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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

376. Freitagsbrief (vom Januar 2009, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg).

Russland
Baschkirien
Ufa
Kadyja Chadijewitsch Chadijew.

Sehr geehrte deutsche Freunde!

Ich bedanke mich herzlich für den erfreulichen Brief, in dem Sie mir mitteilten, dass Sie mir 300 Euro schicken, die aus Spenden des deutschen Volkes hervorgehen. Übermitteln Sie meinen Dank all denen, die ihr erarbeitetes Geld geopfert haben per Radio und Fernsehen.

1932 kam mein Vater bei einem Unglücksfall um, hinterließ eine alte Mutter und 4 kleine Kinder als Waisen. 1933 starben wir nicht vor Hunger dank der Baschkirischen Gewerkschaft und des älteren Bruders Kamil. Ich lernte in einer Schule, zu der ich 36 km laufen musste. 1941 beendete ich die 7. Klasse. Ich war ein ausgezeichneter Schüler. Ich wollte nach Ufa fahren und am Technikum beginnen. Ich wollte sehr gern weiter lernen, am 23. Juni kam mein Bruder zu mir und sagte: ihr seid zu sechst, ich habe vier Kinder, Hitler hat uns mit Krieg überzogen, ich fahre bald an die Front, ich habe zwei Familien ernährt und erzogen, jetzt kannst du nicht weiter lernen, du musst für zwei Familien sorgen. Als er gegangen war, setzte ich mich und weinte und sagte: „Nein ich werde trotzdem lernen!“ Einige Tage später wurde der Bruder an die Front geschickt, ich ging zur russischen Mittelschule und bat den Direktor, mich in die 8. Klasse aufzunehmen. Er sagte: „Wir nehmen baschkirische Kinder, die sieben Klassen in einer anderen Schule absolviert haben nur in die 6. Klasse auf, weil sie schlecht russisch können.“ Ich bestand darauf, dass man mich in die 8. Klasse aufnimmt. Er dachte und dachte darüber nach und sagte dann: „Na schön, am 20. August sind die Aufnahmeprüfungen, wenn du bestehst, nehmen wir dich.“ Ich kam am 20. August in die Schule, im Diktat schrieb ich eine „4“, in Mathematik eine „5“. [5 ist die Bestnote, d. Ü.] Sie waren gezwungen mich in die 8. Klasse zu nehmen. So begann ich in der 8. Klasse mit Schwierigkeiten zu lernen, weil ich in einem Jahr 1/3 der Unterrichtsstunden versäumte, trotzdem kam ich in die 9. Klasse. Im Sommer 1942 wurde ich 16. Den Leiter der Landwirtschaft schickte man an die Front, ich wurde zum Leiter der Landwirtschaft ernannt. Im September schickte man den Brigadier an die Front. Der Vorsitzende des Kolchos und die Brigade zwangen mich, diese Funktion anzunehmen, weil alle Männer an die Front geschickt worden waren. Ich arbeitete als Brigadier und als Stellvertreter der Landwirtschaft. Ich lernte an der Bildungsanstalt für Proletarier mit dem Feind zu kämpfen, der vertragsbrüchig unser Land überfallen hat und unserem Volk nie gesehenes Leid und Unglück gebracht hat. Am 20. Januar 1943 wurde ich an die Front geschickt. Am 3. Juli 1941 hat unser Führer J. W. Stalin im Radio gesprochen und das sowjetische Volk aufgefordert, erbarmungslos gegen die Faschisten zu kämpfen, weil wir keinen Eroberungskrieg sondern einen gerechten Verteidigungskrieg führen, unser Feind ist der Faschismus, nicht das deutsche Volk. Das Volk glaubte ihm und scharte sich um ihn. Niemand hatte Zweifel, dass wir den Feind besiegen. Deshalb haben an der Front die Soldaten weder ihr Blut noch ihr Leben geschont, sie liefen zum Sturmangriff mit dem Schrei: „Für die Heimat, für Stalin“.

