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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

381. Freitagsbrief (vom Dezember 2013, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Sergej Aleksandrowitsch Wikulowskij
Russland
Moskau.

[…]

Ich, Sergej Aleksandrowitsch Wikulowskij, Jahrgang 1923, geriet als Rotarmist im Juli 1942 am Don in einen Kessel und wurde gefangen genommen.

Die Erinnerungen an diese schreckliche Zeit haben mich mein ganzes Leben nie mehr losgelassen: Die acht oder neun Tage im Feldlager Millerowo [Dulag bei Rostow genannt „Grube von Millerowo“] mit vielen tausend Menschen, kein Wasser, kein Essen, kein Ort für die Notdurft. Erst zwei Tage vor der Überführung nach Kiew bekamen wir einen flüssigen Sud aus verbranntem Getreide, das nach dem abgebrannten Getreidespeicher in Millerowo roch. Ich bekam dieses Essen zusammen mit Wasser in meine Feldmütze.

Im Februar 1943 wurde ich von Kiew nach Deutschland überführt, in ein Lager in Fürstenberg [Stalag IIIB/Brandenburg]. Links vom Lagertor waren die englischen Gefangenen, rechts die italienischen. Der Abschnitt für die sowjetischen Kriegsgefangenen befand sich am Ende des Lagers. Dort standen kalte Ziegelbaracken mit nackten zweistöckigen Pritschen. Einmal am Tag bekamen wir Rüben und ein Stück Brot, dem irgendetwas beigemischt wurde.

Eines Tages wurde ich zusammen mit 30 oder 40 anderen zur Arbeit gebracht. Wir sollten am Kanalufer entlang ein Kabel verlegen. Das Kabel lag an der Uferböschung, es war dick und schwer. Die Wachleute verteilten uns auf der ganzen Länge des Kabels, wir standen etwas mehr als einen Meter voneinander entfernt. Auf ihr Kommando hoben wir das Kabel auf die rechte Schulter. Und dann rutschten wir, die Entkräfteten und Ausgehungerten, mit unseren Holzschuhen an den nackten Füßen über das nasse Gras die Böschung hinab. Einige konnten sich nicht auf den Beinen halten und fielen zu Boden, woraufhin wir alle nacheinander umkippten wie die Dominosteine. Die Wachmänner holten uns unter Brüllen und Schimpfen wieder auf die Beine. Wieder mussten wir auf ihr Kommando das Kabel anheben. Nach ein paar Metern stürzten wir erneut. Das Ganze wiederholte sich noch einmal. Die Wachmänner waren außer sich und brüllten, traten die am Boden liegenden Gefangenen oder stießen sie mit dem Gewehr und trieben sie wieder hoch. Ein junger Mann konnte nicht aufstehen, er lag reglos da, hatte Schaum vor dem Mund. Endlich begriffen sie, dass wir das Kabel nicht tragen konnten und brachten uns zurück ins Lager. Den bewusstlosen Kameraden schleppten wir irgendwie mit vereinten Kräften an Händen und Füßen zurück. Eine Frau, die vor ihrem Haus stand, sah das und sagte etwas zu den Wachleuten. Man ließ uns anhalten. Einer der Wachen ging mit ein paar Gefangenen zum Haus. Dann hoben sie die Stalltür aus den Angeln. Auf dieser Tür konnten wir den Kranken bequem ins Lager zurücktragen. In der Baracke starb er.

