbruch. Wir schleppten die Steine. Anschließend mussten wir wieder unsere Arbeitsstelle wechseln. Diesmal waren die Großgrundbesitzer unsere Arbeitgeber. Pro Tag gab es eine Arbeitsnorm: 39 Wagen für zwei Männer. Zuerst haben wir 18–19 Wagen täglich erledigt, dann – weniger und weniger. Die Kräfte waren erschöpft. Die Nahrung war überall gleich. Am Morgen bekam man ein Glas Ersatzkaffee und 200 g Brot, am Abend – 0,7 Liter Balanda. In der dünnen Suppe gab es 2–3 kleine ungeschälte Kartoffeln. Ich habe noch im Gedächtnis folgende Städte: Osnabrück, Essen, Aachen und Bocholt (In der letzten Stadt waren wir schon nach dem Krieg). Als Finnland die Kampfhandlungen und auch die Holzlieferung nach Deutschland eingestellt hat, mussten wir in etwa 20–30 km von Bocholt die hundertjährigen Eichen für die Kriegsindustrie fällen. Im Laufe eines Tages fällten wir 2–3 Eichen und sägten die Stämme durch. Damit machten wir zwei Meter hohe Holzblöcke, die dann nicht abgeholt wurden und am Straßenrand liegen geblieben sind. Eines Tages wurden wir nicht zur Arbeit getrieben. Das war ganz früh. Wir gingen aus der Baracke in den Hof und sahen, dass die Wachmänner ein Fuhrwerk mit Waffen, Lebensmitteln und Uniformen beladen hatten. Da gab es noch irgendwelche Kisten und Säcke. Wir kehrten ganz schnell in den Wohnraum zurück, nahmen Matratzen und sicherten damit den Stacheldrahtzaun ab. Wir durchbrachen das Tor und entwaffneten die Männer. Uns haben Alte bewacht. Wir haben diese Leute verschont und einfach frei gelassen. Unsere Gruppe ging über die Autobahn nach Bocholt. Ca. 5 km vor Bocholt wurden wir vom US-Militär angehalten und ins Lager gebracht, wo bereits unsere Kriegsgefangenen einquartiert waren. 2 Monate lang lebten wir im Lager. Wir bekamen zum Essen eine Tagesration eines US-Soldaten. Ich habe mein ursprüngliches Gewicht erreicht und war wieder 82 Kilo schwer.

Am 15. Juli 1945 wurden wir den sowjetischen Truppen übergeben. Wir kamen nach Rügen (das ist eine Insel) zwecks Prüfung durch den Sicherheitsdienst. Wir besuchten regelmäßig Rostock, wo wir unserer Lebensläufe schreiben mussten, vom Geburtstag bis zum heutigen Tag, wo wir waren, was haben wir gearbeitet. Das war die Filtration. Ich hatte Glück, weil ich den Leiter der Abwehrabteilung unserer Division getroffen habe, der mich erkannte. Danach wurde ich nicht mehr vernommen und wurde ins Transportregiment beim Oberkommando überwiesen.2 Monate lang war ich Autofahrer. 1946 wurde ich nach dem Regierungsbeschluss über den Wiederaufbau der vom Krieg zerstörten Wirtschaft demobilisiert. Als ich nach Hause kam, wo meine Mutter mit 3 minderjährigen Kinder gelebt hatte, habe ich erfahren, dass der Chef der Kriminalpolizei unser Haus besetzt hat. Meine Mutter mit den Kindern war gezwungen worden, in eine Hütte einzuziehen. In dieser Hütte wohnte bereits in einem 12 qm großen Zimmer eine 4-köpfige Familie. Die Mutter sollte sich dann in einem Durchgangszimmer einquartieren. Unser Haus hat dem Milizchef gefallen. Er hatte eine Anklage fabriziert. Ich sei Angehöriger der Wlassow-Armee gewesen. Meine Mutter sollte raus. Ich hatte 1,5 Jahre lang kein Lebenszeichen von mir gegeben. Meine Mutter hatte bereits zweimal eine Benachrichtigung über meinen Tod erhalten, einmal von meiner Abteilung und das zweite Mal nach 2 Monaten aus Moskau. Nach der ersten Benachrichtigung wäre ich im Kampf tapfer gefallen. Nach der zweiten Benachrichtigung würde ich vermisst oder wäre gefangen genommen worden. Als ich 1945 den Briefwechsel mit meiner Mutter angefangen habe, hat sie mir diese Benachrichtigung in einem Soldatenbrief geschickt. Sie wusste nicht, dass die ganze Korrespondenz zensiert wurde. Nach meiner Rückkehr bemühte ich mich, das Elternhaus zurückzubekommen. Ich wurde zu einem Gespräch eingeladen und direkt im Ermittlungsraum festgenommen. 3 Tage lang saß ich in diesem Raum. Ich habe gefordert, mir entweder die Anklageschrift bekannt zu geben oder mich freizulassen. Ich wurde darum gebeten, bis zum Abend da zu bleiben, damit die Passanten nicht sehen könnten, wie ich das Milizgebäude verlasse. Um 23.00 war ich frei. Ich traf einen Bekannten, der kurz zuvor aus Lwow zurückgekommen war. Er hat mir vorgeschlagen, die Ortschaft umgehend zu verlassen, sonst könne sich die Miliz noch etwas ausdenken und mich zu den weißen Bären zu schicken. Wir fuhren zusammen nach Lwow ab. Nach einem Jahr kam ich kurzfristig nach Hause zurück und holte meine Mutter und 3 Geschwister (2 Brüder und 1 Schwester) ab.

