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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

370. Freitagsbrief (vom Februar 2006, Übersetzer/in unbekannt.).

Russland
Gebiet Wolgograd
Bezirk Michajlowskij
Petr Fedorowitsch Gretschischnikow.

Sehr geehrte Mitglieder der Organisation KONTAKTE und alle seine Vertreter, sehr geehrtes deutsches Volk,

mit großer Hochachtung und tiefer Vorbeugung schreibt Ihnen Gretschischnikow Petr Fedorowitsch.

Bitte entschuldigen sie mich, ich konnte nicht sofort auf Ihren Brief antworten. Ich habe meine Hände nicht mehr unter Kontrolle. Ich kann meine Gedanken nicht zu Papier bringen. Mein hohes Alter ist daran schuld. Vielen Dank für Ihre menschliche Beachtung, die Sie mir geschenkt haben, für die anregendenZeilen Ihres Briefes.Ich habe das Geld in Höhe 300 Euro erhalten und bin dafür dankbar.

Ich habe mich nie geärgert. Die einfachen deutschen Bürger waren für mich keine Feinde. Natürlich ging es uns während der schweren Kriegsjahre schlecht. Niemand hat damit gerechnet, dass man lebendig nach Hause kommt. Niemand hat darauf gehofft.

Ich bin am 17. Juni 1919 in der Siedlung Kogatki geboren. Unsere Bauersfamilie war groß und bestand aus dreizehn Mitgliedern. Meine Eltern hatten zehn Kinder, alle männlich. Ich habe also neun Brüder gehabt. Heute sind wir nur noch zu viert am Leben geblieben. Ich war der drittälteste Sohn in der Familie.

Vor dem Wehrdienst habe ich als einfacher Arbeiter gearbeitet. 1939 begann mein Armeedienst. Ich diente in Polen. Hier wurde ich gefangen genommen. Ich kann nicht mehr sagen, wie das Lager hieß. Ich glaube, der Name war "Masowieck" [Stalag 324 Ostrow Maziwiecka] oder ähnlich. Danach wurden wir in das zweite Lager gebracht. Ich weiß auch nicht, wie es hieß. In diesem Lager hat ein Privatbesitzer etwa achtzehn Arbeiter ausgesucht, darunter mich. Der Mann hat uns gut behandelt. Es gab keine Demütigungen. Dabei waren wir zu der Zeit für ihn Feinde. Vielleicht hat er uns in seiner Seele verachtet, das könnte sein. Er hat es wenigstens nie nach außen gezeigt. Das war ein hochgebildeter, gut erzogener und ausgewogener Mensch. Leider weiß ich nicht genau, wie er hieß. Er wurde "Berneck" genannt. Es kann sein, dass es ein Nachname oder Spitzname war. Ich kann also nichts Konkretes sagen. Wenn in der Welt mehr Arbeitgeber solcher Art lebten, könnte unsere Welt den Wohlstand genießen und in der Welt Frieden herrschen.

Der Mann hatte vier Töchter und einen Sohn. Seine Mutter starb, als wir schon dort arbeiteten. Er hatte einen großen Bauernhof. Es gab viel Vieh: Pferde, Schafe und Schweine. Dazu gehörte eine Spiritusfabrik und zwei Traktoren als landwirtschaftliche Technik. Wir arbeiteten eine genaue Arbeitsstundenzahl. Wir hatten Freizeit und Feiertage. Ich kann mich also an diesen Arbeitgeber nur mit besten Gefühlen erinnern. Das ganze Nachkriegsleben lang habe ich mir gewünscht, diesen Mann wiederzutreffen und meine Kameraden wiederzusehen. Viele haben Heimatadressen getauscht. Ich habe niemanden nach der Adresse gefragt, weil ich an die Heimkehr einfach nicht glaubte.

Die Amerikaner haben uns befreit. Unsere Sicherheitsdienste haben uns abgeholt. Ich kam aber nicht nach Hause. Man schickte mich nach Sibirien. Ich arbeitete dort cirka 1,5 Jahre im Bergwerk. Ich wurde schwer krank. Danach wurde ich entlassen. So gelangte ich nach Hause.

Ich kam also 1947 zurück nach Hause. Ich habe allein gelebt. Ich hatte keine Familie. Ich arbeitete als Kontrolleur in einer Traktorenbrigade. 1979 ging ich in Rente.

Zurzeit lebe ich bei meinem Neffen. Ich habe ein eigenes Häuschen mit zwei Zimmern. Als ich jung war und genug Kräfte hatte, träumte ich von einer großen Reise. Ich wollte alle Orte wieder besuchen, wo ich zu Kriegszeiten war. Heute sitze ich vor dem Ofen und höre, wie das brennende Holz knallt. Ich träume immer noch von dem Treffen mit jemandem aus der vergangenen Zeit.

Kommen Sie bitte zu Gast. Ich werde Sie mit Freude empfangen.

Mit Hochachtung und besten Wünschen

Petr Fedorowitsch Gretschischnikow.

15.02. 2006.

(Unterschrift).

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