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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

378. Freitagsbrief (vom 15. September 2008, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Krasnodar
Witalij Michailowitsch Orich.

Sehr geehrter Herr Gottfried Eberle!

Ich danke Ihnen und den Mitgliedern des Vereins, die sich entschieden haben, den ehemaligen Kriegsgefangenen der Sowjetunion einen Gruß, und, soweit es ihnen möglich ist, eine Geldsumme zu schicken.

In Ihrem Brief bitten Sie uns, Ihnen einen Brief zu schreiben über die Zeit, die wir in Gefangenschaft verbracht haben, über die Zeit nach der Heimkehr und über unser jetziges Leben.

An die Leiden und Schmerzen, die wir während der Gefangenschaft und der Heimkehr durchmachen mussten, möchte ich nicht einmal denken. Vieles ist vergessen, aus dem Gedächtnis gelöscht, so dass ich, wenn ich daran denke, nur staunen kann – wie habe ich es geschafft, das zu überleben!

Ende Mai 1941 wurde ich in die Armee einberufen und einer Einheit zugeteilt, die sich in der Nähe unserer Grenze befand. Auf der anderen Seite des Flusses Bug konnte man die deutschen Soldaten sehen. Einen Monat später im Juni begann der Krieg. Bomben, Panzer. Wir traten den Rückzug an. In einem Gefecht wurde ich verwundet und geriet in Gefangenschaft. Ich war in den Lagern „Cholm“ [Stalag 319, Dulag 110] „Belaja Dlina“ [?] Sie wurden erst aufgebaut. Das war ein Stück Land, umgeben von Stacheldraht, unter freiem Himmel, bewacht von Wachsoldaten und Schäferhunden. Wir gruben uns kleine Erdhöhlen, damit wir uns hinlegen konnten, wobei wir uns eng aneinander schmiegten, um uns wenigstens ein bisschen gegenseitig zu wärmen. Viele starben an ihren Wunden oder verhungerten. Die Schwachen hatten schon keine Kraft mehr, um aufzustehen oder zu der Stelle zu kriechen, an der die Balanda ausgegeben wurde. Uns wurde verboten, den Schwachen auch nur ein bisschen dieser „Suppe“ zu bringen. Sie wurden erschossen.

Etwa zu Herbstbeginn brachten sie Holz und fingen an, Baracken zu bauen. Aber alle Gefangenen, die laufen konnten, brachten sie dann nach Deutschland.

Erst brachte man uns nach Neubrandenburg, dann wurde ein Teil von uns nach Rostock überführt, wo sich die Flugzeugbetriebe Bleicherstraße, Werkstraße und Marine befanden. Neben der Fabrik Marine war ein Lager für Kriegsgefangene, in dem ich lebte, da ich in dieser Fabrik in der Halle 93 arbeitete, und ich hatte die Nummer 88870, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht. In dieser Werkhalle reparierten wir verschiedene Geräte und Werkzeug – Bohrer, Bohrmaschinen usw. Die Deutschen, ältere Leute, die dort mit uns arbeiteten, waren freundlich zu uns.

Am 1. Mai 1945 wurden wir von unserer Armee, die Rostock einnahm, befreit. Nicht weit von der Fabrik entfernt befand sich ein Krankenhaus für die Ostarbeiter. Fast das ganze Krankenhauspersonal war weg, nach Hause gefahren, nur unser Feldscher und zwei Krankenschwestern waren noch da. Bald danach organisierte die Armeeeinheit, die Rostock eingenommen hatte, im Lager Sportpalast eine Sammelstelle für die Ostarbeiter, in der ich bis Sommer 1946 weiter arbeiten musste. Dort bekam ich dann auch eine Bescheinigung darüber, wo ich gearbeitet und was ich dort gemacht hatte.

Im selben Jahr kehrte ich nach Krasnodar zurück und begann sofort als Gas- und Elektroschweißer zu arbeiten, erst in einer Werkstatt, dann im Amt für Bau und Montage (SMU), wo ich bis zur Rente gearbeitet habe. Ich sagte damals niemanden, dass ich in Kriegsgefangenschaft gewesen war, denn zu der Zeit galt das als Schande und Verrat. Zweimal bestellten sie mich ins Innenministerium. Ich hatte positive Papiere über meine Arbeit im Lager für die Rückkehrer, und von da an ließen sie mich in Ruhe. Im Amt für Bau und Montage habe ich bis zur Rente gearbeitet.

Entschuldigen Sie bitte meine schlechte Handschrift. Aber ich sehe nur noch auf einem Auge und auch mit dem Auge sehe ich nicht gut. Auf dem rechten Auge habe ich Grauen Star. Jetzt bin ich Rentner.

Ich wünsche Ihnen, Dr. Gottfried Eberle, und den Mitgliedern Ihres Vereins ein langes Leben und beste Gesundheit.

W. M. Orich.

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