Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

39. Freitagsbrief (23.03.2007).

Mit den Spenden an ehemalige sowjetische Kriegsgefangene werden Rundbriefe verschickt, in denen wir auch um die Mitteilung ihrer Erinnerungen bitten. In den Antworten überwiegt oft die Dankbarkeit. Erst im Laufe der Korrespondenz verdeutlichen sie – so gut es ihnen möglich ist – ihre Erinnerungen. Hier ein Beispiel:

Brief 1.

Russland, St.-Petersburg.
Dawid Isaakowitsch Dodin.

Einen herzlichen Dank für Ihren Brief. Sie haben einen „einfachen“ Mann nicht vergessen. Ich freue mich darüber.

Ich bin am 9. Mai 1921 in einer armen jüdischen Bauernfamilie in Weißrussland geboren. 1940 wurde ich in die Armee einberufen. Ich diente im 35. Regiment an der Grenze zu Polen. Als der Krieg begann, wurde unsere Militäreinheit zerbombt. Wir erhielten einen Befehl, nach Osten zu ziehen. Niemand hat aber gewusst, dass Minsk bereits erobert worden war. Wir gingen mit den Kämpfen durch den Wald in Richtung Minsk. Letzten Endes wurden wir eingekesselt und gefangen genommen. Wir wurden bei Minsk am Ufer des Flusses Swischlotsch eingesperrt. Es gab nichts zu essen. Wir haben selbst etwas Korn und Wasser gefunden. Viele starben. Dann wurden wir nach Polen gebracht. Das war die Insel Losowec. Das Essen blieb schlecht. Wir wurden zur Arbeit bei den Bauern gezwungen. Zu essen erhielten wir nur Schweinefutter. Später wurden wir nach Deutschland abtransportiert. Ich glaube, es war ein KZ Zeitheim. (Stalag 304 d. Ü.) Wir schliefen unter freiem Himmel auf einer Wiese. Es regnete sehr stark. Tagsüber durfte man stehen bleiben. In der Nacht musste man nur liegen. Wer doch aufstand, wurde sofort erschossen.

Ich kann heute nicht genau sagen, wie lange wir in diesem Lager blieben. Einmal habe ich eine Stimme gehört. Jemand fragte auf deutsch: „Wer spricht Deutsch?“ Ich habe mich gemeldet. Danach war ich berechtigt, diese Menschenmenge zu verlassen. Auf mich wartete ein Unteroffizier. Er erklärte, dass ein Arzt die Hilfe beim Ausfüllen der Patientenkarten braucht. Ich wurde zu den drei separat stehenden Baracken geführt. In einer Baracke saß der Kommandant. In den anderen arbeiteten Ärzte. Ein Unteroffizier hat mich eingeschult. Ich konnte sehr gut Deutsch, weil ich ein Deutschlehrer war. Zudem hatte ich damals eine schöne Schrift. Ich begann die Patientenkarten für Kriegsgefangene auszufüllen. Weil ich einen Monat lang unter freiem Himmel übernachtet hatte, habe ich eine Lungenentzündung bekommen. Ich wurde unmittelbar in der Krankenbaracke behandelt. Die Behandlung war gut und menschlich. Ein Arzt hat mich sogar mit der deutschen Suppe versorgt.

Danach breitete sich Typhus aus. Die Deutschen verließen das Lager. Wir sind allein geblieben. Ich wurde auch typhuskrank. Der Unteroffizier sagte, ich müsse mit den anderen nicht in ein anderes Lager fahren. Ich blieb bei dem russischen medizinischen Personal. Das war wie ein Todesurteil. 11 Tage lang war ich völlig ohnmächtig. Die Jungs haben meine Brotration getrocknet und aufbewahrt. Als sich mein Gesundheitszustand etwas besserte, konnte ich diese Brotstücke essen und damit überleben. Zu uns kamen die kranken Gefangenen aus den anderen Lager. Vor allem waren es Tuberkulosekranke. Das gesamte Lager sah schon wie ein Lazarett aus. Die Kranken starben massenhaft vor Hunger. Ich arbeitete als Sanitäter bis zum 24. April 1944. Dann geriet ich auf einen Bauernhof. Ich arbeitete gut und wurde entsprechend gut behandelt.

Am 24. April 1945 arbeiteten wir in Rutter-Gutganisch (Rittergut Gamig, d. Ü.), 5 km von der Elbe entfernt. An diesem Tag wurden wir durch die Rote Armee befreit. Etwas später hat Stalin erlassen, die Berufslehrer nach Hause zu bringen. Ich fuhr nach Weißrussland, nach Hause. Von Februar bis 30. September arbeitete ich als Lehrer. Plötzlich wurde ich verhaftet und vom „Sonderrat“ [1] zu 10 Jahren Haft verurteilt. Es gab nur einen einzigen Grund dafür: ich bin am Leben geblieben.

Ich war 8,5 Jahren in Haft. 1956 wurde ich rehabilitiert. Ich arbeitete weiter im Bergwerk „Intaugol“ bei Inta. Dort lebte ich 30 Jahre lang. 1977 übersiedelte ich nach Leningrad, wo ich auch heute lebe.