Ich kam an die Front als Maschinengewehrschütze. Am 24. Dezember 1943 gingen wir zum Angriff über. Als erste liefen die Schützen aus dem Schützengraben und drangen in die faschistischen Schützengräben ein, begannen sie zu töten und zu verfolgen. Hinter ihnen schleppten wir unser Maschinengewehr. Uns holte der Zugführer ein und befahl: „Chadiew, schieß, sieh sie rennen dort hinter dem kleinen Tal.“ Ich drehte das MG um 180°. Lud mit einem Patronengurt und begann zu schießen. Schon fällt der erste Faschist, dann der zweite, dritte, wen die Kugel trifft, entweder meine oder die vom neben mir laufenden Schützen. Wir springen auf und rennen weiter, schleppen das MG. Wir kamen an den Schützengraben des Feindes, es kriecht ein verwundeter deutscher Soldat heraus, mein Schütze 3 will ihn erschießen. Ich schreie, wage es nicht, einen Verwundeten zu erschießen! Hitler hat ihn gezwungen, gegen uns Krieg zu führen, er hat gekämpft, aber jetzt ist er kein Soldat, Verwundete dürfen wir nicht töten. Der Faschist schrie „Hitler kaputt, Hitler kaputt.“ Wenn man sie verwundet hatte oder gefangen nahm, haben sie überall so geredet.

Am 28. Dezember 1943 wurde auch ich durch Minensplitter verwundet. An acht Stellen im Körper saßen die Splitter. Sechs hat man in der Sanitätsstelle des Bataillons herausgeholt, einen im Krankenhaus und der achte kam 1948 von allein aus der linken Schulter. 4,5 Monate lag ich im Lazarett. Die Front erreichte ich wieder 1944 in Moldawien.

Im August marschierten wir durch Moldawien, Rumänien. Die Rumänen kämpften und kämpften gegen uns, drehten ihre Waffen gegen die deutschen Faschisten um. Durch ganz Rumänien liefen und liefen wir mit der Maschinenpistole auf der Schulter. Erst im September begegneten uns die Ungarn und es begannen heftige Kämpfe, sie wollten uns nicht auf ihr Territorium lassen. Dabei wurde ich ein zweites Mal verwundet, diesmal durchschlug die Kugel die rechte Schulter. Der Organismus war jung, die Wunde verheilte in 20 Tagen, die Finger jedoch gehorchten nicht, ich konnte nicht auf den Abzug drücken, wurde trotzdem in den Krieg geschickt. Jetzt drückte ich mit allen fünf Fingern ab. Aber jetzt ist nicht 1941 sondern 1944, die Deutschen haben wenig Panzer, uns greifen keine Panzer an. Zwei Monate schleppte ich mit meinem Kameraden die Panzerabwehrwaffe ohne einen einzigen Schuss. Dort in Ungarn hat der Bataillonskommandeur, als er erfuhr, dass mit meiner rechten Hand etwas nicht in Ordnung ist, mich zum Melder beim Bataillonsstab gemacht. Nach einem Monat wurde ich als Melder in den Regimentsstab übernommen.

In dieser Zeit passierte folgendes. Man brachte zwei deutsche Gefangene in den Stab. Einen nahmen sie zum Verhör, den anderen führten sie in ein anderes Zimmer und befahlen mir, ihn zu bewachen, solange man den anderen verhört. Ich sitze auf der einen Tischseite, der faschistische Soldat auf der anderen. Im Notfall bin ich bereit, ihn zu erschießen, indem ich mit der linken Hand den Abzug betätige. Er begann aus seiner Brusttasche Farbbilder seiner Frau und des 3–4 jährigen Sohnes herauszuziehen. Sie waren beide so schön, weiß. Er will dass ich Mitleid mit ihm habe und dass ich ihn nicht erschieße. Ich dachte: „Verdammter Hitler, der hat ihn an die Front gejagt, damit er uns Sowjetmenschen tötet. Ob er getötet oder nicht getötet hat, ist mir nicht bekannt. Aber ich darf ihn jetzt nicht töten, weil er seine Waffe weggeworfen hat und sich gefangen gegeben hat, weil Hitler kaputt, bald ist der Krieg zu Ende, er kehrt nach Hause zurück. Mich erwartet meine alte Mutter, ihn erwartet seine schöne Frau und Sohn, er will wie ich nicht sterben.“ Während ich dem Gefangenen gegenüber saß und nachdachte, öffnete sich die Tür des Stabs und ein Hauptmann kam heraus, gab mir ein Zeichen, den Faschisten hinaus zu führen und zu erschießen. Bevor ich zu mir kam, sagte er, na gut, dann mache ich das selbst. Führte den Gefangenen aus dem Haus, hinter die Scheune, schoss ihn mit seiner Pistole in den Kopf, tot. Die Sünde nahm er auf sich, mein Gewissen war rein.

