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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

384. Freitagsbrief (vom Oktober 2007, aus dem Russischen von Sibylle Albrecht).

Russland
Kreis Krasnodar
Wiktor Stepanowitsch Asejew.

Sehr geehrte Herr Eberle, Frau Schramm und Herr Radczuweit,

vielen Dank für die 300,– €.

Sehr gern schreibe ich Ihnen von meinem Leben. Ich bin in der Stadt Engels (Republik der Wolgadeutschen) geboren und lebte dort bis 1940. Mit uns gingen auch Deutsche in die russische Schule. Eine von ihnen lebt jetzt in Deutschland. Ich war ganz gut in der Schule und war auch bemüht, Deutsch zu lernen. Schreiben Sie, worüber ich ausführlicher berichten soll. Ich werde warten. Vorerst möchte ich kurz davon schreiben, was mir half, die schweren Zeiten meines Lebens zu überstehen.

Forschungsreisender wollte ich werden, dafür trainierte ich seit meiner Kindheit. Noch vor der Schulzeit trainierte ich meine Augen und Hände, spielte das Knöchel- oder Knochenspiel („igra w babki“). Später dann, und das bis zum Ende der Schulzeit, trainierte ich:

Selbst heute spüre ich an heißen Tagen keinen Durst und keinen Hunger.

Oktober 1940, Juli 1941 Artillerieschule in Pensa (Panzerartillerie)

In dieser Schule hatte ich gute Leistungen im Handgranatenweitwurf sowie beim Überwinden von Wasserhindernissen, 100 m in voller Ausrüstung und mit Gewehr – die allerbesten Leistungen hatte ich, und der Schulleiter zeichnete mich mit Urlaub aus. Während eines Wettbewerbs im Mai 1941 belegte ich den 1. Platz im Kanonenschießen. K. Je. Woroschilow zeichnete mich mit einer Prämie in Höhe von 400,– Rubeln aus (das Stipendium betrug 60,– Rubel).

Im ersten Kampf hatte unser Richtkanonier schlecht geschossen und ich musste selbst schießen. Die Ergebnisse waren gut und es gab Auszeichnungen. Ich denke, dass ich deshalb wohl einer Infanteriekompanie angegliedert wurde, um den Rückzug der Armee zu decken.

Die Deutschen begannen ihren Angriff am 3. Oktober, jedoch nicht von der Hauptkampflinie, sondern von der Flanke aus. So kam es, dass sich die Infanterie nicht vorn, sondern seitwärts befand. Ich begann mit direktem Beschuss, die Infanterie kam ins Stocken und es gab Verluste. Sie schickten ein Flugzeug. Ich richtete die Kanone vertikal auf und begann zu schießen – daneben. Aber das Flugzeug warf die Bomben aufs Feld und entfernte sich. Die Infanterie kam nicht vorwärts, mein Kanonenrohr platzte. Dann begann unsere Artillerie zu schießen. Zu kurz, zu weit – was weiter war, weiß ich nicht und habe es nur aus den Erzählungen derjenigen erfahren, die es miterlebten. Ich erlitt eine Schädelprellung und verlor das Bewusstsein. Aber ich wurde nicht erschossen, sondern auf ein Fahrzeug aufgeladen. Erschossen haben sie einen Juden, der Fahrer bei mir war.

Am 1. September 41 war ich 19 Jahre alt, am 3.10.41 geriet ich in Gefangenschaft.

Lager auf dem Territorium der UdSSR:

  1. Bahnstation Lesnaja (Belorussland) 18. Oktober 41 bis 12. Juni 42. Hunger, Kälte, Ruhr, Flecktyphus. Große Anzahl von Toten. Ich war nicht krank.
  2. Kalvarija (Litauen) [Stalag 336 Z] Juni bis 28. Oktober 42. Hier habe ich General Karbyschew gesehen.
  3. Dann Kaunas (Litauen) [Stalag 336], 29. Oktober 42 bis 22. März 43. Zur Hälfte Arbeitslager. Hier waren die Bedingungen besser. Es gab keine Toten. Die Kräftigsten wurden ausgesucht und nach Deutschland gebracht, darunter auch ich.
  4. Braunschweig (23.3.–25.10.43). Gute Bedingungen, Verpflegung durchaus zufrieden stellend. Ich arbeitete als Rangierer bei der Werkseisenbahn und wurde auch als Dolmetscher eingesetzt. Der Lokführer und seine Freunde wollten mir die Flucht ermöglichen. Sie brachten mich im letzten Waggon unter und statteten mich mit Zivilkleidung und Verpflegung aus. Aber der Waggon wurde abgehängt, dann halfen sie mir rauszukommen. Später dann, bei der Filtration sagte mir der Untersuchungsführer, dass, wenn ich es bis zu den Unsrigen geschafft hätte, die mich gleich als Spion erschossen hätten.

Dann folgten die Arbeitslager.

Am 5.4. erfolgte die Evakuierung wegen amerikanischer Angriffe.

Am 9.4. – Flucht.

Sicher sind Sie erstaunt, so wie auch der Untersuchungsführer erstaunt war, dass ich mir alle Bezeichnungen und Daten gemerkt habe. Nach der Amnesie 1941/1942 hat sich mein Erinnerungsvermögen wieder normalisiert und so erinnere ich mich an alles in Deutschland. Bis 13.7.45 befanden wir uns in der amerikanisch besetzten Zone in … [unles. Ort], in Altengrabow und in Oranienburg. Wir wurden gut verpflegt. Am 13.7.45 fand dann die Überprüfung statt. In Owrutsch [Ukraine] gab man mir den Dienstgrad des Leutnants zurück und schickte mich zur Arbeit nach Simferopol [Straßenbauunternehmung unter NKWD-Verwaltung], von September 1945 bis Februar 1946. Ich war Vorarbeiter und Normer. Dann reichte ich ein Entlassungsgesuch ein und wurde demobilisiert.

In Saratow (1946–1952) schloss ich mit gutem Erfolg die Medizinische Hochschule ab.

Bis 1999 war ich berufstätig, hauptsächlich im administrativen Bereich [Amtsarzt bei der Hygieneinspektion], Chefarzt eines Bereichskrankenhauses.

Drei Kinder habe ich, alle mit akademischer Bildung. Ein Enkel, eine Enkelin. Ein Urenkel, zwei Urenkelinnen.

Jetzt, als Kriegsversehrter der Invaliditätsgruppe 2, habe ich eine Rente in Höhe von Rubel 12 979,– [das sind etwa 370,– Euro]. Ich weiß, bei Ihnen bekommen die Veteranen mehr.

Meine Briefe an frühere Kameraden blieben unbeantwortet. Mir ist bekannt, dass viele zur Zwangsarbeit geschickt wurden.

Gesundheitliche Probleme habe ich auch, hauptsächlich Kopfschmerzen, aber die Behandlung ist regelrecht und ich fühle mich eigentlich zufriedenstellend. Ich bewege mich, arbeite im Garten und fahre gemeinsam mit meiner Frau zum Angeln (wir haben einen Moskwitsch, Baujahr 1984).

Schreiben und lesen kann ich ohne Brille.

Hochachtungsvoll – Unterschrift / Asejew –.

Vermerk: Sehr geehrte Damen und Herren, ich hatte Probleme beim Schreiben der Adresse. Ob ich sie wohl richtig geschrieben habe? – Asejew –.

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