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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

379. Freitagsbrief (aus dem Russischen übersetzt von Valerie Engler).

Nigmat Chusannowitsch Saljukow
Russland
Gebiet Uljanowsk.

Sehr geehrte Mitglieder des Vereins „Kontakte-Контакты“!

Diesen Brief schreibt Ihnen der ehemalige Kriegsgefangene Nigmat Chusannowitsch Saljukow!

Wir haben uns sehr gefreut, als wir von Ihnen einen so herzlichen Brief bekommen haben, ich war von Ihrem Brief tief ergriffen. Das war der erste Brief in 65 Jahren, also seit Kriegsende, in dem wir für den Krieg um Entschuldigung gebeten werden. Außerdem möchte ich Ihnen sehr dafür danken, dass Sie für die Gefangenen, also für uns, Unterstützung organisiert haben. Für uns ist es sehr schön, dass es solche Vereine gibt, in denen die heutige junge Generation die Kriegsereignisse richtig und ehrlich bewertet.

Nun zu mir. Als der Krieg begann, diente ich in der Armee. Im dritten Kriegsmonat geriet ich an der Lwow-Front in Gefangenschaft. Sie brachten uns sofort nach Mannheim in ein Motorenwerk, wo ich als Schleifer gearbeitet habe. Bei meiner Körpergröße von 1,69 m wog ich nur noch 40 kg, und wahrscheinlich bin ich nur deshalb nicht gestorben, weil ich nicht geraucht habe und so Tabak gegen ein Stück Brot tauschen konnte.

Ich habe sehr viel durchmachen müssen, aber ich kann nicht allen Deutschen Grausamkeit vorwerfen. Es gab sehr grausame unter ihnen, aber es gab auch Deutsche, die uns unbemerkt ein Stück Brot oder anderes Essen in die Tasche steckten. Ich erinnere mich an einen Vorfall. Wir bekamen sehr wenig Essen, vor allem Suppen aus Rüben und Weißrüben mit Grünzeug, und waren völlig entkräftet. Da sagte man uns Kriegsgefangenen, es gäbe einen großen Hund, und wenn wir Hundefleisch essen würden, dann würden sie den Hund töten. Alle hoben die Hand, und am nächsten Tag kochten sie uns eine Suppe daraus, den Geschmack dieser Suppe habe ich bis heute nicht vergessen, so schmackhaft war diese Suppe.

Nach dem Krieg bin ich erst 1948 heimgekehrt, weil wir Kriegsgefangene im Bergwerk arbeiten mussten. Und danach ging mein Leid weiter, denn zwanzig Jahre lang nach dem Krieg fühlte ich mich immer beobachtet, alle zeigten mit dem Finger auf uns, als wären wir noch Gefangene.

Da ich vor dem Krieg eine gute Ausbildung gemacht hatte, bekam ich eine Stelle als Lehrer, aber sowohl die Eltern als auch die anderen Lehrer waren dagegen und so wurde ich wieder entlassen. Danach habe ich alle weiteren Jahre, d.h. bis 1979, als Klubleiter gearbeitet. Mein ganzes Leben lang habe ich mich benachteiligt und schuldig gefühlt.

Jetzt bin ich 93 Jahre alt, lebe bei meinem Sohn und seiner Familie, halte mich mit Medikamenten am Leben. Als ich Ihren Brief bekommen habe, habe ich mich so gefreut, dass ich mehrere Nächte nicht schlafen konnte, so schön war das alles für mich.

[…] Ich wünsche allen, dass es niemals mehr Krieg auf Erden geben möge.

In Dankbarkeit,

im Namen von N. Ch. Saljukow seine Schwiegertochter.

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