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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

389. Freitagsbrief (vom Oktober 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Ukraine
Gebiet Donezk
Iwanowitsch Karaschtschuk Safron
[Es schreibt die Witwe Jekaterina Aleksejewna Karaschtschuk].

Guten Tag, sehr geehrter Dmitri Stratievski und sehr geehrter Verein „Kontakte“,

diesen Brief schreibt Ihnen die Witwe des ehemaligen KZ-Häftlings Safron Iwanowitsch Karaschtschuk, der am 16.8.2009 im Alter von 88 Jahren verstorben ist. Mein Mann wurde im September 1940 zum Armeedienst eingezogen. Am 22.6.1941 hatte er das erste Mal Ausgang. Er wollte sich fotografieren lassen und das Foto nach Hause schicken. Er diente an der Grenze am Fluss Bug. Die erste deutsche Granate schlug in der Küche ein, in der für die Soldaten das Essen gekocht wurde. Am 27.7.1941 wurde er verwundet und gefangen genommen und war dann bis zum Kriegsende in deutscher Gefangenschaft. Im Armeebuch steht: verwundet, am 27.7. in Gefangenschaft geraten und damit endete sein Leben. Die Eltern bekamen eine Benachrichtigung, er sei vermisst. Er hat viel von der Zeit dort erzählt. Er sagte, dass man in Deutschland schwarze Flaggen hisste, als die Armee von Paulus in Stalingrad zerschlagen worden war, und erst da wussten sie, dass an der Front etwas passiert war. Danach behandelten die Deutschen sie besser. Mein Mann konnte keine körperliche Arbeit machen, aber eines Tages nahm ihn ein Deutscher mit, er hieß Willi, und seine Frau hieß Rosa. Er hatte ein Restaurant. Sie sagten meinem Mann: „Setz dich hier auf diese Matte und tu, was man dir befiehlt. Wenn du auf die Idee kommst, wegzulaufen – man wird dich sowieso finden, aber hier geben wir dir ein wenig zusätzliches Essen.“ Mein Mann wog damals 46 kg. Willi gefiel es, wie sorgfältig er alles machte, er reparierte Eimer und Fahrräder. So päppelten sie ihn wieder auf und er überlebte.

Wir haben oft davon gesprochen, dass wir diesen Mann ausfindig machen und uns bei ihm bedanken sollten, aber mein Mann sagte: „Ich war damals jung, und wo ich genau war, kann ich nicht sagen.“ Er sagte, sie waren nicht weit vom Bergwerk Maria, das ist alles, was ich noch weiß.

[…] Am 4.5.1945 wurden sie von Kanadiern befreit und irgendein belgischer Arzt behandelte sein Bein. Er hatte einen Durchschuss. Sie gaben ihnen Essen, aber zu Beginn wenig, dann immer mehr. In seinen Unterlagen steht, dass er in Linden in Holland ankam. Er hat viele schreckliche Dinge von damals erzählt, vor allem in den letzten Lebensjahren. Er hat viel bittere Worte über die Deutschen gesagt, aber noch mehr Schmerz lag in seinen Worten, wenn er von seinem eigenen Staat sprach, weil man ihm nie ein Wort der Dankbarkeit gesagt hat. Als er in Rente ging, da bekamen die Teilnehmer an Kriegshandlungen jedes Kriegsjahr wie drei Jahre Arbeit auf die Rente angerechnet. Bei meinem Mann dagegen wurde nur die Zeit vom 22.6. bis zum 27.7.1941 angerechnet.

Das wäre wohl alles. Ich habe an das Militärarchiv in Podolsk geschrieben, von dort kam folgende Antwort: Am 27.7.1941 gefangen genommen – das war's.

Mein Mann ist nicht mehr am Leben. Aber ich danke Ihnen sehr für Ihre Briefe. Wenn mein Mann noch leben würde, dann würde er dorthin fahren.

Ich habe einen Sohn in Belarus. Er hat folgende Frage: Wenn er zu dieser Gedenkstätte [Ehrenhain Zeithain, Stalag 304] fahren würde, bräuchte er ein Visum oder wie ist das?

Während ich Ihnen diesen Brief schreibe, sehe ich meinen Mann vor mir, wie er mir das alles erzählt hat, mit so einer Verbitterung, denn dort hat er seine Jugend verlebt, von 20 bis 24!

Ich danke Ihnen sehr und wünsche Ihnen allen Gesundheit und das Allerbeste.

Die Witwe Jekaterina Aleksejewna Karaschtschuk.

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