Der Fluss Hron mündet in die Donau. Unsere Truppen überquerten ihn und drangen 50–60 km weiter vor. Bis kurz vor Komarno, wo wir zur Verteidigung übergingen. Am 20. Februar 1945 durchbrachen die Faschisten rechts von uns unseren Verteidigungsring, gingen zum Angriff über und nahmen eine Brücke über den Hron ein. Wir waren dadurch eingekesselt worden. Gegen unsere eine Division, sagte man, haben die Deutschen 3 Divisionen eingesetzt. Wir 17 Mann, darunter ein verwundeter Hauptmann, 2 Leutnants, mussten uns gefangen geben. Soviel wir uns auch wehrten, Budapest war gefallen, die Belorussischen Fronten kämpften schon auf deutschem Territorium, Berlin wird eingenommen und der Krieg geht zu Ende, zum Kriegsende möchte man nicht sterben und sich selbst töten hat die Hand sich nicht erhoben. Ungarn haben uns auf Booten über die Donau gebracht und den Deutschen übergeben.

Man sperrte uns auf einem Pferdehof ein, wir schliefen zu Füßen der Pferde. Die Chausseen waren zerstört, man muss sie reparieren. Kipper brachten große und kleine Steine und luden sie am Wege ab. Wir Gefangene mussten die großen Steine zerkleinern, wenn sie zerkleinert waren auf Tragen zu den Löchern tragen und diese einebnen. Man gab uns große Hämmer. Meine rechte Hand gehorcht mir nicht, ich kann mit ihr die großen Steine nicht zerkleinern, die linke Hand ist zu nichts zu gebrauchen, ich kann mit ihr nichts machen, ich kann nur mit der rechten Hand arbeiten. Die großen Steine kann ich mit der linken Hand nicht zerkleinern. Das sah ein Wachmann, der mich beobachtete, kam zu mir und sagte: „Simulant, du willst wohl für die Deutschen nicht arbeiten? Ich werde dich bestrafen – ich sage dem Koch Bescheid, dass du Abends kein Abendbrot bekommst.“ So habe ich weder Mittag noch Abendbrot bekommen, blieb an diesem Tag hungrig, wurde wenigstens nicht erschossen. Dem Wachmann habe ich nicht gesagt, dass meine rechte Hand nicht funktionsfähig ist, ich hatte Angst, dass er mich dann erschießen würde. Ich habe mich geweigert, einen deutschen Gefangenen zu erschießen, die Deutschen haben mich, einen sowjetischen Gefangenen, auch nicht erschossen. (Ich bin kein russischer Soldat, wie sie mich nennen, sondern ein sowjetischer Soldat.) In Russland leben mehr als 200 Völkerschaften, alle schickten sie ihre Söhne und Töchter in die Sowjetarmee, mit den Faschisten zu kämpfen und unsere Heimat zu verteidigen.Wir kämpften nicht gegen das deutsche Volk, sondern gegen den deutschen und italienischen Faschismus.

Als die sowjetischen Truppen Ungarn befreit hatten, schickte man die Gefangenen weiter nach Westen, wir blieben in der österreichischen Stadt Leoben stecken. Am 9. Mai ging der Krieg zu Ende, ich wurde wieder Soldat der Sowjetarmee. In der Stadt Balta, Gebiet Odessa wohin man unsere Division gebracht hatte, arbeitete ich als Regimentsbibliothekar, weil ich wegen meiner verwundeten linken Hand nicht mehr diensttauglich war.

