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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

387. Freitagsbrief (vom Febr. 2007).

Ukraine
Gebiet Kiew
Baryschiwka
Aleksandr Petrowitsch Bilorus.

Sehr geehrte Mitarbeiter von KONTAKTE-KOHTAKTbI,

ich wünsche Ihnen beste Gesundheit!

Ich, Aleksandr Petrowitsch Bilorus, geboren am 11.05. 1922, wurde im November 1940 in die Armee einberufen. Ich war damals 18 Jahre und 5 Monate alt. Ich diente in Lomsha in Westbelarus, an der Grenze zu Deutschland. [sic] In den ersten Kriegsminuten waren wir in den Kampf verwickelt. Mehrere Male gelang es uns, die Belagerung zu durchbrechen. Ich wurde aber doch von den Truppen des Reichs [sic] gefangen genommen. Wir wurden auf eine Fläche 100 × 100 Meter zusammengetrieben. Doppelte Stacheldrahtreihe und Wachtürme mit Maschinengewehren in den Ecken. Etwa drei oder vier Wochen später wurden wir registriert. Es wurden Marken verteilt.

(Eine Skizze der Stalag-Marke. Es wird die Größe angegeben: 10 × 4 cm. Auf der Marke steht der doppelte Text: „Stalag 308. 11355.“) [Stalag 308 Neuhammer am Quais/Schlesien].

Meine Nummer lautete: gunder draizen finf und funfzen. [Im Original Deutsch mit kyrillischen Buchstaben] Später wurden wir in ein anderes Lager überführt. Das Lager stand am Waldrand. Hier waren Dampfhupen zu hören. Im November wurden 30 Personen, darunter ich, mit LKWs in die Stadt Meseritz gebracht. Wir wurden in eine Baracke am Stadtrand untergebracht. Zur Arbeit wurden wir unter Bewachung geführt. Das Werk hieß „Trocknungswerk Meseritz“ Hier wurden Zuckerrüben und Kartoffeln als künftiges Pferdefutter getrocknet. So wurde uns wenigstens gesagt. Zur Arbeit führten uns zwei Wächter in Schichtwechsel. Einer war Deutscher, der zweite – Finne. Der Deutsche hieß Otto, etwa 30 Jahre alt, ein dicker Mann. Er war ein einfacher und guter Bursche. Er brachte Verständnis für uns auf und hatte Mitleid. Wir baten Gott um Weiterbeschäftigung des Mannes, damit er nicht abberufen wurde. Der zweite, der Finne, war ein echter Unmensch. Er war bestialisch und demütigte uns auf verschiedene Art und Weise. Während der Arbeit im Werk klauten wir gekochte Kartoffeln und aßen sie gierig mit Salz. Im Mund gab es zu viel Salzgeschmack. Ich trank eine Menge kaltes Wasser. Als Folge kam es zur Halsentzündung. Einen Tag lang lag ich in der Baracke. Ich hatte Fieber. Ich hatte keinen Stuhl. Ich konnte nur durch die Nase atmen. Ich wartete auf den Tod. Gott hat mich begnadigt. Er schickte einen Schutzengel. Dieser Engel war der gute Otto. Er sah mich im Krankenbett im schlechten Zustand. Er half mir aufzustehen und mich anzuziehen und brachte mich ins Krankenhaus. Der Arzt untersuchte mich. Er machte meinen Mund mit irgendetwas auf und schnitt mit dem Skalpell die geschwollene Stelle durch. Der Geschwulstinhalt kam raus. Der Arzt gab mir Flüssigkeit zum Spülen. Mir ging es sofort deutlich besser. Drei Tage später ging ich schon zur Arbeit. Auf dem Weg in die Baracke fragte Otto jedes Mal: „Bessa, bessa?“ [Im Original Deutsch mit kyrillischen Buchstaben] Er fragte, ob ich mich besser fühle. Ich antwortete darauf: „Ja, ja, bessa!“ Mein ganzes Leben bin ich dem guten Otto für die Rettung dankbar. Was für einen Schluss kann man daraus machen? Folgendes: Jedes Volk, jede Nation besteht hauptsächlich aus guten und netten Menschen. Die Bestien kommen aber auch vor. Es ist natürlich schade, dass einfache Deutsche, auch Kinder und Enkelkinder für das Geschehen gewissermaßen mitverantwortlich sind oder sich mitverantwortlich fühlen.

Einen riesigen Dank an Sie! Ich habe 300 Euro am 21.12.2006 erhalten. Mit dem Geld werde ich eine Augenoperation bezahlen.

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich in meinen Gedanken alle Orte, wo ich in den Kriegsjahren so viel erlebt habe. Meine verlorene Jugend tut weh.

Sehr geehrte Mitarbeiter von KONTAKTE-KONTAKTY, ich bedanke mich bei Ihnen für Ihre Arbeit. Möge Gott Ihnen beste Gesundheit, Frieden, Wohlstand, Glück und Liebe bringen!

Hochachtungsvoll

Bilorus.

(Unterschrift).

Ich umarme und küsse Sie!

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