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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

383. Freitagsbrief (vom 3. Februar 2014, aus dem Armenischen von Prof. Dr. Aschot Hayruni).

Anastas Santrosjan
Stadt Stepanawan
Armenien.

Sehr geehrter Herr Radczuweit,

[…] Da Sie, wie ich erfahren habe, sich gern über unsere Kriegsgefangenschaft informieren möchten, will ich Ihnen nachstehend darüber berichten. Ich muss das, da ich, ein früherer Lehrer, wegen meines schlechten Sehvermögens leider nicht mehr schreiben kann, erst mit Hilfe meiner Enkelin machen.

Ich bin 1922 im Dorf Geghaschen (Bezirk Achurjan, Armenien) geboren und im Dezember 1941 in die Armee einberufen worden. Im Frühjahr 1942 kämpften wir in Kertsch, als am 17. Mai unser Regiment in die Belagerung geriet. Man zwang uns, die Gefangenen, zu Fuß in die Stadt Feodosia zu gehen. Es war ein äußerst schwerer Marsch, den die Verwundeten und die Schwächeren nicht überstehen konnten. Wer keine Kraft mehr hatte, weiter zu gehen und auf den Boden fiel oder auch von der Kolonne zurück blieb, wurde erschossen. Es waren Hunderte, die deswegen erschossen wurden und deren Leichen einfach abseits der Straße hingeworfen wurden. Auch in Feodosia, wo wir zwei Monate blieben, mussten viele verhungern oder dem Flecktyphus und anderen Epidemien zum Opfer fallen. Auch der Hunger machte seine „Ernte“. Wir alle waren verlaust und so stark vom Hunger angegriffen, dass man sogar darüber sprach, ob und wie die Läuse gesammelt und zum Essen verwendet werden könnten. Selbst die Gerstenkörner, die wir gelegentlich im Pferdemist fanden, waren uns ein erwünschtes Essen.Von Feodosia schickten die Deutschen uns in Güterwaggons nach Schitomir, wo wir in dem für Kriegsgefangene errichteten, aus mehreren Teilen zusammengesetzten Lager untergebracht wurden, das beständig unter strenger Kontrolle stand [Stalag 358]. Wir wurden dort bei der Morgendämmerung täglich außerhalb der Stadt hingebracht und mussten dann arbeiten, bis es wieder dunkel war. Es galt, Straßen zu bauen, Teile von Wäldern niederzuhauen, indem wir das Holzmaterial dann zum Transport nach Deutschland in die Waggons aufluden. Wir mussten dabei vielerlei andere Arbeiten machen, beispielsweise die entwaldeten Gelände von den noch stehen gebliebenen Resten der Baumstämme frei machen, damit diese angeblich für die Landwirtschaft tauglich würden. Einmal, als ich mit zwei anderen Gefangenen die mit Benzin gefüllten Fässer auf einen Lastwagen auflud, fiel eins der Fässer vom Rande der Karosserie des Wagens wieder auf den Boden, indem es beschädigt wurde und das Benzin auslief. Sogleich überfielen die Wächter uns und begannen, uns in voller Wut mit Knuten zu schlagen und Fußtritte zu geben, als ob wir vorsätzlich das Fass hätten herunter fallen lassen. Infolge dieser Schläge verlor ich auf immer die Sehkraft meines rechten Auges und das Gehör an meinem linken Ohr. Ende 1943 wurden wir in die Stadt Lwow geschickt, wo wir in ehemaligen sowjetischen Kasernen untergebracht wurden. Dort standen wir hauptsächlich unter der Aufsicht der bei den Deutschen tätigen Ukrainer, die uns noch schlimmer behandelten.Das ständige Auslachen und die schweren Schläge, denen auch ganz Unschuldige ausgesetzt waren, gehörten zu unserem Alltag. Man gab uns morgens 200 Gramm Brot, das keineswegs an Brot erinnerte und abends ein stinkendes Essen, das aus trübem Wasser bestand und manchmal Fleisch von verendeten Pferden beinhaltete. In Lwow waren wir daran, eine Grabenlinie für eine unterirdische Kabelleitung von Lwow bis Odesia zu errichten. Darüber hinaus mussten wir dort auch schwer beschädigte Straßen und Brücken reparieren. Als die sowjetische Armee schon nicht weit von Lwow war, wurde ich mit mehreren anderen Gefangenen nach Deutschland, nach Limburg geschickt. Im Konzentrationslager von Limburg [Stalag XII A] gab es vom Hörensagen über 100 000 Kriegsgefangene sowohl aus der Sowjetunion als auch aus Frankreich, England und anderen Ländern. Eine Zeit lang arbeitete ich in der dortigen Zementfabrik, wo ich schwer an Typhus erkrankte. Daraufhin wurde ich in das Lager von Worms am Rhein geschickt, wo ich bis zum 27. März 1945 geblieben bin. Dann wurde ich von den Amerikanern befreit und den sowjetischen Truppen übergeben. Nach weiteren drei Monaten konnte ich wieder in die Heimat zurückkommen, wo ich seitdem lebe.

[…]

Anastas Santrosjan.

03. Februar 2014.

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Herr Santrosjan lebt mit der Familie seines schwerbehinderten Sohnes in existentieller Notlage.

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