Zu Beginn des Sommers 1943 kam ich in ein kleines Lager mit nur einer Baracke in Berlin, am S-Bahnhof Friedrichsfelde Ost. Wir arbeiteten im Eisenbahnausbesserungswerk gegenüber vom Glühlampenwerk OSRAM. Die Wachen brachten uns mit der S-Bahn zur Arbeit am Ostkreuz. Ich landete in einer Werkshalle, die man international nennen könnte. Bei der Reparaturdefekter Güterwaggons arbeiteten dort zwei ältere Deutsche, Erich und Uat, der Belgier Julius, ein junger Franzose namens George, ein russischer Zwangsarbeiter namens Nikolaj und wir, die achtzehn Kriegsgefangenen. Im Sommer 1944 kam ein junger Mann namens Horst dazu, mit dem ich mich gut verstand. Er lehnte den Krieg gegen uns ab. Durch die Gespräche mit ihm lernte ich Deutsch. Mehrere Male nahm er mir meine selbstgebastelten Spielsachen ab und brachte mir dafür Brot mit. Eigentlich war es Nikolaj, der die Spielsachen im Werk vertrieb. Einmal bat mich George, ihm mit dem Meißel an der linken Hand die Haut zwischen Zeigefinger und Daumen zu zertrennen. Danach kam er nicht mehr ins Werk. Erich und Uat verhielten sich uns gegenüber loyal. Der Werksleiter, ein grauhaariger Alter mit einer riesigen Nase, trug einen schwarzen Kittel mit Nazi-Abzeichen am Aufschlag. Wenn er in der Werkshalle auftauchte und uns am Hochofen stehen sah, schnappte er sich irgendein Eisenstück, fuchtelte damit herum und jagte uns durch die Halle. Manchmal liefen wir durch das ganze Gelände zur Mülltonne an der Werkskantine, wo wir Kartoffelschalen oder einen Aufguss von Ersatzkaffee zu ergattern hofften. Die Kartoffelschalen kochten wir auf dem Hochofen und pressten die Schalen mit Hilfe eines Apparates ab. So erhielten wir eine graue Kartoffelmasse, die wir unter unsere Lager-Balanda aus Rüben oder Grünzeug mischten. Den Kaffeeaufguss tranken wir so. Einmal wagte auch ich einen Ausflug zur Mülltonne. Kartoffelschalen fand ich keine, aber es gab einen Kaffeeaufguss, den ich in eine leere Konservendose goss, die ich auf der Straße gefunden hatte. Als ich zurück in die Werkshalle kam, sah ich, dass wir gerade kontrolliert wurden: die Gefangenen mussten zum Appell antreten. Der Wachmann, ein älterer, wohlgenährter Gefreiter, winkte mich zu sich. Ich ging zu ihm hin, er brüllte: „Russenschwein!“ und schlug mir mit der Hand, an der er einen schweren Ring trug, ins Gesicht. Ich stürzte auf den Betonboden, das Blut strömte mir aus der Nase, und der von mir ergatterte Kaffee verteilte sich auf dem Boden.

Am 18. oder 19. April 1945 wurden wir früh morgens geweckt und in einer Kolonne durch die Stadt getrieben. Wir marschierten den ganzen Tag. Als es dämmerte, schlugen wir außerhalb der Stadt unser Nachtlager auf. Links von der Straße waren hinter Büschen irgendwelche Gebäude zu sehen. Ich wartete einen passenden Moment ab und rannte zu ihnen hinüber. Als die Wachleute das mitbekamen, schossen sie mir der Ordnung halber ein paar Kugeln hinterher. Es war ein Bauernhof, auf dem Polen arbeiteten. Als sie die Schüsse hörten und mich rennen sahen, packten sie mich und versteckten mich in einem Heuhaufen unter einer Plane. Nach zwei Tagen sagten sie mir, russische Soldaten hätten das Dorf eingenommen. Sofort machte ich mich auf den Weg ins Dorf.

Nach der Überprüfung durch die Sonderabteilung wurde ich wieder Soldat der Sowjetischen Armee. Unter den deutschen Gefangenen entdeckte ich unsere früheren Wachen. Die sowjetische Besatzungszone in Deutschland wurde vergrößert und unsere Einheit wurde nach Mühlhausen verlegt. Da ich halbwegs Deutsch sprach, schickte man mich als Dolmetscher in die Kommandantur in einem Dorf unweit der Stadt. Den Namen des Dorfes habe ich vergessen. In der Kommandantur waren wir zu Dritt: Neben dem Kommandanten, einem Leutnant, arbeiteten dort Zhenja und ich. Zhenja war genauso alt wie ich. Wir trafen uns mit zwei Mädchen namens Lisbeth und Anna-Maria, die zu Besuch bei ihren Großmüttern waren. Lisbeth wohnte gegenüber der Kommandantur. Später gestanden sie uns, dass sie uns an dem Tag, als wir in der Kommandantur eintrafen, aus Lisbeths Haus beobachtet hätten, und Angst gehabt hätten, das Haus zu verlassen. Bei unseren Treffen brachten wir uns gegenseitig Deutsch bzw. Russisch bei, mehr war da nicht. Manchmal kam ein Vorsitzender aus einem anderen Dorf in seinem Auto bei uns vorbei, ein junger, munterer und aufgeschlossener Bursche namens Fritz, der sich als Demokrat vorstellte.

Er half uns manchmal bei der Arbeit. Mich fuhr er zur Besichtigung zum Kalibergwerk. Der Schacht war sehr tief.

In den drei Monaten, die ich in der Kommandantur gearbeitet habe, gab es keinerlei Probleme mit den Bewohnern des Dorfes. Im Februar 1946 wurde unsere Einheit aus Deutschland abgezogen. Ich diente noch bis 1948 in den Reihen der sowjetischen Armee. Ich habe als Graveur in der Fabrik gearbeitet, und danach habe ich bis 1956 im Fernstudium eine Ausbildung zum Projektierungsingenieur gemacht.

Ich bin verheiratet, habe zwei verheiratete Töchter, zwei Enkel und einen Urenkel.

[…]

Wikulowskij.

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