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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

380. Freitagsbrief (vom Juni 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Aleksandr Iosifowitsch Lifantjew
Russland
Kansk
Region Krasnojarsk.

An den deutschen Verein.

Ich möchte mich an das deutsche Volk wenden mit der Bitte um Anerkennung des entsetzlichen Unrechts, das den sowjetischen Kriegsgefangenen zugefügt wurde.

Am 30.10.1943 geriet unsere Einheit in einen Kessel. Ich ging zusammen mit dem Funker und dem Kompanieführer (an seinen Namen kann ich mich nicht mehr erinnern) zum Bataillonskommandeur und der Kompanieführer bat um die Erlaubnis, den Kessel zu durchbrechen und zu helfen. Das war am frühen Morgen.

Ich kroch etwa zwei Meter hinter meinem Funker, da hörten wir MP-Schüsse, der Funker tat nur einen Aufschrei, ich kroch zu ihm hin und sah, dass er an der Schläfe getroffen war. Neben uns war ein kleiner Schützengraben. Ich dachte, gleich werden sie auch auf mich schießen und ließ mich in den Graben fallen. Dort saßen schon zwei Verwundete. Ich legte mein Gewehr auf die Geschützbank. Ringsum Stille, dichter Nebel, etwa 800 m von uns entfernt war ein Dorf zu sehen – dort saß der Feind.

Plötzlich hörte ich „Hände hoch!“ [*]. Ich hob den Kopf und erblickte über mir eine MP und einen Finger am Abzug. Der Deutsche befahl uns, herauszukommen und zeigte mir, dass wir zum Dorf gehen sollten. Einer von den anderen war verwundet, ich half ihm, bis zum Dorf zu kommen. Dort waren schon 20–30 Männer von unserer Kompanie. So wurden wir also gefangen genommen.

Sie trieben uns vorwärts. Es war schon Herbst und es lag Schnee, meine Stiefel hatten Löcher. Dann trieben sie uns in irgendeinen Schuppen, hungrig, wie wir waren. Am nächsten Morgen mussten wir weiter marschieren. Wir erreichten Bobrujsk [Stalag 373] und ich weiß noch, dass wir von dort mit einem Güterzug transportiert wurden. Zu der Zeit hatte ich starke Schmerzen in den Beinen, sie waren steif gefroren, ich konnte die Waden nicht mehr spüren. An irgendeiner Station warf uns jemand eine Rübe durchs Fenster, es war eine Zuckerrübe und wir teilten sie unter uns auf.

Dann waren wir in Ostpreußen, halb verhungert. Einer von unseren Männern arbeitete im Pferdestall und brachte uns in der Hosentasche Wildhafer mit, das war, was die Pferde beim Fressen im Trog ließen, weil dieser Hafer leer und stachlig ist. Ich bat ihn um ein bisschen von diesem Wildhafer, kaute und spuckte ihn wieder aus. Irgendwann am Abend sah ich, dass einige Männer am Lagertor standen und ich fragte sie: wohin wollt ihr? In die Küche. Ich stellte mich dazu, wurde aber nicht genommen und blieb im Lager zurück. Am nächsten Tag kam ich früher und stellte mich an, um auch zum Essen zu kommen. Auf der anderen Seite des Stacheldrahts ging ein Wachposten hin und her, plötzlich kam er heran und stach mich durch den Stacheldraht mit dem Bajonett, machte mir ein Loch in die Hose. Nachts kamen sie, zählten eine bestimmte Menge Gefangener ab – und ich war dabei. Wir kamen in ein riesiges Gebäude, in dem dicht der Dampf stand, in vielen großen Kesseln brodelte es. Als ich mich umsah, entdeckte ich zwischen den Kesseln einen von unseren russischen Kesseln, gefüllt mit Kartoffeln und ich steckte mir ohne nachzudenken eine in die Hosentasche. Als wir alle gefrorenen Rüben für die Balanda fertig geschält hatten, mussten wir uns aufstellen und wurden durchsucht. Als sie bei mir die Kartoffel entdeckten, brachte mich ein Polizai [aus Kriegsgefangenen rekrutierte Polizei, russ. polizaj] in eine Schreibstube, dort saß ein Soldat mit einem schwarzen Verband am Auge. Der Polizai berichtete ihm, dass ich etwas hatte mitgehen lassen, er verordnete mir zehn Peitschenhiebe. Sie stellten eine kleine Bank mit einem Loch in der Mitte vor mich hin, dann packten sie mich und warfen mich auf die Bank, beide hatten eine Peitsche mit vielen Riemen. Ich dachte: ich werde nicht schreien – aber irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und schrie laut auf. Danach jagten sie mich zurück in die Baracke, ich zeigte meinem Freund meinen blutunterlaufenen Rücken – sieh mal, ich hatte dir etwas zu Essen mitbringen wollen …

