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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

38. Freitagsbrief (16.03.2007).

Anatolij Lopuschenko.

Guten Tag, liebe Mitglieder des Vereins KONTAKTE-KONTAKTY und dessen Geschäftsführer Eberhard Radczuweit und Dr. Hilde Schramm,

noch im September 2005 habe ich die finanzielle Hilfe in Höhe von Euro 300,- bekommen. Aber ich war krank und konnte deshalb nicht gleich antworten. Ich möchte der Geschäftsführung des Vereins und den Mitgliedern mein herzliches Dankeschön übermitteln für die Fürsorge, die Sie uns ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen erweisen, die wir die Schrecken des Krieges und der Zwangsarbeit überlebten.

Ab April 1940 diente ich in der Berufsarmee im Ort Snjatyn (Nähe Kolomyja) im Gebiet Iwano-Frankowsk. Ich hatte den mittleren Schulabschluss und genügend Wissen und Erfahrung, um in gefährlichen bzw. sehr gefährlichen Gefechtsaktionen eingesetzt zu werden. Ich war Adjutant des Batteriechefs der Artillerie, und gemeinsam mit ihm haben wir einige Male aus scheinbar aussichtslosen Gefechtssituationen herausgefunden. Er hat mich „Vesutschij (= Hans im Glück od. Glückspilz, d. Ü.) genannt und er hatte mit mir auch Glück.

Einmal, alle Soldaten unserer Batterie waren gerade im Badehaus, da flogen die deutschen Junkers-88 einen Angriff. Auf das Gebäude der Banja fiel eine Bombe – sie explodierte jedoch nicht und blieb im Umkleideraum liegen. Wäre sie explodiert – alle wären unter den Trümmern des Gebäudes begraben worden. Wir liefen auf den Hof – splitternackt, bei -15 Grad und kniehohem Schnee. Im Laufen wärmten wir uns gegenseitig. Vier Soldaten wurden in den Umkleideraum geschickt, die dann aus der Ruine unsere Uniformen rauswarfen. Wir zogen uns an und die Soldaten sagten, dass ja unter uns ein Sonntagskind wäre, das für uns alle ein Schutzengel war und uns vor dem Tode rettete. Das hörte der Batteriechef, er ließ mich vortreten und verkündete, dass ich am 21.01.1921 geboren wäre und dass diese Ziffern beim Kartenspiel die Gewinnzahlen wären. Die Soldaten griffen mich, warfen mich bald 10 Mal in die Luft und tauften mich auf den Namen „Vesutschij“ (s.o.. Solche gefährlichen Momente gab es viele, ich habe nur vom schlimmsten erzählt. Während der Gefangenschaft wurde ich mit anderen zur Arbeit auf dem Flugplatz Nähe Frankfurt /Main geschickt. Am 22. oder 23. März 1945 griffen ca. 50 amerikanische Flugzeuge „Fliegende Festungen“ aus 10 km Höhe mit 1000-kg-Bomben an. Mein Freund Matwej Jampiskij und ich liefen den fallenden Bomben entgegen. Schon nach 60-70 Metern mussten wir uns hinlegen.

Nachdem zig Bomben gefallen waren, standen wir auf, liefen weiter und sprangen in die Bombenkrater, die 2,5 bis 3 m tief und 5 bis 6 m im Durchmesser waren. Das Wasser und der Sand in den Kratern waren heiß, aus dem Tag wurde dunkle Nacht. Was aus den anderen Gefangenen wurde, wissen wir nicht. Das Flugplatzgelände war voller Bombenkrater.

Wir liefen in einen Wald, wo wir uns etwa einen Monat aufhielten und uns von gefrorenen Beeren und Kartoffeln der Vorjahresernte ernährten und das Wasser aus aufgetauten Schneepfützen tranken. Erst als wir das sich nähernde Getöse der Kampftechnik aus Richtung Aachen/Belgien hörten, begaben wir uns zur Straße, wo uns die Amerikaner aufnahmen, uns verpflegten und in ein Dorf brachten, wo wir zusammen mit 11 „Ostarbeitern“ bei einem Hofbesitzer arbeiteten. Sie haben uns rasiert, die Haare geschnitten, gewaschen und uns andere Kleidung gegeben. Unsere alten Sachen waren völlig verlaust und mussten verbrannt werden.

Ich konnte mich mit den Deutschen unterhalten und erfuhr, dass es in Darmstadt eine Sammelstelle für sowjetische Kriegsgefangene gab. Zu Fuß machten wir uns auf den Weg, unterwegs bekamen wir von den Deutschen zu essen und sie ließen uns in Scheunen und Ställen übernachten. Von Darmstadt aus ging es mit dem Zug weiter Richtung Osten, zur Elbe. Dort wurden wir nicht besonders freundlich aufgenommen. Wir mussten uns einer politischen Überprüfung unterziehen, dann kamen wir in ein Reserveregiment. Mich verschlug es nach Weimar, wo ich zur Bewachung von Militärobjekten eingesetzt wurde. 1946 kam die Entlassung, ich fuhr nach Hause und begann noch 1946 ein Studium am Technikum des Fernmeldewesens in Odessa. Nach Abschluss des Studiums vermittelte man mich in die Stadt Kolomyja. 1951 ging ich aus familiären Gründen nach Solotonoscha im Gebiet Tscherkassy, wo ich bis zur Berentung 1981 im Fernmeldewesen arbeitete. Im Mai bin ich zu meiner Tochter nach Nowomoskowsk gezogen. Die Gesundheit lässt zu wünschen übrig. Ich war schwer krank und benötige Diätkost. Dafür reicht die Rente nicht.

Nochmals vielen Dank für die Hilfe.

Ich möchte Ihnen meine Wünsche noch in ukrainischer Sprache schreiben: (Es folgt ein Reim in ukrainischer Sprache, dessen Übertragung hier nur ungereimt erfolgt, d. Ü.:)

„Möge das Glück Euch hold sein
zum Lohn für Eure Warmherzigkeit, für Menschlichkeit und Güte,
die Ihr den Menschen gebt
zu deren Glück, Freude und Wohlgefallen!“

Ihre Herzensgüte, Ihre Fürsorge um die sowjetischen Kriegsgefangenen haben mich überrascht. Sie haben sehr operativ reagiert. Innerhalb von 2 Monaten nach meiner Antragstellung habe ich bereits unschätzbare Hilfe für medizinische Behandlung und geeignetere Kost von Ihnen erhalten. Unserer Generation wurde die Jugend genommen und selbst im Alter leben wir nicht, sondern überleben oder genauer, existieren nur. Nehmen Sie nicht nur meine Grüße entgegen, sondern auch die von meiner Frau Olga Kononowna, einer Krankenschwester und Kriegsversehrten.

Wir wünschen Ihnen und Ihren Mitarbeitern/Mitarbeiterinnen Gesundheit und Glück und dass niemand mehr gegen den anderen kämpfen muß. Wir sind doch zivilisierte Menschen.

Übersetzerin: Sibylle Albrecht.

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