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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

371. Freitagsbrief (vom Februar 2009, aus dem Russischen von Dr. Peter Tichauer).

Russland
Gebiet Belgorod
Bezirk Walujskij
Iwan Wasiljewitsch Kirjanow.

Sehr geehrte Herren!

Alle Mitglieder unserer Familie wünschen Ihnen Gesundheit, Glück und Frieden.

Wir sind für die Hilfe, die Ihr unserem Vater zukommen lassen habt, sehr dankbar. Nicht nur die materielle Hilfe, sondern die Befriedigung von der Erkenntnis, dass es in Deutschland Menschen gibt, die nicht gleichgültig sind und die Geschehnisse von vor über 60 Jahren richtig einschätzen.

Krieg ist eine Menschen verachtende Tat, nicht nur für unser und Euer Volk, sondern für jedes Volk der Erde. Aber wo und wann haben die Machthaber bei ihrem Volk um Erlaubnis gebeten, um einen Krieg zu entfesseln? Und wem bringt der Krieg Nutzen? – Doch nur einem kleinen Haufen von Machthabern! […]

Sie schreiben, dass das zustehende Geld [eine Spende von 300 €] ein Zeichen von Scham, Achtung, Mitgefühl ist. Kann denn aber das Volk für einen Krieg? Und wenn es in Ihrem Land Menschen gibt, die nicht gleichgültig sind, fremden Kummer mitfühlen – das ist ein schönes Zeichen. Diesen Menschen gehört die Zukunft. Mögen unsere Kinder und Enkel und Urenkel friedlich mit den eigenen Menschen und den Menschen anderer Staaten – ohne Krieg – leben.

Ich bin die Tochter von Iwan Wasiljewitsch Kirjanow, geboren am 01.05.1920 im Dorf Urasowo, Bezirk Walujskij, Gebiet Belgorod. Ich weiß nicht, unter welchem Stern man geboren werden muss, um ohne Armut, zufrieden und glücklich zu leben. Mein Vater hatte wenig Freude und Reichtum im Leben. Tatsache aber ist, dass er ein ehrliches und würdiges Leben hatte. Bei uns heißt es, ein Mann hat nicht umsonst gelebt, wenn er einen Garten gepflanzt, ein Haus gebaut und Kinder erzogen hat. Nun, einen Garten hat er gepflanzt, ein Haus gebaut, zwei Töchter groß gekriegt, ihnen eine gute Bildung verschafft, drei Enkel und zwei Urenkel bekommen.

[…]

Vater wurde in einer malerischen Gegend geboren, lebte bis zum 9. Jahr unter liebevoller Obhut der Eltern. 1929 starb plötzlich sein Vater und 1933 verhungerte seine Mutter, sodass er mit einem Bruder und einer Schwester alleine blieb. Damit begann in seinem Leben die schwarze Zeit. Es gab alles: Hunger, Kälte, Entbehrungen. Das Leben ging aber weiter. 1940 war Iwan schon erwachsen, ein gut gebauter junger Mann mit bestimmten Lebenserfahrungen. Am 14.10.1940 ging er dann zum Dienst in die Sowjetarmee. Er wurde Fallschirmspringer.

Schon nach 2 Monaten hatte er seinen ersten Übungssprung. Im Juni 1941 war er im Sommerlager in den Wäldern von Darniza. Hier erlebte er den Kriegsbeginn. Befehl: An die Front. Und am 8. Juli bekam er die erste Feuertaufe 15 km von Shitomir entfernt. Der Gegner hatte viel mehr Kräfte, pausenlos wurde gebombt, die Schlacht dauerte 10 Tage. Die Deutschen haben unsere Soldaten in einen Wald gejagt und umzingelt. Es gab nichts zu essen und zu trinken – man war gezwungen, Wurzeln und Gras zu essen. Auch die toten Pferde, schon stinkend, wurden aufgegessen. Viele der Soldaten waren verwundet und krank. Es gab weder Verbandszeug noch Munition. 10 Tage haben sie ausgehalten und kamen am 15. Juli in Gefangenschaft.

Die entkräfteten und hungrigen Soldaten wurden von den Deutschen aus dem Wald getrieben und zu Autos gejagt und in ein Lager bei Shitomir gebracht [Stalag 358]. Das Lager war auf der Basis einer ehemaligen Artillerieeinheit organisiert, mit Stacheldraht umzäunt. Die Gefangenen wurden medizinisch untersucht, mussten alle Sachen außer der Feldbluse abliefern. Dann wurden sie in sehr engen Kasernen eingesperrt. Es war wenig Platz, sie mussten übereinander schlafen. In diesem Lager war mein Vater bis Ende Juli 1941. Das Essen bestand nur daraus, was die zivile Bevölkerung brachte: Grütze, Kartoffelschalen. Es wurde auch mal verdorbener Salzhering verteilt, ohne dass man Wasser bekam. Die Gefangenen waren gezwungen, ihren eigenen Urin zu trinken.