Nachdem einige Zeit vergangen war, wurden wir alle untersucht, es war Herbst und es lag Schnee, wir mussten uns nackt ausziehen, dann brachten sie uns in irgendeinen Schuppen – spritzten uns mit einem Wasserschlauch ab und lachten sich dabei schief … wir drängten uns alle in eine Ecke und versuchten, das Gesicht vor dem eiskalten Wasser zu schützen.

Später begriff ich, dass man uns auf den Abtransport nach Norwegen vorbereitet hatte. Wir marschierten noch durch unsere Gebiete – einmal sahen wir vor einem Dorf eine Leiche in Zivil liegen, sie war schon aufgedunsen. Dann trieben sie uns in irgendein Lager, auf der anderen Seite des Stacheldrahts lag auch eine Leiche, ebenfalls schon aufgedunsen. Auf dem Weg hatte ich einen Fetzen von einem Schaffell gefunden, abgerissen von einem Fellmantel, ich nahm ihn mit und nähte mir in diesem Lager daraus Fäustlinge, die mir bis an den Ellbogen reichten. Einer von ihnen fiel mir beim Herunterklettern in die Exkremente.

Von dort fuhren wir mit dem Zug weiter, einmal in Polen oder in Finnland verteilten sie Schüsseln an uns, ich bekam meine Balanda und stellte mich noch einmal an, um eine weitere Portion zu bekommen. Da schlug mir ein Offizier auf den Kopf. Von dort brachten sie uns nach Norwegen. Als sie uns zur Arbeit trieben, ging ein Norweger vorneweg, plötzlich sahen wir, dass er etwas in den Schnee legte; wir gingen hin und entdeckten, dass es sein Pausenbrot war.

Danach war ich irgendwo [?], Baracken mit zweistöckigen Pritschen. Hier waren mir die Fäustlinge von großem Nutzen, einen legte ich mir unter den Kopf, den anderen unter die Hüfte, wo schon der Knochen hervorstand. Als ich am Morgen aufwachte, lag eine Leiche neben mir.

Als sie uns zur Arbeit trieben, kamen wir an der Soldatenkantine vorbei und entdeckten im Mülleimer einen Haufen Kartoffelschalen. Wir stopften uns damit die Hosentaschen voll, aßen sie roh. Wir fanden irgendein schmutziges Wasser, wohl das Waschbecken der Soldatenkaserne, darin wuschen wir die Schalen und steckten sie uns in den Mund. Und die Gefangenen nach uns fischten sie aus dem schmutzigen Wasser und steckten sie ebenfalls in den Mund.

Norwegen: Am Fjordwurde irgendetwas gebaut und wir mussten Holzstämme hinschleppen. Das war an der Barentssee, ungefähr 100 km von Murmansk entfernt. In einer Nacht – es war eine sternklare Nacht – flogen unsere Flieger an und bombardierten den Hafen. Über unseren Baracken begann ein Luftkampf, ich glaube, sie wussten nicht, wer in den Baracken lebte. Ich beschloss, hinauszugehen. Ich fand einen Graben, legte mich hinein und beobachtete das Geschehen, der Wachposten feuerte Leuchtgeschosse aus seiner MP, da warfen sie Bomben auf uns ab. Unsere Baracke wurde getroffen, gut, dass ich hinausgegangen war, denn neben meiner Pritsche waren zwei tödlich getroffen, viele verletzt.

Einmal wurde ich ins Büro gerufen, man bot mir an, für sie zu kämpfen. Meine sechs Brüder kämpften für die Heimat und ich sollte für ein Stück Brot …

Von dort trieben sie uns weiter, bis etwa 20 km vor Narvik. Das Lager lag an der Eisenbahnlinie. Es gab nur ein Gleis Richtung Schweden. Wir waren etwa 6 oder 7 Kilometer von der schwedischen Grenze entfernt.

