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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

394. Freitagsbrief (vom September 2006, aus dem Russischen von Dmitri Stratievski).

Ukraine
Gebiet Chmelnickij [*]
Grigorij Iwanowitsch Semenischen.

Guten Tag, sehr geehrte Frau Hilde Schramm,

ich möchte Ihnen über mein Leben in Kriegsgefangenschaft schreiben. Ich heiße Grigorij. Ich bin 1941 in Gefangenschaft geraten. Ich diente in Lettland, in der Stadt Schaulaj [Šiaulai-Litauen]. Am Fluss Neman bauten wir eine Befestigungsanlage. Nach Beginn des Krieges zogen wir uns bis Dwinsk zurück. Auf Ihrer Karte heißt diese Stadt Dünaburg. Weiter zogen wir uns bis Staraja Rusa. Dort wurde ich gefangen genommen. Ich kam mit einer Schädelprellung ins Lager. Das dortige Leben war unerträglich: Hunger, Kälte, Prügel, Sklavenarbeit in der Kiesgrube. Dort verbrachte ich den Winter. Danach wurden wir in die Stadt Pskow getrieben, auf Deutsch heißt die Stadt Pleskowd [Pleskau]. Lager lag im Sandgebiet. Da gab es die Organisation Todt, die Straßen reparierte. Dort arbeitete ich. Wir lebten in Erdhütten, etwa 300 Personen pro Hütte. Es war sehr schmutzig. Überall nur Schmutz, Läusen, Kälte und Tod. Jeden Morgen bestattete man 100 Menschen in Löcher für Viehfutter.

Ich habe nie gedacht, dass die Menschen so brutal und unmenschlich sein können. Es gab auch andere. Sie hatten aber Angst, uns zu helfen. Ich habe seltsamerweise überlebt. Ich versuchte, mit einem Kameraden, auch einem Kriegsgefangenen, zu fliehen. Uns hat der russische Älteste*verraten. Wir wurden festgenommen und zurück ins Lager gebracht. Es wurden Wächter gestellt. Danach führte man uns zur Erschießung in den Wald. Uns wurde ein Tuch vor die Augen gebunden. Es kam aber ein Kommandeur und sagte, dass die Erschießung am Abend nach der Rückkehr der Arbeitskommandos vollstreckt werde. Wir wurden in eine 100 Meter lange Baracke eingesperrt. Der Barackenälteste sollte uns bewachen. Als die Leute von den Arbeitskommandos zurückkehrten, gab es einen Stromausfall. Das gab uns eine Möglichkeit, uns unter die anderen Gefangenen zu drängen. Danach gingen wir in eine andere Baracke und später in die dritte. So verloren wir uns im Gedränge. Die Lagerleitung kam. Alle Lagerinsassen mussten antreten. Der Barackenälteste sollte kommen, um die Flüchtlinge zu identifizieren. Er hat uns nicht erkannt oder wollte uns nicht erkennen. Als Strafe bekam er 25 Stockschläge. Wir sind am Leben geblieben.

Ich habe viel Leid erlebt. Ich kann mich an einen anderen Zwischenfall erinnern. An der Bahnstation musste man Traktoren auf eine Plattform laden. Man legte zwei Bretter an. Ich musste den Traktor nach oben fahren. Ich hatte Angst, dass die Bretter wegen des Gewichts nachgeben würden. Gott hat mir geholfen. Die Bretter haben nicht nachgegeben. Dafür bekam ich ein halbes Brot.

Uns Kriegsgefangene rettete die Freundschaft mit Franzosen, Italienern und [?]. Sie bekamen Päckchen vom Roten Kreuz und teilten mit uns jedes Stück. Mir hat sich auch eine schreckliche Episode eingeprägt. Als wir von Staraja Rusa nach Pskow getrieben wurden, zählte unsere Kolonne ca. 1200 Mann. Wir machten eine Pause bei einer Grube für Viehfutter. Darin hatte sich Regenwasser gesammelt. Ein Wagen lieferte Hering in Fässern. Die Heringe wurden uns hingeworfen. Was danach passierte, war einfach schrecklich! Die Menschen kämpften miteinander. Man warf noch Brot hinzu, ganz wenig Brot. Nur wenige haben es bekommen. Nach den Heringen wollten alle trinken. Das Wasser war aber schmutzig. Viele tranken und starben. Wie viele Menschen starben! Ich bekam keinen Fisch. Dadurch habe ich überlebt. Auf dem Weg fielen Menschen wie Strohballen um, der ganze Weg war mit Leichen bedeckt. Die Bewegungsunfähigen wurden erschossen. Was für ein Schicksal ist die Kriegsgefangenschaft!

1945 haben mich russische Soldaten befreit. Ich gelangte an die Front. Danach wurde ich in die Armee einberufen und nach Japan als Soldat geschickt. Ich fuhr aber nur bis Blagoweschtschensk. Der Krieg war schon zu Ende. Nach der Heimkehr arbeitete ich in die Stadt Segesha in Karelien. Wir lieferten Holz zum einem Werk. 1946 wurde ich entlassen. Seitdem lebe ich in der Ukraine.

Grigorij Iwanowitsch Semenischen, Veteran des Großen Vaterländischen Krieges, Invalide der 2. Gruppe.

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[*] Volksbezeichnung für den Vorsitzenden der formellen Dorfselbstverwaltung, von der deutschen Besatzungsmacht installiert. (Übersetzer).

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