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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

369. Freitagsbrief (vom September 2013, aus dem Ukrainischen von Sibylle Albrecht).

Ukraine 43017
Gebiet Wohlynien
Andrij Andrijowitsch Lychoded.

Guten Tag Dmitro Stratievski,

ich grüße Sie aus der Ukraine und möchte entsprechend Ihrer Bitte beschreiben, wie ich die Gefangenschaft in Deutschland erlebte. Danken möchte ich Ihnen auch dafür, dass Sie uns nicht vergessen.

1941 beendete ich die 10. Klasse. Mit einem anderen jungen Mann zusammen schickte mich das Militärkommissariat Anfang Juni 1941 zur Schule der Militärflugtechnik in die Stadt Wol´sk bei Saratow an der Wolga, wo ich mich zu Ausbruch des Krieges am 22. Juni 1941 befand. Aus Wol´sk kehrte ich zurück nach Hause (ich wohnte in einer Sowchossiedlung. 20 km von der Kreisstadt) im Gebiet Lugansk. Im Dezember 1941 dann schickte man mich in eine Artillerieschule nach Stalingrad und im Mai 1942 erhielten wir dort den Dienstgrad Leutnant (nach insgesamt 6 Monaten). Nach Abschluss der Schule schickte man uns zunächst in die Reserve und danach in das Gebiet Tula, als die Deutschen sich schon ca. 200 km vor Moskau befanden. Anfang Juni 1942 wurden wir verlegt an die Stalingrader Front, in die kalmükische, Rostower und Stalingrader Steppe. In dieser Steppengegend gerieten wir am 28. August 1942 in die Umzingelung der Deutschen und am 29. August 1942 in die deutsche Gefangenschaft. Damit begann das Leben in der Gefangenschaft der Deutschen. In der Steppe bei Zimljanskrichteten die Deutschen zunächst ein Sammellager für Gefangene ein, danach brachte man uns mit Autos nach Rostow, nach Schachty und dann in das Lager Taganrog. Im Oktober 1942 wurden wir in Güterwagen verladen und kamen über die Bahnhöfe Jassinowataja und Schepetowka in das Lager Wlodzimier Wolynski [Stalag 365] nach Wolhynien. In diesem Lager sind viele Gefangene an Typhus erkrankt und verstorben. Im Frühjahr 1943 wurden wir wieder in Güterwagen verladen, kamen bis nach Tschenstochau [Stalag 367] in Polen und kurze Zeit später ging es weiter Richtung Deutschland, zum Torfabbau. Auch da blieben wir nicht lange, es ging an die 60 km weiter. In kleinen Baracken brachte man uns unter und wir arbeiteten für die Bahn. Ein Gleis sollte verlegt werden, es hieß, als Zuführungsgleis zur Hüttenfabrik des Göringwerkes. Aber auch dort blieben wir nicht lange, wieder ging es an einen anderen Ort, an dessen Namen ich mich nicht erinnere (es war nicht möglich herauszubekommen, wie die Stadt hieß), evtl. war es Dresden. Wir arbeiteten dort in einem Werk, ich glaube für Flugzeuge, aber ich weiß es nicht mehr genau. Im Herbst 1943 wurden etwa 100 Mann von uns in einen Steinbruch gebracht, wo wir Kalkstein abbauten. Wo der Standort dieses Lagers war, weiß ich nicht mehr, es war unweit des Steinbruchs. Es gab keine Häuser in der Nähe, nur Steinberge. In diesem Lager blieb ich bis zum 9. Mai 1945. Hier, wo der Kalkstein abgebaut wurde, befanden sich 2 Öfen. Ein Ofen war rund, an der einen Seite wurde der Kalk rausgeholt, an der anderen Seite wurde der Stein aufgepackt. Von oben schüttete man Kohle in die Öfen. Wir Häftlinge brachten die Steinblöcke allein zu den Öfen, andere holten den Kalk heraus. Mit uns zusammen arbeiteten auch Polen und Deutsche. Die Deutschen packten die Steine auf, wir unterhielten uns auch mit ihnen. Sie sagten uns, dass Stalin, Hitler und Churchill vor Gericht gestellt würden, wenn der Krieg zu Ende ist, denn sie haben den Krieg angezettelt.

