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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

368. Freitagsbrief(vom September 2013, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Schüler der Mittelschule Nr. 10 in Berjosowaja Roschtscha sammeln Informationen über alle in der Umgebung lebenden Veteranen. Sie waren es auch, die dieses Interview mit einem ehemaligen Kriegsgefangenen organisierten. Wir veröffentlichen diesen „Freitagsbrief“ als Ausnahme von der Regel, nur Briefe zu senden, die im Dialog mit uns Deutschen entstanden.

Iwan Rufimowitsch Pokajew
Russland.

„Hier ist der russische Soldat Iwan!“

Ein kleines altes Häuschen in der Futschik-Straße. Gebückt treten wir durch die niedrige Tür ins Haus. Wir fragen die alte Frau, die Frau des Veteranen, ob Iwan Rufimowitsch Pokajew zu Hause ist? Aus dem Schlafzimmer tönt eine stolze, herausfordernde Stimme, fast als wandte sich ihr Besitzer voller Wut an die Feinde, gegen die er gekämpft hat:

„Hier! Hier ist der russische Soldat Iwan!“

Die Stimme mag furchteinflößend sein, aber Iwan Rufimowitsch selbst ist schon sehr schwach. Seine Hände zittern, die Beine tragen ihn nicht mehr. Aber seine Emotionen bei diesen Worten kommen nicht von ungefähr. Vor langer Zeit musste man für diese Worte sehr teuer bezahlen. Oft mit dem Leben.

Das Gespräch mit unserem Helden ist nicht einfach. Der Veteran ist sehr aufgeregt, springt in seinen Erinnerungen manchmal von einem Ereignis zum nächsten und kann sich an genaue Daten nicht mehr erinnern. Er spricht mit zitternder Stimme. Aber seine Erzählung ist es würdig, von vielen gehört zu werden.

Iwan wurde am 21.01.1921 im Dorf Danilowka im Gebiet Omsk geboren. Mit sechzehn Jahren begann er als Traktorfahrer zu arbeiten. 1940 wurde er in die Armee einberufen und kam zum 272. Artillerieregiment bei Leningrad.

„Ich war damals ein dummes Küken. Sie haben mich gefragt, zu welcher Einheit ich will, und ich sagte, ich will zu den Funkern, die damals Leitungen verlegten, mit Kabelrollen auf dem Rücken. Als wir schon gekämpft haben, da hat mich mehrmals eine Kugel gestreift, wegen dieser Rolle auf dem Rücken, die war nämlich von weitem zu sehen wie eine Zielscheibe. Es ist ein Wunder, dass ich nicht getroffen wurde.

Am Abend vor Kriegsbeginn waren wir im Zeltlager. Unser Kommandeur hieß Shukow, so wie der berühmte Feldherr. Seinen Rang weiß ich nicht mehr. In der Nacht auf den 22. Juni war ich mit Shukow an einem nahegelegenen See, wir saßen im Boot und angelten. Dann hörten wir den Alarm, rannten schnell zurück ins Lager, traten zum Appell an. Hauptmann Flischin, der vier Batterien mit je vier Haubitzen befehligte, sagte zu den Soldaten mit Tränen in den Augen: „Genossen, wir haben Krieg mit den Deutschen.“

Bald darauf kamen wir an die finnische Grenze. Wir bekämpften die Finnen, und die kamen bald zur Ruhe und griffen uns nicht mehr an. Dann brachte man uns in einer Nachtfahrt mit dem Zug nach Smolensk. Dort musste ich die Verbindung zwischen den Batterien aufbauen. Ich kroch überall umher, manchmal sogar sehr nah an den Deutschen vorbei. Einmal kehrte ich zur Stellung zurück und sagte zu Leutnant Schilin: Schau mal dorthin durchs Grabenfernrohr. Dort hatten sich die Deutschen eine Banja gebaut und wuschen sich. Schilin sagte: Jetzt werden wir ihnen mal den Kopf waschen! Und er befahl: Zwei Artillerien nach vorne, zwei hinten, zwei in der Mitte. Zu mir sagte er: Jetzt schau mal. Aber was gab es da zu sehen? Keine Banja mehr, keine lebenden Deutschen.“

