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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

386. Freitagsbrief (vom Februar 2007, aus dem Ukrainischen von Sibylle Albrecht).

Ukraine
Gebiet Sumy
Konotop
Andrij Dmitrijewitsch Burda.

Sehr geehrte Damen und Herren des Vereins Kontakte-Kontakty,

für die humanitäre Hilfe in Höhe von 300,– Euro und dafür, dass Sie sich meiner erinnerten, möchte ich mich sehr bei Ihnen bedanken. Wertvoller als das Geld ist mir jedoch das Verständnis und das Mitgefühl der Bürger Deutschlands für das, was ich während der Gefangenschaft in Deutschland durchgemacht habe.

Ich erinnere mich an eine Begebenheit, als man uns von der Grube „Erika“ [wahrscheinlich Braunkohlentagebau Oberlausitz] in das Dorf Germsdorf [evtl Bernsdorf Oberlausitz] brachte – zerlumpt, schmutzig, nur Haut und Knochen noch und nur noch bereit für den Sarg. Eigentlich waren wir nicht mehr fähig zu leben – nur Gott im Himmel sei Dank, dass wir am Leben blieben.

Die Einwohner des Dorfes liefen in Scharen herbei, um uns zu sehen. „Russische Schweine“ bekamen wir von ihnen zu hören! Und wahrhaftig, wie Menschen sahen wir auch nicht aus. Aber wer hat uns in diese Lage gebracht? Aber glauben Sie mir, zwei Monate Arbeit auf dem Feld haben uns verwandelt: Wir bekamen die übliche Verpflegungsration für Kriegsgefangene plus – danke dem Bauern, der uns erlaubte, je ein paar Kartoffeln in die Taschen zu stecken! Die haben wir dann im Ofen gebacken. Ich, der ich im Lager „Erika“ 42 kg wog, hatte nach den Feldarbeiten 65 kg. Bald nach unserer Ankunft hatten die Dorfbewohner Mitleid mit uns bekommen. Sie begriffen, dass wir genau solche Menschen waren wie sie auch. In jeder ihrer Familien waren Ehemänner, Söhne und Väter in diesem Krieg, ihrSchicksal hätte wie unseres sein können. Ich unterhielt mich etwas mit den Einheimischen (wie ich es vermochte) und verstand, dass auch sie diesen Krieg nicht wollten. Einige Wachsoldaten ließen uns während der Arbeit mit den Einwohnern reden. Daraus ziehe ich den Schluss, dass das deutsche Volk nicht schuldig ist – es wurde aufgehetzt und es hatte seinen Machthabern geglaubt, die Russen seien den Deutschen feindlich gesonnen.

