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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

366. Freitagsbrief (vom August 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Gebiet Kostroma
Bezirk Nejskij
Wladimir Wasiljewitsch Smirnow.

Guten Tag, diesen Brief schreibt Ihnen Wladimir Wasiljewitsch Smirnow.

Ich habe von Ihrer Organisation einen Brief bekommen, für den ich Ihnen als Allererstes sehr danken möchte. Es hat mich bis ins Innerste berührt, dass ich nicht vergessen bin, dass jemand noch an das unmenschliche Leid, den Hunger und die grausame Behandlung der Menschen denkt. Ich möchte Ihnen in Kürze von meinem Leben schreiben.

Ich stamme aus dem Dorf Kolmakowo und wurde im November 1921 geboren. Ich war der dritte von vier Brüdern, außerdem hatte ich noch eine Schwester. Unsere Familie war eine arme Bauernfamilie und sie gehörte zu den ersten, die in die Kolchose „Iskra Lenina“ gingen.

Im März 1941 wurde ich eingezogen und kam zu einem Pioniertrupp. Ich habe in Starokonstantinow in der Westukraine gedient.

Am 22. Juni begann der Krieg, um vier Uhr am Morgen des nächsten Tages hatten wir unser erstes Gefecht, und am 9. Juli war ich schon in der Gefangenschaft. Am 10. Juli ließen die Deutschen uns Gefangene eine Straße instand setzen, die durch die Bombenangriffe zerstört worden war. Am Morgen trieben sie uns zur Arbeit und am Abend waren wir schon weg, waren geflohen. Wir – das waren Mischka Jemeljanow aus dem Gebiet Leningrad, Fedka aus dem Gebiet Kalinin und ich. Bis August schlugen wir uns Richtung Osten zu den Unsrigen durch, ernährten uns von dem, was wir in den Dörfern bekommen konnten. Wir waren schon bis Belaja Zerkow' gekommen, dahinter war der Dnjepr, aber da wurden wir von Polizaj geschnappt, als wir uns nachts an einem Ofen wärmten.

Sie brachten uns in ein Lager in Brest. Bis Neujahr mussten wir zwar nicht arbeiten, aber zum Essen bekamen wir nur Kohl, manchmal ein winzig kleines Stück Brot. Wir knabberten die Rinde von den Bäumen ab, zerdrückten mit den Zähnen die Läuse, die massenhaft auf uns herumkrochen. Es gab einen deutschen Aufseher, der immer mit einer Peitsche herumlief. Jeden Tag peitschte er damit einen Gefangenen zu Tode. Einmal schlug er mir damit von hinten so auf den Kopf, dass mein ganzes Gesicht aufriss, aber ich schaffte es noch wegzulaufen. Über den Winter starben so viele Gefangene, dass wir statt vier Baracken nur noch eine Baracke füllten. Aber da wurde die Versorgung besser. Wir bekamen Mehlsuppe mit Gemüse, dann brachten sie uns zur Arbeit ins Depot, wo wir Gruben ausheben mussten. Wir hatten aber keine Kräfte mehr für diese Arbeit, die sehr schwer war, da die Erde gefroren war.

Neben unserem Lager gab es noch ein weiteres und das Mittagessen aßen wir zusammen. Dort trafen wir dann auf meinen Landsmann Kostja Zhilik, meinen ehemaligen Klassenkamerad aus der Schule. Als ich 1944 aus der Gefangenschaft befreit wurde, ließen sie mich nur deshalb nach Hause, weil er meinen Eltern gesagt hatte, dass ich Anfang 1942 in der Gefangenschaft gewesen war und dass ich noch am Leben war …

Im März 1942 wurden wir mit einem Transport nach Deutschland gebracht. Dort wurden wir Drei dann getrennt, danach habe ich meine Freunde nicht wieder gesehen. Erst mussten wir einen Kanal bauen. An zwei Tagen mussten wir eine Grube von vier mal vier Metern und vier Meter Tiefe ausheben. Das dauerte den ganzen Sommer. Im September kam ich in ein Bergwerk im Ruhrgebiet nicht weit von Essen, das oft von den Alliierten bombardiert wurde. Wir wurden von Schwarzen, von Amerikanern, befreit.

Die Gesunden wurden sofort in die Heimat gebracht, die Kranken wurden erst behandelt. Als ich genesen war, kam ich zu unseren Truppen und setzte nach der Filtration meinen Armeedienst in der Infanterie fort. Wir wurden auf einen Einsatz im Krieg gegen Japan vorbereitet, ich wurde sogar zum MG-Schützen ausgebildet, aber dann brauchten sie uns doch nicht. Zu Anfang habe ich auf einem deutschen Flugplatz Motoren auseinandergebaut und verpackt, im Mai 1946 kam ich ins Pferdedepot und versorgte die Pferde. Im August wurde ich aus dem Armeedienst entlassen. Ich kehrte in mein Heimatdorf Warakinskij bei Scharja zurück und habe dort beim Aufladen von Holz gearbeitet. Anfang der fünfziger Jahre fuhr ich nach Neja in eine Armeesiedlung und wohnte dann im Dorf Nojta. Ich heiratete und wir bekamen drei Söhne. Ich habe dann an der Elektrosäge und am Tragseil gearbeitet sowie Holz gefällt und zerlegt. Jetzt bin ich Rentner.

Solch ein schweres, schwieriges Leben liegt also hinter mir.

Ich danke Ihnen für Ihr Interesse und für die finanzielle Unterstützung.

Danke für alles.

Smirnow.

19.8.2009.

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