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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

373. Freitagsbrief (vom Januar 2010, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg).

Russland/Tatarstan
Altemjewsk
Salim Jalejewitsch Iwanow.

Erlauben Sie mir, Ihnen und Ihren Lieben zum Neuen Jahr 2010 zu gratulieren und Ihnen im Namen meiner Familie und von mir gute Gesundheit, Glück, Erfolge in Allem zu wünschen. Bei mir klappt nicht alles so richtig, weil ich wenig gebildet bin?

Ich erhielt Ihren Brief, danke.Möchte Ihnen mitteilen, dass ich noch lebe, aber nicht ganz gesund bin. Herzkrank, die ganze Zeit verbringe ich in Krankenhäusern, rufe den Notarzt. Jetzt sitze ich und schreibe mit Schwierigkeiten so lange. Das ist zum größten Teil Folge der Gefangenschaft, Hunger. In der Gefangenschaft gab es keine medizinische Hilfe.

Ich beginne kurz mit Krementschuk [Stalag 339], wo man uns zwang, Panzerabwehrgräben auszuheben. Alle, die da waren, mussten graben. Wie viel Zeit das kostete. Dann brachte man uns von dort nach Snamensk, das ist im Gebiet Kirowograd. Dort fuhr man uns mit LKW und zu Fuß in den Wald irgendwelche Kisten aufzuladen.

Alles war verschlossen. Wahrscheinlich Bomben oder Munition, dann, erinnere ich mich, mussten wir eine Blindgängerbombe aus 3 Meter Tiefe ausgraben. Dort hausten wir in Kuhställen. Wie lange wir dort waren, weiß ich nicht mehr. Danach schickte man uns nach Kirowograd [Stalag 305], Uman [Stalag 349], Winniza [Stalag 329], Proskurow [Stalag 355]. Dort hielt man uns in Quarantäne, lange, einen ganzen Monat. Verpflegten uns mit Hirse. Es zeigte sich, dass die Hirse sich nicht kochen ließ. Dass bei dieser Quarantäne meine Kameraden und ich am Leben blieben, ist ein Wunder. Danach verlud man uns in einen Zug nach Przemysl [Stalag 326]. Wie lange wir gefahren sind, weiß ich nicht. Dort erkrankten ich und noch einige andere an Bauchtyphus. Das war sicherlich irgendwann 1944. Deshalb, weil niemand wusste welcher Tag ist heute und welches Jahr? Es zeigte sich, dass wir in einer Art Krankenhaus waren, neben dem Lager. Alles war mit Stacheldraht umgeben. Ringsum waren verstärkte Wachen. Zu diesem Zeitpunkt begann das Rote Kreuz seine Arbeit.

Man besuchte die Abteilungen, in denen wir lagen. Die Kriegsgefangenen äußerten ihre Beschwerden. Ich geriet an einen Sanitäter, der mich fragte: Was ist mit dir? Ich antworte: Der Bauch tut weh. Er fand einige Leute, mir zu helfen. Danke dem Roten Kreuz, diesem Sanitäter und unserer Regierung. Man begann, uns wie Menschen zu behandeln. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus wollte ich arbeiten. Es war schon schneereicher frostiger Winter. Wir, um die vier Mann, kamen auf den Friedhof, die verstorbenen Kameraden zu beerdigen, die dort gestorben waren, wo ich gelegen habe, die, welche vor meinen Augen gestorben sind. Als wir vom Friedhof kamen, fragte man uns: Wie, euch hat man nicht erschossen? Man sagte, das wäre Hitlers Geburtstag gewesen. So habe ich in diesem Lager den ganzen Winter und den ganzen Sommer verbracht. Zeitweise mussten wir auf dem Territorium Verschönerungsarbeiten leisten, man fuhr uns zum Torfstechen unweit des Lagers. Alle warteten, dass uns unsere Truppen befreien.

[…] Wir wurden überprüft und zur Arbeit in das Gebiet Krasnodar geschickt. Dort arbeitete ich als Traktorist, danach wurde ich dienstverpflichtet nach Tatarstan geschickt. Hier bin ich geblieben, habe bis zum 82. Lebensjahr gearbeitet, so dass ich keine kränkenden Worte zu hören bekam. Ich arbeitete wie alle anderen mit gleichen Rechten und Vergünstigungen.

Hochachtungsvoll

Iwanow Salim Jalejewitsch.

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