Die Baschkirische Republik hat 700 000 ihrer Söhne und Töchter an die Front geschickt, von ihnen ist nur die Hälfte lebend zurück gekehrt, darunter ich. Ja ich kehrte zu meiner alten Mutter und 4 Schwestern nach Hause zurück, die schöne Deutsche mit ihrem schönen Sohn wartete auf das Kriegsende, konnte jedoch nicht ihren Mann und Vater erwarten und weiß nicht, wo er getötet und bestattet wurde. Sie stehen bis heute vor meinen Augen. Das deutsche Volk hat an seiner Brust den Faschismus großgezogen.

Das baschkirische Volk lebt seit Jahrtausenden im Ural, hat jedoch nie Krieg gegen andere Völker geführt, es hat sich immer allein oder in den Reihen der russischen Truppen erhoben, um sein Territorium vor ausländischen Eindringlingen zu schützen. So waren Baschkiren in der Landwehr von Minin und Posharski vertreten und haben an der Vertreibung der Polen aus Moskau 1612 teilgenommen. 1812 haben sie 28 Kavallerieregimenter gestellt, die mit Pfeilen bewaffnet waren und als Teile der Truppen von Kutusow die Franzosen aus Moskau verjagt und sie bis Paris verfolgt haben. Der Bürgermeister von Paris hat dem Kommandeur der baschkirischen Truppen den symbolischen Schlüssel der Stadt überreicht. Auf dem Weg nach Hause durchquerten sie deutsche Territorien. Dabei gab es folgende Episode: der berühmte deutsche Dichter Goethe lud den Kommandeur der baschkirischen Truppen, den Baschkiren Qahym Ture zu sich ein und bewirtete ihn. Aus welchen Gründen auch immer ihn und nicht Kutusow.

Auf dem Wege nach Hause machten die baschkirischen Truppen in der russischen Stadt Wladimir halt. Dort vergifteten die russischen Beamten Qahym Ture, weil sie befürchteten, dass er die baschkirischen Truppen nicht nach Hause sondern gegen die russischen Fabrik- und Großgrundbesitzer führen würde, wie einst Salawat Julajew. Unnötigerweise haben sie ihn getötet, er hätte alle nach Hause geführt.

Im April 1948 kehrte ich in die Heimat zurück und begann im Rayonzentrum Nowo-Belokatai als Revierinspektor der Zentralen Statistischen Verwaltung der UdSSR zu arbeiten und begann sofort am statistischen Technikum zu studieren und erfüllte so das dem Bruder gegebene Versprechen „ich werde trotzdem studieren!“. Danach absolvierte ich das finanz-wirtschaftliche Institut. Bis zum Rentenbeginn arbeitete ich als Ökonom in verschiedenen Kolchoswirtschaften und in der Landwirtschaftsleitung. Die verwundete rechte Hand ist deformiert und schwach geblieben. Ich erhalte eine Rente als Kriegsinvalide. In Anbetracht meiner Invalidität hat man mir anfangs des XXI. Jahrhunderts eine Einzimmerwohnung zur Verfügung gestellt und neuestens auch einen PKW. Nun haben auch noch die deutschen Freunde mir als humanitäre Hilfe 300 Euro geschickt. Vielen Dank dafür „Danke“ [Original auf Deutsch]

P.S. ich habe einen Sohn und zwei Töchter groß gezogen und allen Hochschulbildung ermöglicht.

Die deutschen Kriegsgefangenen haben in Ufa viele fünfstöckige Gebäude und Industrieobjekte gebaut. Im Blagowarsker Gebiet haben sie einen Kolchos geschaffen, der bald der beste wurde. Dorthin kamen aus anderen Gebieten der Republik viele zum Erfahrungsaustausch. Die Völker der Republik Baschkortostan haben sich nach dem Krieg freundschaftlich mit der Bevölkerung des Bezirks Halle verbunden, mit dem Volk des Landes Sachsen.

Es lebe unsere Freundschaft!

Mit allen guten Wünschen Chadijew Kasij Chadijewitsch.

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