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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

374. Freitagsbrief (vom März 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler) .

Russland
Gebiet Rostow, Bezirk Oktjabr´skij
Nikolaj Iwanowitsch Suchatschew.

Sehr geehrte Mitglieder des Vereins „Kontakte“,

Ich danke Ihnen, dass Sie die sowjetischen Kriegsgefangenen nicht vergessen haben und uns finanzielle Unterstützung zukommen lassen. Ich wünsche Ihnen Gesundheit, Wohlergehen, alles erdenklich Gute und Frieden.

Am 15. Mai 1942 geriet ich als Unteroffizier und Kommandeur eines Granatwerferzuges in Gefangenschaft. Vom 15.5.1942 bis Oktober 1942 war ich in verschiedenen Durchgangslagern auf dem Gebiet der Sowjetunion. Im Oktober wurde ich aus dem Lager Wlodzimier-Wolynski [Stalag 365] nach Deutschland in die Stadt Nürnberg deportiert. Später kam ich ins Stalag VII A in Moosburg. Am 1.12.1942 wurde ich aus Moosburg mit einem Arbeitstrupp zur Arbeit nach München gebracht. Ich kam mit drei anderen Kriegsgefangenen zur Arbeit im Sägewerk „Sebastian Kaiser“. Wir waren völlig ausgezehrt, als wir zur Arbeit gebracht wurden. Der Direktor des Sägewerks Sebastian Kaiser war darüber erstaunt und er teilte uns vier Personen neben der Lagerration 1kg Kartoffeln, einen Laib Brot und zwei Flaschen Bier zu. Mit dem Direktor arbeiteten nur sechs Personen im Werk, das waren der Maschinenwärter Max, Hans, der an der Säge arbeitete, und zwei Frauen Fanny Holzer und Minna.

Fanny Holzer, eine einfache Arbeiterin, brachte uns vom nächsten Tag an täglich ein Kilo Brot für vier Personen, obwohl sie selbst auf Lebensmittelkarten lebte. Und so blieb es bis zum 1.7.1943. Hans Stahl, der Sägewerksarbeiter, teilte ein halbes Jahr lang jeden Tag sein belegtes Brot mit mir, meinem Kollegen gab er Zigaretten.

Am 1.7.1943 wurden alle 600 Gefangenen des Lagers zurück nach Moosburg ins Stammlager gebracht. Zwei Monate später kam ich nach Wallgau am Walchensee zur Arbeit im Steinbruch in der Nähe von Garmisch. Mit den Steinen aus dem Steinbruch befestigten wir das Ufer der Isar und des Walchensees, die das Kraftwerk Walchensee speisten. Die Arbeitsbedingungen waren hart: Regen, Schnee, immer unter freiem Himmel. Als die Erde auftaute, fielen Steine von 18–20 Meter Höhe auf uns herab. Ein Stein traf meinen Fuß und zertrümmerte mir den großen Zeh. Ich wurde zum Röntgen ins Lazarett gebracht, dort stellten sie fest, dass der Zeh gebrochen war und ich kam in ein Lagerlazarett, in dem englische, polnische und französische Kriegsgefangene behandelt wurden. Alle standen unter dem Schutz des Internationalen Roten Kreuzes, sie bekamen Päckchen und Lebensmittel, so dass sie das Lageressen gar nicht brauchten. Die sowjetischen Kriegsgefangenen dagegen genossen keinerlei Schutz. Wir waren keine Mitglieder dieser internationalen Organisation.

Als ich genesen war, kam ich wieder nach Wallgau in denselben Steinbruch, wo ich bis April 1945 war. Am 15. April 1945 wurde ich in einer Gruppe von 30 Leuten in den Ort Staltach gebracht, wo wir bei der Torfgewinnung arbeiten mussten. Am 29.4.1945 wurden wir von amerikanischen Truppen befreit.

Als wir befreit wurden, flohen die SS-Leute [?], und um ein Feld zu überqueren, zündeten sie das Nebengebäude eines Wohnhauses an, in dem Brennholz gelagert war. In dem Haus lebten die Familien einiger deutscher Arbeiter. Das Haus fing Feuer, die Türen und Fenster brannten, im Haus waren Kinder. Wir rannten hin und versuchten, das Feuer zu löschen, was uns auch gelang.

