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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

37. Freitagsbrief (9.03.2007).

Belarus
Gebiet Brest
Pinsk
Michail Werenitsch.

Sehr geehrte Frau Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit,.

erlauben Sie mir bitte, meinen aufrichtigen Dank für Ihre geleistete materielle Hilfe auszusprechen. Ich finde es am Wichtigsten, dass jemand sich endlich für die Schicksale der ehemaligen Kriegsgefangenen interessiert, die in der Hölle überlebt haben. Niemand hat so stark gelitten wie die Kriegsgefangenen. Sie wurden in den Lagern und während der Arbeit bei den Bauern den unglaublichsten Quälereien unterworfen. Außerdem wurden sie nach der Heimkehr diskriminiert. Ihre Familien haben gelitten. Im Allgemeinen haben sie jahrelang ein Stigma des Misstrauens gehabt. (Übersetzung einer russischen Redewendung, d. Ü.)

Wenn ich vorhätte, alle Schrecken aus dieser Zeit zu beschreiben, würde mein krankes Herz das nicht ertragen. Deshalb möchte ich etwas verkürzt berichten.

Am 13.09.1939 führte unser 62. Infanterieregiment bei Torun (Thorn/Westpreußen) erbitterte Kämpfe mit dem Feind. Die Erde brannte unter unseren Füßen. Ich bin im Kampf verwundet worden. Nach dem Kampf wurde ich von den Deutschen zusammen mit den anderen Verletzten in ein offenes Lager, Stalag, gebracht. Das Lager war mit zwei Reihen Stacheldraht umzäunt. Meine Lagernummer lautete 52502. Die Kriegsgefangenen, mit dem Körper im Schmutz, starben täglich vor Hunger und Kälte. Täglich gab es Hunderte Tote. Die Verwundeten bekamen kein Trinkwasser. Die Wunden infizierten sich. Die Menschen starben an Sepsis.

Ende September 1939 wurden die noch Lebenden zur Zwangsarbeit rekrutiert. Uns wurden falsche Bescheinigungen gezeigt. Nach diesen Bescheinigungen sollten wir „freigelassen“ werden. Tatsächlich wurden wir streng bewacht zur Arbeit geführt. Wir übernachteten in einem Stall, direkt auf dem Zementboden, ohne warme Kleidung, ohne Bettzeug. Uns wurde gesagt, dass wir offiziell keine Kriegsgefangene mehr wären und unsere Essenration entsprechend gekürzt sei.

Vom September 1939 bis Juni 1940 arbeitete ich bei der Gutsbesitzerin Gertrude Wowne [1] in der Siedlung Paaris, Kreis Kêtzryn, Rastenburg [2]. Frau Wowne war sehr brutal zu Kriegsgefangenen. Wir wurden mit Schweinefutter ernährt. Nein, die Schweine wurden besser versorgt als die Menschen. Kranke Gefangene wurden zur Arbeit gezwungen. Die Menschen wurden aus jedem Anlass geschlagen. Die Menschen starben vor Hunger und Kälte und an Schlägen direkt auf dem Felde.

Von Juni 1940 bis Oktober 1941 arbeitete ich beim Bauern Erick Liptza*, Kreis Rastenburg, Marienthal. Die Lebensbedingungen hier waren etwas besser. Wir erhielten alte, warme Militärmäntel und sogar Soldatendecken. Wir schliefen diesmal nicht auf dem Zementboden, sondern auf Holzbrettern. Das Essen war besser. Wir wurden fast gar nicht geschlagen. Manchmal erhielten wir trocknes Brot. Trotzdem war es eine Hölle. Auch hier starben die Verletzten, überwiegend an Unterernährung und schwerer Arbeit.

Verzeihen Sie mir bitte. Wenn ich jetzt diese Zeilen schreibe, erinnere ich mich schrecklicher Einzelheiten. Das Blut gefriert in den Adern.

Die Verletzungen sind geheilt. Die Wunden in der Seele werden hingegen nie heilen. Die Kriegsgefangenschaft bleibt lebenslang wie ein schwarzes Stigma. Wegen meiner Gefangenschaft wurde auch meine Ehefrau mit dem kleinen Kind im Lager eingesperrt.

Nach dem Krieg arbeitete ich als Kapitän eines Dampfschiffes. Wir lieferten Holz für ein Sägewerk. Die Ladearbeit machten deutsche Kriegsgefangene. Sie arbeiteten unter wesentlich besseren Bedingungen als ich früher gearbeitet hatte. Trotzdem taten sie mir Leid. Ich hatte hautnah erlebt, was Kriegsgefangenschaft bedeutet. Ich gab den Deutschen etwas Lebensmittel und Kleidung. Ich habe die Gefangenen moralisch unterstützt. Sie haben immer auf mich gewartet und riefen froh: „Michel! Michel!“ Das geschah nicht wegen Kleidung und Essen (sie hatten alles genug), sondern aus menschlicher Achtung.

Jahrelang klebte meine Kriegsgefangenschaft als ein schwarzer Fleck an meiner Biographie. Es war eine Schande. Wir wurden nicht als Kriegteilnehmer anerkannt. Niemand hat unsere Leiden berücksichtigt. Ich bin aber nicht böse. Das Volk und die Soldaten tragen keine Schuld für die Taten der Politiker. Ich habe immer gut gearbeitet. Einmal wurde ich zur Auszeichnung vorgeschlagen. Aus Moskau kam eine Absage. Der Grund war klar: ich war in der Kriegsgefangenschaft gewesen.

Heute lebe ich mit meiner Ehefrau allein. Wir sind beide Invaliden. Wir wohnen in einer schlecht eingerichteten Bauernhütte. Nach meinem langen Berufsleben, nach der jahrelangen schweren Arbeit habe ich kein normales Zuhause „verdient“. Heute werden in unserem Land die Kriegsveteranen gut versorgt. Wir bitten nur um ein Einziges: die Menschen müssen friedlich in dieser Welt leben. Niemand darf unser Land angreifen. Ich, ein Kriegsveteran, der alle Schrecken des Krieges, das Lager, die Zwangsarbeit, unzählige Vertreibungen und Demütigungen erlebt hat, möchte mich an die deutschen Jugendlichen wenden: bewahrt den Frieden, kümmert euch um Kinder, lebt friedlich! Die Jugend muss friedliche Kontakten miteinander knüpfen und sich gegenseitig helfen.

Ich bin noch einmal für die Hilfe der Deutschen dankbar. Ich bedanke mich bei den Organisatoren dieser Aktion ganz herzlich. Ich wünsche Ihnen Gesundheit. Ihre Kinder mögen nie den Krieg erleben.

Mit Hochachtung und Dankbarkeit.

Michail Werenitsch.

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Nachtrag zum 37. Freitagsbrief:

Michail Werenitsch lebte auf dem Gebiet, das Russland im Ersten Weltkrieg abtreten musste. So war er polnischer Staatsbürger und kämpfte in der polnischen Armee bis zu seiner Gefangenschaft. Als Folge des Hitler-Stalin-Pakts, der Besetzung polnischen Territoriums durch die Rote Armee, wurde Herr Werenitsch Sowjetbürger und nach Kriegsende als sowjetischer Kriegsgefangener behandelt. (KONTAKTE-KOHTAKTbI kennt mehrere vergleichbare Fälle.)

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[1] Die richtigen Namen haben wir nicht ermittelt.

[1] Ostpreußen, nahe der Wolfsschanze.

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