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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

391. Freitagsbrief (vom März 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Kamyschla
Gebiet Samara
Kaschbulgat Chusnulgatowitsch Chusnulgatin
[Es schreiben die Kinder].

Sehr geehrte Mitglieder des Vereins „KONTAKTE-KOHTAKTbI“!

Im Namen aller Mitglieder unserer Familie und in erster Linie natürlich im Namen unseres Vaters und Großvaters Kaschbulgat Chusnulgatowitsch Chusnulgatin möchten wir Ihnen unseren allerherzlichsten Dank und unseren tiefsten Respekt aussprechen, jedem Einzelnen von Ihnen und dem ganzen deutschen Volk, dafür, dass Sie die Häftlinge der Nazi-KZs nicht vergessen haben.

Unser Vater und Großvater hat Ihren Brief mit Tränen in den Augen gelesen. Er möchte allen, die das Leid nicht vergessen haben, das er als junger Mann erfahren musste, für die finanzielle Unterstützung danken. Folgendes hat Vater uns erzählt.

„An der Front diente ich im 183. selbständigen Nachrichtenbataillon und geriet am 2.9.1943 in Gefangenschaft, als ich im Kampf schwer verwundet wurde. Ich war in verschiedenen Lagern und wurde schließlich im April 1944 nach Hohenelbe in Chochdireg [Oberschlesien?] gebracht. Im Lager dort wurden Polen, Tschechen, Franzosen, Russen, Weißrussen und Ukrainer gefangen gehalten. Wegen meiner schweren Verletzung am Bein konnte ich nicht im Freien arbeiten, deshalb arbeitete ich in einer Tischlerwerkstatt. Wir waren dort zu Dritt: Ich (Hinkebein), ein Pole (auch ein Hinkebein) und ein Deutscher (er war kein Gefangener). Er war der ‚Chef‘ unter uns Dreien. Die Landschaft um unser Lager herum war wunderschön, es lag zwischen zwei Bergen an der Grenze zur Tschechoslowakei. Wir, die Kriegsgefangenen, wurden dort nicht sehr streng bewacht. Nicht weit von uns entfernt, fast neben uns, war ein Lager für englische Gefangene, aber wir hatten keinen Kontakt zu ihnen, da sie streng bewacht wurden – ihr Lager war hinter Stacheldraht. Jeden Morgen mussten wir uns melden. Jeder von uns hatte eine Nummer. Die Mahlzeiten bekamen wir in der Kantine. Die Versorgung war natürlich dürftig, aber wir bekamen viermal am Tag etwas. Am 7.5.1945 wurde ich von sowjetischen Truppen befreit. Die Überprüfung durchlief ich in Auschwitz. Noch im selben Jahr kehrte ich in die Heimat zurück.

Ich möchte anmerken, dass ich im Lager unter dem Namen Kaschbulgat Chusnulgatowitsch Schajchlabrarow registriert war. Später änderte sich mein Familienname und ich heiße jetzt Kaschbulgat Chusnulgatowitsch Chusnulgatin.“

Das hat uns unser Vater und Großvater erzählt. Dabei musste er weinen und die Tränen liefen ihm ununterbrochen übers Gesicht. Wir können das natürlich verstehen – was er damals als junger Mann erlebt hat, war einfach grauenvoll. Nach dem Krieg hat Vater als Schmied in der Kolchose gearbeitet. Er hat geheiratet. Danach ist er nach Kujbyschew (heute Samara) umgezogen und hat als Zimmermann, Tischler und Dreher am Bau gearbeitet. Dann ist er ins Dorf gezogen. Er hat zusammen mit seiner Frau (unserer Mutter) drei Kinder großgezogen. Er hat sechs Enkel und vier Urenkel. Mutter ist vor zwei Jahren verstorben. Jetzt lebt Vater allein in ihrem Haus. Aber wir Töchter und Enkel kümmern uns um ihn, besuchen ihn oft. Unser Vater ist oft krank, aber er hält sich wacker. Anscheinend hat die schwere Jugendzeit ihn abgehärtet. Er klagt nie über sein Leben. Er lebt von seiner Rente, arbeitet nicht. Das Alter macht sich natürlich bemerkbar, schließlich wird er bald 85 Jahre alt. Er ist Invalide zweiten Grades, Kriegsteilnehmer und Kriegsveteran.

Das wäre wohl alles, was wir Ihnen schreiben wollten. Herzlichen Dank Ihnen von uns allen. Wir würden uns über Post von Ihnen freuen.

In Dankbarkeit,

Kaschbulgat Chusnulgatowitsch Chusnulgatin und seine Kinder.

P.S. Wir wünschen Ihnen allen Gesundheit und alles erdenklich Gute. Vielen Dank für alles.

Kamyschla.

****.

Nachsatz: Unsere öffentliche Petition zur Anerkennung ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener hatten nur 1700 Mitzeichnerinnen und Mitzeichner. In Russland fand sie unter den Betroffenen Zustimmung, hier zwei Beispiele:

1.

Ich Aleksej Bogutscharskij, Kriegsinvalide der 1. Kategorie, ehem. Häftling des Stalags 13 D, der am 8.04.1945 aus der Kriegsgefangenschaft flüchtete, und meine Familienmitglieder unterstützen Ihre Petition im Vollen und Ganzen. Vielen Dank für Ihr aufrichtiges Verständnis! Schade, dass wir über diese Petition zu spät erfahren haben, sonst hätten wir diese sofort unterschrieben.

Aleksej Bogutscharskij, geb. 1920, ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener
Aleksandr Bogutscharskij, Sohn, geb. 1958, Sohn
Aleksej Bogutscharskij, geb. 1989, Enkel.

2.

Mein Großvater, Jewgenij Shukow, Kriegsveteran und ehemaliger Kriegsgefangener, hätte Ihre Petition sofort unterschrieben, falls er diese technische Möglichkeit gehabt hätte. Ich bin mir nicht sicher, ob auch russische Staatsbürger hier unterschriftsberechtigt sind. Können vielleicht auch Russen eine kollektive Petition beim deutschen Parlament einreichen?

Vjatscheslaw Shukow, Enkel (Archangelsk).

[Aus dem Russischen von D. Stratievski].

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