Ich bitte um Entschuldigung für meinen Schreibstil. Ich bin schon alt. Außerdem hatte ich vor kurzem Grippe. Ein Auge ist blind. Ich bewege mich mit großer Mühe, weil ich auch kranke Beine habe. Ich verlasse die Wohnung ausschließlich in Begleitung meiner Ehefrau. Jetzt fühle ich mich ein bisschen besser und schreibe diese Antwort.

Ich bin für Ihre Teamarbeit sehr dankbar. Es war unglaublich angenehm, Ihren Brief am Vorabend des 60. Jahrestages des Kriegsende zu erhalten. Ich wünsche Ihnen beste Gesundheit, viel Glück und Kräfte. Alles Gutes für Ihre gemeinnützige Tätigkeit.

Hochachtungsvoll

Dodin D. I.

P.S. Entschuldigen Sie mich bitte für diesen Brief. Er ist vielleicht etwas chaotisch und unvollständig. Bei mir funktioniert nur ein Auge. Wenn Sie sich für meine Jahre in der Gefangenschaft interessieren, kann ich das nächste Mal darüber schreiben.

Brief 2.

Russland, St.-Petersburg.
Dawid Isaakowitsch Dodin.

Guten Tag, sehr geehrte Freunde!

Ich habe von Ihnen zwei Briefe erhalten und bin dafür sehr dankbar. Sie vergessen mich nicht. Leider kann ich nicht selbständig schreiben, weil ich jetzt nahezu völlig blind bin.

Sie fragen nach dem Leben im Lager, wo ich mich aufhielt. Dort war ich im Tbc-Lazarett. Die Lebensbedingungen waren unmöglich. Die Menschen starben vor Hunger und Krankheiten. Wir wurden gezwungen, Leichen weg zu tragen. Je vier Männern lagen lange Stöcke auf den Schultern. Darauf wurden die Toten quer gelegt. So trugen wir sie aus dem Lager weg. Jeder dachte: „Ich muss möglichst schnell auf solche Weise weggebracht werden, damit dieser Alptraum endlich zu Ende geht“.

Vor dem Lager gab es eine Verteilungsstelle. Dort war ein Moor. Wir wurden gezwungen, uns reinzulegen. Die aufstanden, wurden erschossen.

Obergefreiter Müller fragte: „Wer kann Deutsch?“ Ich hielt automatisch die Hand hoch. Er zog mich aus dem Moor raus. Ich half dem Unteroffizier Kowaltschik, Patientenkarten zu schreiben. Die Gestapo prüfte die Menschen in den Baracken. Ich wurde zur Prüfung in die Baracke gerufen. Man fragte nach dem Familiennamen. Ich antwortete: „Dawid Dodin“. Nationalität? „Belarusse!“. Der Prüfer setzte das Verhör in perfektem Belarussisch fort. Danach bat er mich, die Hose runter zu ziehen [2]. Ich sagte, dass ein so gebildeter Mensch wie er sich nicht mit so schmutzigen Sache beschäftigen müsse. Es sollte dazu ein Arzt gerufen werden. Er sagte: „Sie haben Recht, Sie können gehen!“

Die Kanzlei betrat ein rothaariger Deutscher und meinte, dass Dawid jüdisch sein. Der Unterarzt Lange stand auf: „Schweig, du Schwein, wenn du das noch jemals wiederholst, wirst du Probleme kriegen!“ Er vertrieb den Deutschen. Der Arzt sagte, wenn jemand mich rufen sollte, müsse ich sofort in die Kanzlei kommen. Nachher gab es keine Verhöre mehr.

Ein Oberfeldwebel, dessen Name ich vergessen habe, Unteroffizier Kowaltschik, Obergefreiter Müller, Gefreiter Emil Langmann und Soldat Kaug wussten, dass ich Jude bin. Ich war Mitglied der Untergrundorganisation im Lager.

Als ich heimkehrte, wurde ich bald verhaftet. Man verurteilte mich zu 10 Jahren Haft. Ich saß im Lager Nr. 1 in der Stadt Inta in der Komi ASSR. 1954 wurde ich freigelassen, 1956 rehabilitiert. 1976 übersiedelte ich nach Leningrad.

Meine Gesundheit ist schlecht. Die Augen können kaum etwas sehen. Ich kann schlecht gehen. Ich verbringe die Zeit hauptsächlich zu Hause. Die Wohnung liegt im 5. Geschoss ohne Fahrstuhl. Entschuldigen Sie mich, wenn ich etwas unschlüssig geschrieben haben. Der Grund dafür ist mein schlechtes Gedächtnis.

Mein ausführlicher Lebensbericht wurde von der Spielberg-Stiftung am 4. Mai 1998 auf Video aufgenommen. Sie können die Stiftung ansprechen. Dort werden die Kassetten aufbewahrt.

Hochachtungsvoll

Dawid Dodin.

26.02.2007

****

[1] Sonderrat, gemeint ist die sog. „Trojka“, ein Schnellgericht aus drei Personen, das für die Urteile der politisch Angeklagten zuständig war. (d. Ü.)

[2] Als Juden verdächtigte Kriegsgefangene wurden geprüft, ob sie beschnitten sind.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.