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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

382. Freitagsbrief (vom Februar 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Kreis Stawropol´
Bezirk Isobil´nenskij
Aleksej Iwanowitsch Bukrejew.

[1. Brief].

Liebe Damen und Herren, liebe Genossen, guten Tag!

Diesen Brief schreibt Ihnen der ehemalige Kriegsgefangene Aleksej Iwanowitsch Bukrejew, wohnhaft in […]

Ich kam am 24.1.1943 zur Sowjetischen Armee, nach der Befreiung von Nowotroizkaja am 23.1.1943. Am 24. Januar nahmen sie uns aus einer der Kolchosen mit, insgesamt 24 Personen. 14 von ihnen waren Jungs im Alter von 17 oder 18 Jahren, außerdem 15 Männer, die verwundet gewesen waren oder Reservisten. Wir wurden einem angreifenden Regiment zugeteilt und zogen hinter den abrückenden deutschen Truppen der 17. Armee hinterher. Am Tag marschierten wir, in der Nacht lagen wir auf einem Feld vor einer Siedlung und bezogen Verteidigungsstellung. Am nächsten Morgen gingen wir in die Siedlung, dort sagten sie uns, dass die Deutschen schon am Tag vorher abgerückt waren und zwei MG-Schützen zurückgelassen hatten. Die ganze Nacht hatten sie uns auf dem Feld ins Kreuzfeuer genommen. Später wurden wir in den Sümpfen des Asowschen Meeres von den Deutschen eingeschlossen und ich wurde im Schilf verwundet.

Verwundet geriet ich in Gefangenschaft, ich war ohne Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, sah ich, dass zwei MP-Schützen über mich gebeugt standen. Sie sagten ruhig „Aufstehn“ [*], ich erhob mich mühsam, einer von ihnen hob meine Mütze auf – ich hatte eins auf den Kopf bekommen, da war sie mir heruntergeflogen. Er gab sie mir, und der andere sagte „Wasser“ – an der rechten Seite meines Körpers lief mir das Blut herab, und er meinte, ich solle es abwaschen. Dann sagten sie „Ab“. Und: „Kommunist, Kommunist“. Ich dachte, sie würden mich erschießen, denn sie brachten mich zum MG-Schützen.

Dort wurden aus allen Richtungen kleine Gruppen von Gefangenen zusammen getrieben.Insgesamt waren wir 25–30 Gefangene. Ich dachte, jetzt bringen sie uns irgendwo in eine Lehmgrube – so hatten die Deutschen die Juden in unserem Dorf erschossen. Aber sie trieben uns zu einem Lager für Kriegsgefangene. Danach war ich in den Lagern Kertsch [Dulag 181] und Cherson [Dulag 120]. Als ich in Cherson war, musste ich an der Eisenbahnlinie am Bahndamm arbeiten, die Deutschen wollten eine Brücke über den Dnjepr bauen. Später trieben sie uns zu Fuß über die Grenze und so gelangten wir in die Tschechoslowakei, wo wir dann von unseren Soldaten befreit wurden.Ich diente dann noch bis März 1950 in der Armee.

Ich habe also in jungen Jahren einiges mitmachen müssen. Aber ich habe nie geraucht oder Alkohol getrunken und bin 84 Jahre alt geworden (am 4.3.1925 ist mein Geburtstag).

Ich danke Ihnen sehr für Ihren Brief und die 300 Euro. Ich habe sie am 5.2.2009 bekommen.

Ich habe zwei Kinder, drei Enkel und zwei Urenkel. Mit meiner Frau habe ich 57 gemeinsame Lebensjahre verbracht und wir leben weiter zusammen, sie ist jetzt 83 Jahre alt. Sie heißt Maria Iwanowna.

Ich habe als Dozent an der Berufsschule für landwirtschaftliche Technik gearbeitet, meine Frau war Hauptbuchhalterin an der gleichen Schule.

Das wäre vorerst alles. Ich wünsche Ihnen Gesundheit und Glück.

Mit den besten Grüßen,

A. Bukrejew.

10.2.09.

[Brief 2].

Sehr geehrte Herren Dr. Gottfried Eberle, Eberhard Radczuweit und Dmitri Stratiewski, guten Tag! Guten Tag, liebe Mitglieder Ihres Vereins!

Herzliche Grüße aus Russland von A. Bukrejew und meiner Familie: meine Frau Maria Iwanowna, mein Sohn Wladimir mit Frau Olja, mein Enkel Sergej mit Frau Ira, ihr Sohn Sascha, meine Tochter Natascha und ihre Tochter Lena. Dann habe ich noch die Tochter von Wladimir vergessen: Ira und ihr Mann Aleksej mit Sohn Mischa.

Das ist also meine Familie. Wir leben in Eintracht, nur sind wir alle an verschiedenen Orten verstreut. Maria Iwanowna und ich leben in Nowotroizkaja. Unser Sohn Wladimir und Olja leben in Ptitschje (40 km von uns entfernt), unser Enkel Sergej lebt mit Familie in Stawropol, unser Enkelchen Ira mit Familie lebt auch in Stawropol. Unsere Tochter Natascha lebt mit Lena in Pjatigorsk.

Ich habe eine kleine Landwirtschaft – drei Ziegen, zehn Hühner und drei Enten. Bislang schaffe ich noch alles. Das Leben in unserem Land ist schlecht geworden, überall Kriminalität, russischer Kapitalismus, Drogen etc. Unter den Sowjets war das Leben besser.

Ich habe am 5.2.09 von Ihnen 300 Euro bekommen. Dafür danke ich Ihnen sehr, ich werde davon meine neuen Zähne bezahlen. Ich habe nur noch zwei Zähne und auch die sind schlecht.

Ich denke oft an die Deutschen „Edelweiß“ [1. Gebirgsjägerdivision der Wehrmacht?] zurück, die bei uns in den Bergen kämpften. Es waren gute Menschen, aber nicht alle waren Antifaschisten (Kommunisten); die Faschisten waren schlechte Menschen (sie haben meinen verwundeten Kameraden getötet).

Ich habe Ihnen schon am 5.2.09 einen Brief geschrieben. Dies ist mein zweiter Brief.

Ich danke Ihnen sehr für Ihre Briefe und das Geld. Schlecht ist nur, dass es von einzelnen Bürgern kommt. Einer von uns hat nämlich von der staatlichen Stiftung 7500 Euro bekommen.

Aber egal, auch für das Geld Vielen Dank.

Mit den besten Grüßen,

A. Bukrejew.

****

[*] Kursiv im Original Deutsch [Anm. d. Übs.].

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