Der andere Ofen war dort, wo die zerkleinerten//Steine waren.Große Förderwagen mit großen Steinen wurden zu den Brechern gebracht und dann in den Ofen. Ich arbeitete dort, wo die Steine auf dem Fördergleis ankamen und entladen werden mussten. Dort waren kleine Förderwagen, die durch einen Tunnel auch die Kohle zu den Öfen brachten. Mit Hämmern mussten die Steine auch zerkleinert werden. Aber wir hatten keine Kraft, waren schwach. Schwer war das für die Gefangenen, die dorthin kamen. Außerdem gab es dort noch einen sehr unangenehmen Wachmann, einer mit Brille, man nannte ihn „Otschkarik“ [1], er war bei den Gefangenen eingesetzt, die die Förderwagen beluden.

Der Gefangene, Franzose Donald, brachte die kleinen Förderwagen mit einem Elektrotriebwagen durch den Tunnel zum Ofen. Ich reinigte die Wagen. Mit Franzosen habe ich auch gearbeitet. Sie gingen unbewacht zur Arbeit, lebten in einem Haus.

Die einfachen Deutschen verhielten sich gut zu uns. Aber sowie sich der Meister näherte, hieß es „Arbeiten, arbeiten“.

Ende April 1945 holte man uns aus dem Lager hinaus und führte uns weg, wohin, wusste niemand. Dann brachte man uns wieder zurück – jedoch nicht ins Lager, sondern zu einer Sandgrube. Dann sagte man uns, dass sie uns so umher trieben, damit wir den deutschen Soldaten nicht in die Quere kamen. Später dann erfuhren wir, dass man uns wohl alle erschossen hätte, wenn wahrscheinlich die Kapitulation der Deutschen nicht dazwischen gekommen wäre. Die jüngeren Soldaten, die böse waren, flüchteten von uns. Die alten, die Polen, sind geblieben. So befreiten uns am 9. Mai die Amerikaner, die auch das umliegende Gebiet besetzt hatten. Wir Kriegsgefangenen wurden in einem Lager zusammengefasst und im Juni 1945 brachte man uns zur Brücke über die Elbe und übergab uns den sowjetischen Truppen. Nach Rückkehr in die Heimat durchlief ich die Sonderüberprüfung und dann ließ man mich nach Hause. Ich arbeitete im Staatlichen Landwirtschaftsgut als Lagerist, als Brigadeleiter in der Bauabteilung sowie als Buchhalter und Ökonom für Löhne.

1984 ging ich in Rente. Jetzt kann ich schon nicht mehr arbeiten, aber bis zu meinem 85. Lebensjahr arbeitete ich noch in der häuslichen Wirtschaft. Doch nach 2 Infarkten, nach einer Operation u.ä. mache ich nun nichts mehr. Die Gesundheit ist dahin, aber ich lebe noch.

Das ist nun mein kurzes Leben, die Gefangenschaft usw. Entschuldigen Sie, wenn ich vielleicht etwas undeutlich geschrieben habe. Die Hände wollen nicht mehr so.

Natürlich mache ich mir Sorgen – weniger um mich, mehr um unsere junge Generation und um das, was in der Welt passiert und bei uns in der Ukraine. Das lässt mir keine Ruhe. Mal wird hier gekämpft, mal dort. Hier bei uns in der Ukraine haben wir keine Einigkeit, einer droht dem anderen. Ich meine das Parlament, die Werchowna Rada. Die Historiker drehen die Vergangenheit wie es ihnen passt. Die einen schreiben so, die anderen so. Sie verdrehen die Geschichte, der eine so, der andere so. Aber es muss auch geschrieben und gekämpft werden dafür, dass in der ganzen Welt und in der heutigen Ukraine Frieden bleibt, ohne Krieg.

Nochmals danke ich Ihnen sehr dafür, dass Sie uns nicht vergessen und dafür, dass ich von Ihrem Verein 300 Euro, ein Blutdruckmessgerät und Geburtstagsglückwünsche bekommen habe.

Mit Hochachtung,

A. Lychoded.

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[1] evtl. als Spitzname, abfällig „der Bebrillte“ – d. Ü..

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