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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

375. Freitagsbrief (vom August 2008, aus dem Russischen von Ludmila Lade).

Russland
Gebiet Rostow
Taganrog
Nikolaj Wladimirowitsch Orlow.

Sehr geehrter Herr Gottfried Eberle, guten Tag!

Ich bin Orlow Nikolaj Wladimirowitsch. Ich habe Ihren Brief von Ihrer Organisation erhalten. Ich bedanke mich bei Ihnen und Ihren Kollegen für die Aufmerksamkeit für uns (ehemalige sowjetische Kriegsgefangene aus der Sowjetunion mit dem Zeichen „SU“).

Ich habe Ihre menschliche finanzielle Hilfe – 300 €, das heißt 11 137,17 Rubel bekommen. Ich stimme zu, dass diese Hilfe ein Symbol für ein Eingeständnis und eine Ehrung für uns ist. Danke für Ihre Mühe, für Ihre Erinnerung an unser Schicksal.

Sie haben mich gebeten, über mich zu erzählen. Ich mache es mit großem Vergnügen. Nach der Befreiung im April 1945 wurde die Filtration durchgeführt und dann wurde ich in mein Heimatland geschickt. Ich kam nach Taganrog, wo meine Eltern lebten.

Aus diesem Ort sind meine beiden Brüder an die Front gegangen, wo sie ums Leben kamen. Ich absolvierte ein pädagogisches Studium der Geschichte und danach habe ich 30 Jahre an der Mittelschule Geschichte unterrichtet. Ich erzog die Kinder zu Patrioten und Internationalisten. Gleichzeitig mit dem Unterricht machte ich in der Schule ehrenamtliche Arbeit über den Zweiten Weltkrieg, über die Soldaten und die Offiziere, die ums Leben gekommen sind und den Sieg erreichten, um die Erinnerung an sie lebendig zu halten. Ich wurde geschätzt und mit dem Titel „Ausgezeichneter Lehrer der russischen Föderation“ und „Ausgezeichneter Lehrer der Sowjetunion“ ausgezeichnet. Zur Zeit bin ich Rentner. Ich bin 88 Jahre alt. Ich interessiere mich für Politik, ich lese viel und gerne verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Ich bleibe immer in Verbindung mit meinen ehemaligen Schülern und sie vergessen mich nicht.

Am 22. September werde ich 89.

Meine Familie waren meine Frau und meine Tochter. Meine Frau unterrichtete wie ich Geschichte. Leider ist sie nicht mehr unter uns. Ich wohne mit meiner Tochter zusammen. Ich habe zwei Enkel und eine Urenkelin. Meine Familie kümmert sich um mich mit großer Wärme und Sorge. Nach dem Überstehen des Schreckens in der deutschen Gefangenschaft hoffe ich, dass ich mein Leben mit Würde gelebt habe.

Es gibt ein Hobby – meinen Garten. Ich genieße die Natur. Im Garten verbringe ich viel Zeit und denke dort über alles nach.

Die Erinnerung an mein Schicksal als Kriegsgefangener hat mich nicht in Ruhe gelassen. Sofort nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft habe ich alle meine Erlebnisse kurz notiert. Diese Notizbücher lagen im Bücherschrank und haben auf ihre Zeit gewartet. Diese Zeit kam, als ich Rentner wurde, dann habe ich eine autobiografische Erzählung geschrieben. Sie besteht aus drei Teilen. Der erste Teil heißt: Ein Mann mit den Buchstaben SU. Dort wird nur ein sehr kleiner Teil der Wahrheit über die Schicksale der sowjetischen Kriegsgefangenen berichtet. Im zweiten und dritten Teil, sie heißen „Heimkehr nach Taganrog“ und „Der Lehrer“, beschreibe ich meinen Weg aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause und mein weiteres Leben. Jeder Kriegsgefangene hat ein eigenes Schicksal und eine eigene Wahrheit. Es hängt von den verschiedenen Umständen ab. Mein Schicksal beschrieb ich in dieser Erzählung (in drei Teilen).

Ich schenke sie Ihnen.

Ich erinnere mich an einen deutschen Grubenarbeiter. Er hieß August. Ich habe mit ihm im Schacht Herbede in der Nähe von Bochum gearbeitet. Die Decke ist eingestürzt. Wir wurden dort beide im Schacht 61 begraben. Die eingestürzten Steine haben den Luftschlauch zerrissen und die Grubenlampen gingen aus. Bis heute erinnere ich mich an die Nummer meiner Lampe – 1544. Es wurde dunkel. Ich, ein russischer Kriegsgefangener, und August, ein Deutscher, waren beide allein an der Grenze zum Tod.

Die zweite Episode: Am 1. Januar 1944 waren wir im Schacht, Deutsche und russische Kriegsgefangene, ein russischer Kriegsgefangener begann ein Volkslied zu singen, die Russen sangen mit – und die deutschen Arbeiter, auch wenn sie die Sprache nicht konnten.

Und noch eine Episode: In die Stadt Soest kam nach der Befreiung ein kleines deutsches Mädchen zu uns Russen, wir gaben ihr eine Süßigkeit und am nächsten Tag brachte sie uns eine Kanne Milch …

Für diese Zeit gibt es bei uns in Russland und bei Ihnen in Deutschland wenige Zeugen …

Die jungen Menschen heutzutage in Russland und überall haben verschiedene Ansichten über unsere Geschichte. Aber von diesen Ansichten hängt die Zukunft unserer Länder ab. Wir verstehen, dass Ihre NGO einen Weg zur Freundschaft zwischen unseren Ländern sucht trotz unserer tragischen militärischen Vergangenheit.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Freunden und Kollegen viel Erfolg auf diesem Arbeitsfeld.

Mit freundlichen Grüßen

N. Orlow.

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Das Buch mit seinen Erinnerungen hat 100 Seiten. Leider können wir es ohne Aussicht auf ein Verlagsinteresse nicht übersetzen lassen. (E. Radczuweit)

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