„Wie haben damals die Deutschen gekämpft und wie unsere Soldaten?“

„Ach, die Deutschen konnten kämpfen! Wir aber … wir haben schlecht gekämpft. Die Deutschen waren in der Übermacht, hatten eine starke Luftwaffe. Ihre Flugzeuge jagten hinter jedem einzelnen Soldaten hinterher. Ich musste einmal im Fluss Schutz suchen und saß lange Zeit bis zum Hals im Wasser. Aber wir wichen nicht zurück und wurden eingekesselt. Die Deutschen machten mit uns was sie wollten. Im Oktober 1941 wurde ich verwundet und bin in Gefangenschaft geraten, bewusstlos. Als ich wieder zu mir kam, lag ich in irgendeinem Schuppen. Dann trafen neu zugeteilte Soldaten ein. Es waren unsere Soldaten, unbewaffnet. Später habe ich verstanden, dass irgendein Verräter den Transport direkt in die Gefangenschaft geschickt hat.

Zum Essen bekamen wir verfaulten Kohl. Dann luden sie uns in einen Zug und wir fuhren Richtung Westen. Es war der Horror! Sie warfen uns Heringe in die Waggons, gaben uns aber kein Wasser. Ich wusste, wenn ich den Hering esse, dann bekomme ich Durst. Als wir endlich Białystok erreichten [das liegt im heutigen Polen, 188 km von Warschau entfernt – I.S.], war fast keiner in unserem Waggon mehr am Leben.

Ich war lange in Białystok [Stalag 316]. Es gab dort vier Lager für Kriegsgefangene. Das erste, das komplett mit Stacheldraht umzäunt war, war für die Russen. Daneben war ein ukrainisches Lager, das war weniger streng bewacht. Man hätte versuchen können, über dieses Lager zu fliehen, aber die hätten einen sofort verraten. Wenn die Deutschen den Gefangenen mal wieder die Einnahme einer Stadt vermeldeten, hörten man aus dem ukrainischen Lager Hurra-Rufe. Das russische Lager blieb still. Aber es gab auch unter uns Verräter, wenn auch nicht viele. An zwei russische Polizai kann ich mich noch gut erinnern. Den einen nannten wir Kolja Palkin [1], weil er die Gefangenen gerne schlug. Auch ich habe öfters von ihm etwas abgekriegt.“

„Wie war es in der Gefangenschaft?“

„Ach … jeden Moment konnten sie in unsere Baracke kommen, Gefangene erschießen, erstechen. Ich fasste den Plan, mich tot zu stellen, um aus der Baracke getragen zu werden. Aber dann erfuhr ich, dass sie allen in den Kopf schossen, bevor sie sie in die Grube warfen. Ich musste diese Idee also verwerfen. Die Gefangenen starben zum Teil an Unterernährung, zum Teil an Krankheiten oder sie wurden erschossen. Die meisten aber starben durch die ‚eigenen Leute‘: die Polizai und Wlassow-Leute. Die Anwerbung verlief folgendermaßen: Sie wählten einen Gefangenen aus und zwangen ihn, einen anderen Gefangene zu erschießen. Wenn du ihn nicht erschießt, wirst du selbst erschossen. Ich hatte also immer Angst, ausgewählt zu werden. Ich wusste, dass ich versuchen würde, irgendeinen Verräter zu erschießen. Aber in jedem Fall wäre es mein Ende gewesen. Ich aber wollte fliehen, um an der Front zu kämpfen.

Als sie begannen, Gefangene aus dem Lager zu holen und zur Arbeit am Bau eines Flugplatzes einzusetzen, da begann ich zu überlegen: Wie kannst du fliehen? Ich hatte keine Angst vor dem Tod. Und als eine günstige Gelegenheit kam, da lief ich los. Leider gab es aber noch eine zweite Reihe Wachleute, und die haben mich geschnappt. Wie sie mich verprügelt haben! Fast zu Tode. Aber ich habe überlebt.