In diesem Lager waren ca. 15 000 Gefangene. Anfang August wurden 5000 Kriegsgefangene aus diesem Lager zu Fuß in Kolonne nach Rowno gejagt. Gefangene, die nicht mehr gehen konnten, wurden mit Bajonetten erstochen. In Rowno waren drei Lager organisiert. [Stalag 360]

Das Lager hatte schreckliche Bedingungen. Es gab nicht einmal Klosetts. […] Auch die Verpflegung war miserabel. Die Menschen konnten gerade mal noch krauchen – es waren lebende Leichen, nur Haut und Knochen.. allerdings, trotz miserabler Verpflegung gab es in diesem Lager Wasser. Täglich wurden Hunderte Leichen rausgefahren.

Die nächste Etappe in Vaters Leben war ein Lager für Kommandeure, auch in Rowno, in der Nähe der Eisenbahn. Hier waren die Bedingungen noch unerträglicher. Die Menschen starben wie Fliegen. Der Vater wurde so schwach, dass es schien, das Leben verließe langsam den Körper. Es rettete ihn "Seine Majestät" der Zufall! Aus 40 Kriegsgefangenen, die noch etwas die Beine heben konnten, wurde eine Beerdigungsmannschaft gebildet. Denn die Verluste rechnete man ja nicht mehr in Hunderten, sondern in Tausenden.

Das war eine sehr schwere Arbeit, nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Aber man bekam dafür etwas Zusatzverpflegung. Und es gab die Möglichkeit, die schon geschwollenen Beine zu bewegen. Es war sehr schwer, solche Leichenmengen zu sehen, den Schmerz des Verlustes durch sein Herz zu lassen.

Und dann kam ein neues Lager, jetzt in Dubno [Stalag 360Z]. Hier waren sehr viele Menschen. Wer keinen Platz in der Kaserne ergattern konnte, musste unter freiem Himmel schlafen. Und das im Oktober, es war schon kalt, es regnete. Die nassen Kleider mussten von der Körperwärme trocknen. Aber der Körper war nicht mehr in der Lage, ausreichend Wärme zu entwickeln. Die Menschen erkälteten sich und marschierten ins Jenseits.

Und da es keinerlei Verpflegung gab, hat sich das Lagerkommando einen Trick ausgedacht: Außerhalb des Lagers wurde eine Plane gelegt, worauf die Bevölkerung knappe Lebensmittel, die sie sich mit Blut und Schweiß abzwackten, ablegten. Das kam dann ins Lager. Um diese Dinge zu waschen, gab es weder Wasser noch Platz. Abends wurde daraus eine Suppe gekocht – wie sie war, wurde sie verzehrt. Auch Geschirr oder Besteck fehlten – einige der Gefangenen tranken diese Suppe über den Rand ihrer Feldkappen. Und da plante Vater zu fliehen. Er ist geflohen, wurde aber gefangen und wieder in das Lager gebracht. Er dachte, das ist das Ende. Er wurde gnadenlos verprügelt und drei Tage ohne Essen und Wasser in den Karzer gesteckt.

Aber der Tod ist wieder an ihm vorüber gegangen. Aus dem Karzer wurde er nach Dubno geschickt, zum Bau eines neuen Lagers. Hier war er bis zum 12.02.1942. In den Räumen war es schrecklich kalt, da es keinerlei Heizung gab. Dreitausend Gefangene aus diesem Lager, darunter auch mein Vater, wurden am 12. Februar in Autos verladen und zur Eisenbahnstation Sdolbunowo gebracht, in Waggons ‚wie Heringe in ein Fass‘ verladen und über eine Woche transportiert, meistens am Meer entlang. Dann kamen sie in die Hafenstadt Wilhelmshaven, in eine alte Vorkriegsholzkaserne. Die Gefangenen mussten im Hafen arbeiten, wobei viele zur ewigen Ruhe kamen, da die Arbeit für die ausgemergelten Menschen unangemessen war. Und Anfang 1944 wurden dann einige zur Landarbeit zu Bauern geschickt. Auch mein Vater kam zu einem Bauern in das Dorf Bredehorn, 6 km von Varel entfernt.

