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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

388. Freitagsbrief (vom Januar 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Baschkirien
Ufa
Pawel Jakowlewitsch Judachin.

Sehr geehrte Mitglieder des Vereins „Kontakte-Контакты“ […]

Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihren Brief und die humanitäre Hilfe von Ihrem Verein und den einfachen deutschen Bürgern, die am Schicksal von uns ehemaligen Soldaten, die unfreiwillig in deutscher Gefangenschaft waren, Anteil nehmen.Durch Ihren Brief sind bei mir wieder die Erinnerungen an all die Gräuel des Krieges und an die Zeit, die ich hinter Stacheldraht verbringen musste, aufgekommen. So etwas kann man bis ans Ende seines Lebens nie mehr vergessen.

Ich habe den Krieg, der am 22.6.1941 begann, von der ersten Minute an miterlebt, da ich mich zu der Zeit an der Grenze befand. Ich war nordwestlich von Lemberg in dem kleinen Städtchen Weliki Mosty. Unser 2. Bataillon (796. Infanterieregiment, 141. Infanteriedivision) war im Mai und Juni 1941 damit beschäftigt, die neue Grenze zu befestigen. Wir haben dort Panzerabwehrgräben ausgehoben, die sich später allerdings als nutzlos erwiesen. Am 22. Juni wurden wir genau um 4 Uhr an der Grenze mit Kanonen und Maschinenpistolen beschossen; Flugzeuge zogen über uns hinweg ins Innere unseres Landes. Wir aber hatten den Befehl: „Nicht schießen! Das ist eine Provokation!“ Dabei hatten wir schon Tote und Verwundete zu verzeichnen … Später wurde unsere Einheit in den Wald verlegt. „Alarm!“ Wir bekamen jeder zwei Patronenstreifen für unsere Gewehre, die zu der Zeit unsere einzige Waffe darstellten. Dann „bewaffneten“ wir uns, d.h. jeder suchte sich selbst wie er konnte seine Ausrüstung zusammen. Eine zentrale Versorgung gab es nicht. So ausgerüstet begannen wir dann unter dem Ansturm der bis an die Zähne bewaffneten Nazi-Heerscharen den Rückzug ins Landesinnere. Mit der gleichen Ausrüstung und Bewaffnung zogen wir uns dann weiter Richtung Kiew zurück, um die Stadt zu verteidigen, wobei wir immer wieder eingekesselt wurden.

Am 22.7.1941 dann (genau einen Monat nach Kriegsanfang) schlug unser Versuch, einen Kessel zu durchbrechen, fehl. Das war an der Bahnstation Pogrebischtschewo-II. Dort wurden wir gefangen genommen, und unter den Gefangenen war auch ich. Sie trieben uns dann zu Fuß Richtung Westen, später transportierten sie uns per Zug nach Polen in die Stadt Cholm [Dulag 110]. Einen Monat später brachten sie uns nach Deutschland ins Lager Nr. 308 [Neuhammer/Schlesien]. Dort blieben wir bis zum Wintereinbruch. Dann wurden wir nach Österreich ins Konzentrationslager Markt Pongau Nr. 17 [Stalag XVIII C (317) St. Johann i. Pongau] überführt. Viele erfroren oder verhungerten oder wurden von der polnischen Polizai und anderen Aufsehern erschlagen. Ende 1942/ Anfang 1943 kamen wir in Arbeitslager, wo wir zu Arbeiten an der Eisenbahnlinie, die nach den Bombardierungen der Amerikaner und Engländer wieder instand gesetzt werden musste, eingesetzt wurden. Wir waren aber nicht arbeitsfähig, deshalb wurden wir erst drei Monate aufgepäppelt, damit wir wieder zu Kräften kamen. Die Arbeitslager, in denen ich war, waren in Pegam [Pöham], Bischofshofen und Schwarzach [im Pongau]. Als ich in Schwarzach war, wurden wir am 11.5.1945 von amerikanischen Truppen befreit. Ende Mai brachten sie uns ins Zentrallager in Markt Pongau. Von dort aus wurden wir mit Autos in die sowjetische Zone gefahren, wo wir der staatlichen Überprüfung unterzogen wurden und wo entschieden wurde, wer wohin kam. Mich schickten sie mit vielen anderen ins Donezbecken, wo wir beim Wiederaufbau der Volkswirtschaft und der Kohleindustrie arbeiten mussten. 1946 bekam ich eine Lungenentzündung, blieb aber am Leben. Nach der Genesung wurde ich aus dem Werk entlassen und man schickte mich nach Stameno, in eine Produktionsfirma für Bergwerksausrüstung, in der wir ausgebildet werden sollten: zum Drechsler, Schweißer oder anderem. Ich sollte zum Fräser ausgebildet werden.

Das größte Leid für einen ehemaligen Soldaten ist die Gefangenschaft. Sie begleitet ihn sein ganzes weiteres Leben. Was haben wir, die Gefangenen, durchmachen müssen! Aber ich habe alles überlebt. Ich habe eine Ausbildung gemacht, gearbeitet und viele Berufe erlernt. Ich bin schon 88 Jahre alt. Ich bin Rentner. Meine Familie: meine Frau, drei Töchter, vier Enkel und ein Urenkel.

Ihnen, den Bürgern Deutschlands und den ehemaligen deutschen Soldaten, die an unserem Schicksal Anteil nehmen, möchte ich sehr herzlich für Ihre kleine Unterstützung danken. Das Wichtigste ist nicht die Geldsumme, sondern dass Sie uns verstehen und mit uns mitfühlen.

Mit den besten Wünschen,

der ehemalige Soldat Pawel Jakowlewitsch Judachin.

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