Im September 2005 werden es 60 Jahre meines Aufenthaltes in der Ukraine. In Lwow absolvierte ich ein Technikum und eine technische Hochschule. In meiner Berufskarriere habe ich nur die Position eines Meisters bei einer Bildschirmfabrik erreicht. Ich konnte nicht höher gelangen, weil ich parteilos war, kein Parteibuch in der Tasche hatte.

Meine jüngere Schwester wanderte 1950 von Deutschland in die USA aus. Sie lebt gut und bekommt eine höhere Rente als ich. Ich hatte 2 Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Heute müssen wir, meine Ehefrau und ich, zwei Rentner, den Enkelsohn erziehen, weil er ein Waisenkind ist. Ich bemühe mich, meinem Enkelkind etwas Gutes beizubringen, damit er ein guter Mensch wird. Meine Tochter war Zahnärztin. Am 15. Januar 1996 um 16.00 Uhr kehrte sie von der Arbeit zurück nach Hause. Sie stieg in eine Straßenbahn ein. Kurz danach stiegen drei Verbrecher zu, die versuchten, ihre Damentasche mit dem Geld wegzunehmen. Sie leistete einem der Verbrecher Widerstand. Sein Komplize kam durch die Menschenmenge, öffnete die Straßenbahntür und stieß meine Tochter raus, als die Bahn sich bewegte. Sie starb sofort. Ihr Ehemann war derzeit in Moskau. Nach ihrem Tod begann er zu trinken. Ich habe ihm meinen Enkelsohn nicht gegeben. Jetzt besucht der Enkelsohn die 10. Klasse. In einem Jahr wird er die Aufnahmeprüfungen bei einer Hochschule ablegen.

Ich bin ein Kriegsveteran und Invalide der 2. Gruppe. Mir wurde ein Auto zum 60. Jahrestag des Sieges versprochen. Die Sage ist frisch, glaubt man aber kaum daran. Uns wird sehr viel versprochen. Diese Versprechungen werden aber nicht erfüllt.

Das ist alles, was ich zu berichten habe. Wenn Sie noch weitere Fragen haben, würde ich mich freuen, darauf zu antworten. Meine Ehefrau und ich bekommen insgesamt umgerechnet 100 Euro Rente. 50 plus 50 ist gleich 100. Ich bedanke mich bei den einfachen Bürgern Deutschlands, die mir etwas halfen beim Überleben unter dem faschistischen Joch. Das soll sich nie wiederholen! Alle Völker der Welt sind Brüder und müssen friedlich miteinander leben.

Mit aufrichtiger Hochachtung

Aleksander Fedorowitsch Iwanow.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.