Iwan kam zum Bauern […] mit einer Fünfpersonenfamilie: Frau Amo, Sohn Klaus und Töchter Ursel und Elga. Sie hatten ein großes Dorfgemeinschaftshaus , in dem die Gefangenen untergebracht waren. Früh mussten sie zur Arbeit, abends wurden sie zurück gebracht. Verantwortlich für die Gefangenen war der Bauer. Die Gefangenen kamen in ein Paradies. Essen gab es viermal am Tag. Die Verpflegung war hervorragend – auf dem Tisch stand dasselbe wie bei der Herrschaft. Auch das Verhalten zu den Gefangenen war menschlich. Langsam wurden sie warm, bekamen auch wieder Fleisch auf die Knochen. Wurden auch mal „aufsässig“. So hat Vater einen Fehler gemacht, der Herr beschwerte sich bei der Gefängnisleitung. Iwan wurde dem Bauern entzogen, heftig verprügelt und zurück in das Lager geschickt. Im Lager war er dann gelähmt. Aber 1944 war die Atmosphäre in den Lagern schon anders, da der Umschwung im Kriegsverlauf sichtbar wurde, die Schlachten bei Stalingrad und bei Kursk – Orjol waren gewonnen. Und auch in den Lagern gab es Erleichterungen. Vater wurde in das Lagerspital gebracht. Dort wurde er wieder etwas hochgepäppelt und kuriert. Anschließend kam er wieder in das Lager.

Befreit wurden sie von den Amerikanern [wahrscheinlich Kanadier]. Sie wurden angekleidet, bekamen Schuhe und wurden in ein Lager 6 km von Bonn entfernt gebracht [evtl. Wahn]. Hier kamen sie wieder zu Kräften, wurden gut verpflegt und warteten auf die Rückkehr nach Russland. 9. Mai! Sieg! Freudentränen bei Alten und Kindern. Nun fragt sich, aus welchem Stoff muss der Mensch geschaffen sein, um, ohne seine Standhaftigkeit zu verlieren, unmenschlichen Kummer, Erniedrigungen, Zerstörungen auszuhalten. Von vielen Dörfern sind doch gerade mal verkohlte Reste übrig geblieben. In vielen Dörfern waren nicht nur die Bauten vernichtet, auch die Bewohner waren entweder mit verbrannt oder mussten sich selber ihre Gräber ausheben. Unser Dorf ist dreimal von uns zu den Deutschen gekommen und umgekehrt. […]

Der Krieg war zwar zu Ende, einige wussten, wohin sie zurückkommen können; auch wenn das Haus zerstört war, es gab noch die Familie. Für meinen Vater gab es aber Nichts und Niemanden, wo er hin könnte. Aber Gott war ihm gnädig – er hat eine arbeitsame, gescheite Lebensgefährtin getroffen. Wenn aber das Leben von Null beginnt, und das noch unter den komplizierten Nachkriegsbedingungen, so erscheint das Leben als unüberwindbare Last.

Alles war sehr schwierig, Es kamen Kinder. Und im Haus fehlte manchmal nicht nur Brot und Zucker, sondern sogar Salz. Man hat, ohne zu ruhen, gearbeitet, um seinen Platz unter der Sonne zu sichern. Und so, unter sehr schwerer Arbeit, ging das Leben weiter. Es wurde eine gute Familie gebildet, das tägliche Leben wurde erträglich. Die Töchter wurden ausgebildet, verheiratet. Gute Schwiegersöhne kamen zur Familie, die auf 13 Personen angewachsen ist.

Der alten Generation fehlte vieles, aber wir hatten das, was der heutigen Generation fehlt – nicht eine Scheinzärtlichkeit, sondern den Schwung der menschlichen Seele. Und die Erinnerung! Als Erbe haben wir aus Ruinen entstandene Städte. Asphaltierte Straßen, Fabriken und Betriebe, Kulturzentren, es wurden Tausende Kilometer Eisenbahnstrecken gebaut, Gärten, Parks angelegt. In kurzer Zeit wurde die Volkswirtschaft wieder aufgebaut.

Bei all dem hat auch mein Vater Hand angelegt. Er hat sein ganzes Leben pausenlos gearbeitet. Er liebt seine Erde, liebt die Arbeit. Hat über vierzig Jahre im Betrieb gearbeitet. Ist nun im verdienten Ruhestand. Aber auch jetzt arbeitet er nach Kräften, obwohl ihn dabei immer öfter Krankheiten behindern. Die Füße wollen nicht mehr richtig laufen. Man will zwar weiter leben, sich am Leben freuen – das Leben aber bringt seine Korrekturen.

Wir möchten, dass auf unserem Planeten nie mehr Krieg geführt wird. Mögen die Gärten blühen, die Menschen in Ruhe und Freude leben. Und zufrieden mit sich und ihrem Gewissen.

Mit Hochachtung und besten Wünschen an Sie – unsere ganze Familie.

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