Später, als unsere Truppen schon näherrückten, brachten sie uns auf deutsches Gebiet. In irgendeinen Wald. Wir arbeiten beim Holzeinschlag. Dort begann mir die Brust anzuschwellen. Ich konnte schon fast nicht mehr atmen. Ich dachte, ich muss sowieso sterben, also kann ich auch versuchen zu fliehen. Ein Deutscher mit Hunden fand mich. Ich sagte zu ihm: Schieß doch, schießen [2]! Aus irgendeinem Grund hat er mich aber nicht getötet, sondern zum französischen Lager gebracht. Die Franzosen sagten: Oh, Russ, oh Russ! – so nannten sie uns Russen. Offensichtlich hatten sie einen Arzt dort, denn sie holten aus meiner Brust einen ganzen Eimer von irgendeiner Flüssigkeit heraus. Während ich mich noch erholte, versteckten mich die Franzosen vor den Deutschen. Aber als es mir nur ein wenig besser ging, warfen sie mich über den Stacheldraht hinüber ins russische Lager. Und da hatte ich wieder Glück. Der Lagerkoch kümmerte sich um mich, verpflegte mich extra. Ich weiß es noch wie heute. Er hieß Fjodor Zwetkow. Wie sich herausstellte, stammte er aus Malinowka, meinem Nachbardorf. Ich dachte, wenn ich am Leben bleibe, dann fahre ich nach dem Krieg hin. Und ich fuhr hin, aber dort sagte man mir, dass es dort keinen Fjodor Zwetkow gibt und nie gegeben hat. Bis heute kann ich das nicht verstehen, seltsam ist das. Er hat mir damals helfen wollen zu überleben …

Die Zeit verging, und irgendwann tauchten am Himmel unsere Flugzeuge auf. Ich dachte, Gott sei Dank, sie sind da – damals bei Smolensk wart ihr nicht da, wie sehr hätten wir euch damals gebraucht! Dann begannen Kämpfe in der Nähe, Chaos. Und schließlich kamen Polen und übergaben mich an unsere Truppen.

Dort sagten sie mir, am nächsten Morgen käme ich zu den Vorgesetzten. Nach der Nacht brachten sie mich zum Kommandeur. Der goss mir ein Glas Wodka ein. Trink! Ich trank das Glas leer. Weil ich so erschöpft war und lange nichts mehr getrunken hatte, war ich gleich betrunken. Der Kommandeur sagte: Erzähl, wie alles war. Ich erzählte ihm alles. Danach teilte er mich sofort der Bataillonsaufklärung zu, ich bekam eine Uniform … So landete ich also bei den Truppen der Ersten Weißrussischen Front [Wie aus Iwan Pokajews Armeebuch hervorgeht, wurde er im März 1945 wieder in die Reihen der Sowjetischen Armee aufgenommen – I.S.].“

„Wie denn das? Gleich nach der Gefangenschaft, geschwächt, kamen Sie zur Aufklärung?“

„Ich weiß, das klingt seltsam. Aber so war es. Von da an habe ich immer eine Granate für mich bei mir getragen, damit mich die Deutschen auf keinen Fall noch einmal gefangen nehmen und um noch ein paar Feinde mit in den Tod zu nehmen. Mit dem Aufklärungstrupp haben wir Maschinengewehrnester ausfindig gemacht. Wir gingen immer vorne weg. Nie wusste man, ob man dieses Mal überleben würde oder nicht. Oft war es ja unsere Aufgabe, die Gefechtsstände des Feindes zu finden. Die beschossen uns, wir zogen uns zurück, und dann rückten unsere Einheiten dorthin vor, wo die Schüsse zu hören waren. Für die Kämpfe um Berlin habe ich den Orden Roter Stern bekommen. Und eine Auszeichnung für die Einnahme des Platzes vorm Reichstag. Sogar als die Kapitulation schon unterschrieben war, sind unsere Soldaten noch ums Leben gekommen. In der Stadt wurde gekämpft, und ich wurde zusammen mit zwei anderen Aufklärern losgeschickt, um herauszufinden, was da los war. Die beiden anderen sind dabei getötet worden, ich wurde nur an der Hand leicht verletzt. Aber ich hatte schon gesehen, wie sie weiße Fahnen gehoben haben.“

„Iwan Rufimowitsch, in Ihrem Armeebuch steht, dass sie noch bis Juli 1945 gedient haben?“

„Ja, stimmt. In Deutschland.“

[…]

Iwan Rufimowitsch. Ein einfacher russischer Soldat. Ein Sieger. Er lebt in einem baufälligen Haus, in dem es schon seit drei Monaten kein fließend Wasser gibt. Bis Ende des Jahres sollen er und seine Frau eine bessere Wohnung bekommen. Die Zeit drängt.

Igor Semenow, Nikolaj Babarizkij.

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[1] Von russ. palka = Stock [Anm. d. Übs.].

[2] Kursiv im Original Deutsch [Anm. d. Übs.].

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