Unsere Arbeit: ein riesiger Steinberg, Eisenstein (sehr hart), wir mussten einen Stollen ausschlagen, um den Hals hatten wir eine Karbidlampe, in den Händen Spitzhacke, Keil und Hammer. Die Lampe schaukelte am Hals hin und her, es war dunkel, der Stiel der Spitzhacke brach ab, der Wachsoldat versetzte mir einen Schlag mit dem Gewehrkolben und brüllte: „Sabotage!“ …

Im Fernsehen habe ich eine Sendung über die Karelienfront gesehen, sie haben Städte in Norwegen gezeigt, in denen ich in der Gefangenschaft war: Petschenga, Petsamo[in Finnland]. Sie haben auch den Stollen gezeigt, den ich geschlagen hatte. Wir schaufelten uns dort das eigene Grab. Dort wurden Gefangene eingeschlossen, dann wurde gesprengt – mit den Gefangenen drinnen.

Einmal fanden wir von einem verendeten Pferd die Haut, die am Stacheldraht hing. Wir zerschnitten sie in Stücke und steckten sie uns in die Hosentaschen. Als wir in die Stube (die Baracke) kamen, machten wir uns daran, das Fell im Eisenofen abzubrennen. Die Wachposten bemerkten den Geruch von verbranntem Fell und einer von ihnen stürzte in die Baracke, im Mund hatte er eine Zigarre (das weiß ich noch), und allen, die am Ofen saßen, zog er eins mit dem Stock über.

Einmal trieben sie einige uns zur Arbeit, wir mussten bei ihrem Lazarett aufräumen. In der Mülltonne fanden wir Fischköpfe, wir fischten sie aus dem Müll und ab in den Mund.

Der Krieg ging dem Ende zu, sie trieben uns weiter ins Hinterland, wo wir eine Bahnlinie in entgegengesetzter Richtung bauen mussten, von der schwedischen Grenze. Etwa 300–400 m vom Lager entfernt gab es einen See, dort stand eine Zisterne, in der sich offensichtlich die Soldaten wuschen. Wir füllten sie mit Wasser. Daneben stand ein Wachturm, wir zerschlugen ihn in Einzelteile, heizten damit das Wasser in der Zisterne auf und wuschen uns alle im gleichen Wasser.

[…]

Der Krieg war zu Ende. An unserem Lager fuhr ein Güterzug Richtung Schweden vorbei (das war schon im Mai), die Waggontüren waren offen, wir sahen viele norwegische Soldaten, sie riefen uns zu: Russ, Krieg fertig, nach Haus …

Wir konnten uns jetzt frei bewegen, die Gefangenen aus allen Lagern wurden in einem riesigen Lager versammelt, auf dessen Lagertor ein Stalinporträt angebracht war. Bevor wir herumgehen durften, kamen vier Vertreter zu uns ins Lager, einer von uns, ein Deutscher, ein Norweger und ein Engländer. Sie sagten uns, dass wir von diesem Tag an Essensrationen von deutschen Soldaten bekommen würden. Alle Männer mit Offiziersrang sollten entsprechend ihres Ranges eine Armbinde tragen. Ach ja, eines habe ich noch vergessen: Als sie uns aus dem Lager Murmansk herausholten, da schleppten wir auch die Feldküche mit. Und einer der Gefangenen stellte seine Schüssel für die Balanda auf die Küche, der Wachmann, ein Ukrainer, warf diese Dose auf den Boden und erschoss ihn aus nächster Nähe.

Es gab noch einen Vorfall, als wir noch durch unsere Gebiete marschierten, da kamen wir durch irgendein Dorf, und ich weiß noch, da war ein Holzzaun, hinter dem eine Frau in einer weißen Bluse hervorgelaufen kam, sie war etwa 40 Jahre alt, eine schöne Frau, und sie rief: „Oh, unsere Männer!“ Da erschoss sie der Wachsoldat aus nächster Nähe. Das Ganze passierte in 2–3 Meter Entfernung von mir. Ich schreibe nicht immer chronologisch.

Die Gefangenen aus allen Lagern kamen in ein riesiges Lager in Narvik und wir streunten durch die Stadt. Und wieder nicht chronologisch, ich habe nämlich etwas vergessen: als die Vertreter der vier Länder in unser Lager gekommen waren (in unsere Stube), da hatten sie uns gesagt: ab morgen bekommt ihr die Essensration der deutschen Soldaten, und die Offiziere unter euch sollen sich eine Armbinde machen, an der man den Rang erkennt. […]

