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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

372. Freitagsbrief vom Februar 2007.

Belarus
Gebiet Gomel
Pawel Afanasjewitsch Chapankow.

Sehr geehrte Damen und Herren aus der Organisation Kontakte,

ich bin ein älterer Mann. Ich kann nicht selbst schreiben, deshalb schreibt diesen Brief mein Verwandter nach Diktat.

Vielen Dank für Ihre Tätigkeit und für die der Möglichkeit nach angemessene Hilfe für uns ehemalige Kriegsgefangene. Ich bedanke mich bei allen Bürger Deutschlands, die dazu einen Beitrag geleistet haben.

Über mein Leben. Als einfacher Dorfjunge wurde ich 1940 in die Rote Armee einberufen. Ich diente cirka ein Jahr. Es begann der Krieg. Ich geriet Ende Juli 1941 in Kriegsgefangenschaft und befand mich im Lager bei Winnica [Stalag 329] in der Ukraine. Wir lebten hinter Stacheldraht. Leben? Kann man das als "Leben" bezeichnen? Weder Verletzten noch Kranken wurde geholfen.Es starben Dutzende. Morgens holte ein spezielles Kommando die Verstorbenen ab. Sie starben vor Hunger, Verwundungen, Krankheiten. Ich war aber jung und vor der Gefangennahmen absolut gesund. Hauptsache, ich wollte leben. Ich habe überlebt.

Im Herbst wurden Gesunde und Junge mit einem Güterzug nach Deutschland abtransportiert. So gelangte ich nach Limburg [Stalag XIIA Diez], wenn ich mich nicht irre. In den Baracken unweit von der Stadt lebten Kriegsgefangene aus dem ganzen Europa. Die Lebensbedingungen unterschieden sich von den Lebensbedingungen im Lager in der Ukraine kaum. Der einzige Unterschied: Wir arbeiteten täglich. [Im Lager für sowjetische Kriegsgefangene waren die Ukrainer dort getrennt untergebracht, d. Ü.]

Eine gewisse Zeit später wurde ich von einem privaten Bauern abgeholt. Ich arbeitete rund um die Uhr, von einem Morgenrot bis zum anderen. Hier arbeiteten noch ein paar gleiche Männer wie ich. Der Bauer gab schlechtes Essen. Das reichte nur fürs bloße Überleben.

Im Frühjahr 1945 befreiten uns die amerikanischen Alliierten. Es gab wieder Lager, diesmal mit der Hoffnung auf Freiheit. Danach gab es ein Treffen mit Vertretern der Sowjetarmee. Nach einer einmonatigen Behandlung im Spital diente ich in der Sowjetarmee weiter. Die Zeit der Kriegsgefangenschaft wurde als Wehrdienstzeit nicht mit berechnet. Ende 1946 kehrte ich heim. Das Dorf war fast vollständig verbrannt. Die Überlebenden lebten in Erdhütten. Das Nachbardorf Tolotschkowo war zusammen mit den Einwohnern völlig vernichtet worden.

Das Leben ging weiter. Ich heiratete. Mit menschlicher Hilfe baute ich ein kleines Haus. Ich arbeitete in der Kolchose und leistete verschiedene Arbeiten. Vor dem Haus hatte ich einen Gemüsegarten. Im Bauernhof gab es Hausvieh. Wir hatten sechs Kinder, vier Söhne und zwei Töchter. Meine Ehefrau starb vor ein paar Jahren. Der älteste Sohn ist auch tot. Meine Rente beträgt etwa 150 Dollar.

Das Leben ist dem Ende nah. In meinem Gedächtnis bleibt ein bitteres Gefühl. In der ehemaligen Sowjetunion wurde ich nie respektiert. Mir wurde nie geholfen. Die Menschen wie ich, die alle Kreise der Hölle durchlebt haben, wurden verachtet und als Verräter beschimpft. Ganz hart war es zu Stalins Zeit.

[…]

Hochachtungsvoll

Pawel Afanasjewitsch Chapankow.

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