Dann machten wir uns auf den Weg Richtung München. Am Abend des 30. April erreichten wir München und baten den Besitzer eines Cafés um eine Unterkunft. Er gab uns den Hinweis, dass eine Straßenecke weiter gerade ein Lebensmittellager aufgelöst wurde. Wir ergatterten dort viele Büchsen Fleisch.

Am 1. Mai fuhr ich mit dem Fahrrad los und besuchte die Arbeiter, mit denen ich 1943 zusammengearbeitet hatte. Die Nebengebäude des Werks waren niedergebrannt worden. Fanny Holzer, die uns mit Brot versorgt hatte, erzählte, dass ihr Mann an die Front gekommen und ihr Sohn 1944 in Frankreich gefallen war. Unser Sägewerksarbeiter Hans Stahl war bei Berlin vermisst. Ich schlug Fanny vor, mit mir zu kommen, damit wir ihr etwas von den ergatterten Lebensmitteln abgeben könnten. Sie willigte gern ein und wir gaben ihr drei Kisten Fleischkonserven. Die deutschen Bürger waren den sowjetischen Menschen gegenüber gut eingestellt.

Einige Anhänger des NS-Regimes behandelten die Kriegsgefangenen aber mit großer Brutalität. Der Lagerkommandant z.B. ließ bei Minustemperaturen nackte Menschen mit kaltem Wasser übergießen und hielt ihnen dann eine Moralpredigt. Obwohl ich mir nichts hatte zuschulden kommen lassen, versetzte er mir doch einen Schlag mit dem Griff der Pistole und brach mir den Kiefer. Drei Monate lange konnte ich keine feste Nahrung zu mir nehmen. Ich wurde ins Armeelazarett geschickt, ein Arzt sah mir in den Mund, schrieb mich für zwei Tage krank und ordnete an, mir die äußeren Zähne zu ziehen. Der Röntgen-Arzt aber fragte mich, was ist dir denn passiert, ich antwortete, der Unter[offizier] hat mich geschlagen, und der Arzt möchte die Zähne entfernen lassen. Er lachte auf, rief den Arzt dazu und sagte zu ihm: Man hat ihm fast die Zähne ausgeschlagen, und jetzt sollen sie ihm gezogen werden? Der Arzt war ein gesitteter Mensch, er entschuldigte sich und fragte, warum haben Sie das nicht gleich gesagt. Dann schrieb er mich für eine ganze Woche krank. […]

Es gab in Deutschland sowohl gute Menschen als auch schlechte, genauso wie bei uns.

Am 14.6. setzten die Amerikaner uns in einen Zug und wir fuhren nach Österreich in die sowjetische Besatzungszone. Das Lager dort war besser als das deutsche. Dann begann die Überprüfung, von welchem Kriegskommissariat wir einberufen worden waren, wie wir in Gefangenschaft geraten waren, ob es Zeugen gab. Nach der Überprüfung wurde ich am 27. Dezember 1945 aus der Armee entlassen.

Am 1. Januar 1946 begann ich als Brigadier in der Kolchose zu arbeiten. Nachdem ich dort ein Jahr gearbeitet hatte, kam aus dem Bezirkskomitee die Anweisung, alle diejenigen, die in Gefangenschaft oder in den besetzten Gebieten gewesen waren, seien von führenden Positionen zu entlassen. Während des ersten Fünfjahresplans musste ich in der Kolchose praktisch für umsonst arbeiten.

Trotz all dieser Schwierigkeiten arbeitete ich ohne Unterlass. Meine Frau und ich bauten uns ein Haus und zogen drei Kinder groß, zwei Söhne und eine Tochter. Unsere Söhne wurden Oberoffiziere, unsere Tochter hat studiert und ist jetzt schon in Rente. Unser älterer Sohn ist beim Dienst ums Leben gekommen. Unser zweiter Sohn ist Rentner. Wir haben fünf Enkel und drei Urenkel.

Ich danke Ihnen für die Anteilnahme und freue mich darüber, dass man auch in der Zeit der Krise noch gute Menschen finden kann.

Mit vielen Grüßen und den besten Wünschen für Sie und Ihre Nächsten

Nikolaj Iwanowitsch Suchatschew.

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