Und wieder schreibe ich nicht chronologisch – ich schreibe, wie es mir in den Kopf kommt, und einen tragischen Vorfall kann ich nicht vergessen. Sie trieben uns in den Laderaum des Schiffes, und als ich mich hinabließ, da stand unten vor mir ein riesiger aus Brettern gezimmerter Trog, daneben ein Ballen Stacheldraht, aus dem die Drahtenden hervorstanden. Warum ich das schreibe, werden Sie gleich verstehen. Der Trog war voll mit Exkrementen. Die Hälfte dieses Laderaums war mit Kraftfutter beladen, gepresste Getreideabfälle. Die andere Hälfte des Frachtraums war leer, dort saßen die Gefangenen auf dem nackten Boden, tausende. Kescha und ich suchten uns einen Platz, wo die Futterblöcke etwa einen Meter hoch gestapelt waren. Die letzten, die hereinkamen, ließen sich auf dem nackten Boden nieder und holten sich einige Futterblöcke, um bequemer sitzen zu können. Nach einiger Zeit war der Trog voll und es schwappte schon über den Rand auf den Boden, die Jungs legten sich die Blöcke unter die Beine. Am Morgen bekamen wir Büchsen mit Dorsch zum Frühstück, eine Büchse für mehrere Personen. Kaum hatten wir sie gegessen, da sagte Kescha zu mir: „Da oben haben sie Lebensmittel in dem Stapel gefunden! Ich sagte: ich geh mal nachsehen. Als ich oben ankam, sah ich eine Gruppe Männer um ein Loch im Stapel herumstehen, ich ließ mich in das Loch hinab, unter den Futterblöcken waren Kisten, offensichtlich Munition, und darunter Kartons mit Konserven. Ich steckte mir Konservenbüchsen in die Hosentasche und unter die Kleidung, aber als ich aus dem Loch wieder herauskletterte, da rissen mir die anderen alle Konserven augenblicklich vom Leib, mir blieb nur eine Büchse, die ich in der Hand hielt.

Einer von unseren Männern hatte dort im Laderaum geraucht, was die Wachen von oben bemerkten, einer von ihnen kam herunter, schlug zwei Männer mit einem Knüppel und schleifte sie mit nach oben, wir wussten – die werden erschossen … Und dann: Kescha und ich hatten gerade die Büchse, die ich ergattert hatte, aufgegessen, da hörte ich, wie von oben ein Offizier rief Komm, komm, wobei er mit dem Finger auf einige Männer zeigte und dann auf mich. Ich ahnte, dass er mich wegen der Konservenbüchse herausrief, denn sie wussten schon, dass wir die Lebensmittel gefunden hatten. Ich besah mir das Etikett der Büchse und bemerkte, dass es die gleiche Büchse war wie die, die wir zum Frühstück bekommen hatten. Ich stieg die Leiter hinauf, er schlug mir von oben auf den Kopf, ich fiel hin und wäre beinahe auf diesen Stacheldraht gefallen oder in die Exkremente im Trog.

Ich erklärte ihm „Portion“, er sah sich die Büchse an, rief: „Raus!“ und schlug mich wieder. Dann ließ er mich in den Frachtraum hinab, da fiel mir der Handschuh aus der Hand, der mich gewärmt hatte … Es gab Gerüchte, dass er einen Wlasssower gezwungen hatte, die Männer zu erschießen, der hatte sich geweigert, da wurde er selbst erschossen …

Ich möchte noch ergänzen: Ich habe sehr spät erfahren, dass Entschädigungen für die Sklavenarbeit gezahlt werden. Ich habe einen Brief geschrieben und alle Unterlagen geschickt, die beweisen, dass ich mir der Heimat gegenüber nichts habe zuschulden kommen lassen. Als Antwort erfuhr ich, die Auszahlungen seien bereits abgeschlossen.

Mit freundlichen Grüßen,

Aleksandr Iosifowitsch Lifantjew.

Mir ist noch etwas eingefallen. Als sie uns noch nach Petschenga bzw. Petsamo trieben, da mussten wir uns alle aufstellen und die Hosen herunterlassen. Dann schritten sie die Reihen ab und prüften, wer beschnitten war, und wir mussten ein Wort mit „r“ aussprechen. Einer der Gefangenen konnte es nicht richtig aussprechen, da nahmen sie ihn sofort mit – das bedeutete, er war Jude.

Meiner Meinung sollte es für diese Schwerstarbeit und die Demütigungen keine Verjährungsfrist bei den Entschädigungszahlungen geben …

Mit freundlichen Grüßen,

Aleksandr Iosifowitsch Lifantjew.

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[*] Kursiv im Original Deutsch [Anm. d. Übs.].

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