Im April 1945 wurden wir aus den großen Kriegsgefangenenlagern in Kolonnen zu einigen Tausend Gefangenen fortgebracht Richtung Westen (wohin, das weiß ich bis heute nicht). Es ging das Gerücht um, dass man uns in irgendwelche Gruben treibt und dann vergasen wird [?]. Meine Kameraden und ich beschlossen, aus der Kolonne zu fliehen. Die Kolonne wurde dann gestoppt und es begann die Jagd auf uns mit heftigem Schießen. Sicher waren viele der Gefangenen unserem Beispiel gefolgt und hatten die Flucht aufgenommen. Es war eine sehr dunkle Nacht, es regnete und das rettete uns vor Verfolgung. Neben der Straße war eine Schlucht, wir stürzten ca. 20 m hinab. Da war auch ein kleiner Fluss. Wir liefen im Flussbett, waren total durchnässt. Am Ufer bemerkten wir irgendeinen Gegenstand, das war ein großer Stein. Darunter versteckten wir uns und waren nicht mehr zu sehen. Die Wachsoldaten liefen in der Nähe vorbei und haben uns nicht gesehen. Nachdem die Kolonne sich fortbewegt hatte, verließen wir unser Versteck und erkundeten die Umgebung (es begann schon hell zu werden): Zur einen Seite war ein Berg mit sumpfigem Vorgelände, zur anderen Seite eine Bahnstrecke, die rund um die Uhr bewacht wurde. In anderer Richtung befand sich eine Militäreinheit (das hatten wir später bemerkt durch die Schüsse, die von dort kamen), und letztlich in der vierten Richtung verlief eine belebte Straße. Etwa 100 m vor uns war eine Nadelholzschonung, in der wir uns dann versteckt hielten. Wir hoben eine Grube von etwa ein m Durchmesser aus und tarnten sie sorgfältig. Für einige Zeit war das unser Versteck. Die Front verlief Richtung Osten, die russischen Truppen hatten sich zurückgezogen (wie wir später erfuhren). Die Amerikaner führten zu dieser Zeit Luftangriffe durch und warfen viele Leuchtgeschosse auf die Bahnstrecke ab (ich meine, das war die Aufklärung, es war taghell). Es gab Alarm und die Wachsoldaten begaben sich in Luftschutzanlagen. Diesen Moment nutzten wir zum Überqueren der Bahngleise. Dann blieben wir in unserem Versteck, mehr war nicht möglich. Hunger quälte uns, die zwei Dutzend Kartoffeln waren aufgebraucht und so blieb uns nur noch Wasser. Wir gingen Richtung Osten, aber Hunger und Schwäche ließen kein Fortbewegen zu. Um irgendetwas Essbares aufzutreiben, begannen wir uns den Dörfern zu nähern. Aber daraus wurde nichts, denn als wir an ein Dorf kamen, bemerkten uns die Hunde und wir liefen fort. An der Straße war so eine Art Grube, da plumpsten wir hinein wie Birnen. Wieder waren wir völlig nass, lehmverschmiert. Ich kann gar nicht sagen, wem wir ähnlich sahen. Etwa eine Stunde blieben wir in der Grube hocken, dann zogen wir weiter, irgendwohin. Dunkle Nacht … Wir kamen dann zufällig auf einen Weg, gingen auf diesem Weg weiter, ohne genaues Ziel. Wie lange wir uns so schleppten, weiß ich nicht mehr. Vor uns sahen wir ein Wäldchen und hielten uns in diese Richtung. Die Kräfte reichten nicht, um noch weiter zu gehen. Wir ließen uns fallen und schliefen ein. Wie lange wir so lagen, kann ich nicht sagen, gegen Morgen wurden wir munter und schauten uns unsere Umgebung an. Auf einer Lichtung am Waldrand bemerkten wir zwei Arbeiter, die Mist ausbrachten. Ich entschloss mich, näher heranzugehen, mein Kamerad sollte mich im Auge behalten. Ich kam also näher zu ihnen und grüßte mit einem „Guten Tag“. Sie erschraken, sahen mich an und antworteten „Dobry djen (Guten Tag)“. Ich konnte mich kaum halten angesichts dieses Zufalls – vor mir standen ein junges Mädchen und ein Bursche, die aus der Ukraine nach Deutschland verbracht waren und bei einem Bauern arbeiteten. Mit Tränen in den Augen erzählte ich ihnen meine Geschichte und bat sie um eine Kleinigkeit zu essen. Sie versprachen, dass sie etwas bringen würden und kamen dann mit einem halben Eimer gekochter Kartoffeln, die als Schweinefutter vorgesehen waren. Im Nu hatten wir sie aufgegessen. Später ging ich noch einmal zu ihnen und fragte, ob sie uns für ein paar Tage in einer Scheune verstecken könnten, um etwas Kräfte zu sammeln. Sie sagten zu und am Abend kam der Bursche und holte uns. Vier Tage verbrachten wir im Garten des Bauern, am fünften Tag kamen schon die russischen Truppen und brachten uns die Befreiung …

Anschließend wurden wir in ein Reserveregiment gebracht, das hauptsächlich aus Kriegsgefangenen bestand. Im Fußmarsch ging es dann bis in den Raum Lwow, wo wir für den Einsatz an der Japanischen Front vorbereitet wurden. Aber Gott sei Dank endete dieser Krieg und so schickte man uns als Arbeitsbataillone zum Wiederaufbau der Kohlegruben in Donbass. Dort blieb ich ein Jahr, dann kam meine Demobilisierung.

Zu Hause angekommen, fand ich ein 1943 von Bomben zerstörtes Haus vor. Die Familie bestand nur noch aus dem 48jährigen Vater und der 90jährigen Großmutter. Meine Mutter und die zwei Schwestern waren nicht mehr am Leben. Ich begann, in einem Werk zu arbeiten, das ebenfalls zerstört war. Das Hungerjahr 1947 habe ich irgendwie überlebt. Dann heiratete ich, 1949 ist die Tochter Larissa geboren. Später erkrankte ich an Typhus – wieder hieß es Leiden ertragen. Aber ich schaffte auch das. Im Werk arbeitete ich bis 1972, dann wurde ich erneut krank, musste an Leber und Bauchspeicheldrüse operiert werden. Gott sei Dank überstand ich auch das und habe bis heute den Schwerbehindertenstatus. Mein jetziger gesundheitlicher Zustand ist nicht gut, ich höre sehr schlecht. Auch meine Frau ist schwerbehindert in der höchsten Stufe („Stufe I“).

Bis hierher habe ich meine Leiden ab August 1943 beschrieben. Aber davor hatte ich im Juli 1941 ein Schädel-Hirn-Trauma, Verwundungen, Umzingelung und dann die Gefangennahme erlebt, wobei die Qualen um vieles schlimmer waren als nach 1943. Seit den Folterungen durch die Gestapo [?] 1942 leide ich ständig an Rückenschmerzen.

Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie sich an mich erinnern, dass Sie mir geschrieben haben und mir finanzielle Hilfe zukommen ließen – haben sich im deutschen Volk also wohlwollende Menschen gefunden.

Meine Rente beträgt 716 Griwna, das sind 110 Euro.

Ich grüße Sie voller Anerkennung und Hochachtung.

Wenn möglich, bestätigen Sie mir den Eingang dieses Schreibens. Nochmals danke.

06.02.2007.

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