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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

365. Freitagsbrief (von der Enkelin per Email am 20.9.2013, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Ilona Nikolajewna Morgun
Dawid Kowalenko
Ukraine.

Guten Tag!

Im Namen unserer Familie möchte ich Ihnen unseren Dank und unsere Verbundenheit übermitteln.

Nachdem mein Großvater die Hölle der deutschen Gefangenschaft durchlebt hat, war er fest davon überzeugt, dass die Deutschen ein aggressives Volk sind, mit grausamen und herzlosen Menschen. Ich möchte Ihnen sagen, dass Dawid Afanasjewitsch im Alter von 96 Jahren seine Meinung geändert hat, was ausschließlich Ihr Verdienst ist. Großvater hätte niemals zu hoffen gewagt, dass er mal solche Worte aus Deutschland hören und finanzielle Unterstützung bekommen würde. Lassen Sie mich ihn wörtlich zitieren: „Der Krieg war schlimm, die deutsche Gefangenschaft war schlimmer als der Krieg, aber das schlimmste von allem wäre, wenn alles umsonst gewesen sein sollte, wenn keine Konsequenzen aus all dem gezogen würden. Das hieße, dass sich das alles wiederholen könnte …“

Wir sind Ihnen aufrichtig dankbar, dass unser Großvater diese für ihn so wichtigen Worte von Ihnen gehört hat. Er hat uns immer wieder gebeten, ihm den Brief vorzulesen, er hat geweint und von der vierjährigen Zeit der Folter erzählt: von der schrecklichen Kälte im Lager unter freiem Himmel bei Wjasma [Dulag 184]; von den überfüllten Waggons, in denen man sie nach Minsk [Stalag 352] gebracht hat und wo sogar die Toten standen; von halbtoten Gefangenen, die man zu sechst oder acht vor den Wagen gespannt hat; von der Schwerstarbeit im Bergwerk; schließlich von der Flucht und der Befreiung durch die Amerikaner. Großvater hat uns sogar Dinge erzählt, von denen er noch nie gesprochen hat. Am 13.10.2013 sind es 73 Jahre seit dem Tag, an dem Dawid Afanasjewitsch in der Gefangenschaft zum ersten Mal erfahren hat, was ein Menschenleben bedeutet.

Er hat ein langes Leben hinter sich und kämpft auch heute noch um jeden weiteren Tag. Aber seine Geschichte ist ja nur eine Geschichte von vielen, ist nur die Geschichte eines einzigen Kriegsgefangenen. Wie viele Menschen aber haben nie einen solchen Brief bekommen? Sie haben nie die Worte gehört, auf die sie so lange sehnlich gewartet haben; sie waren weiter für Deutschland ehemalige Gefangene und in der Heimat Verräter. Und wie viele von ihnen wurden damals zu Tode gequält und auf fremdem Boden begraben.

Dawid Afanasjewitsch ist fest überzeugt: Wenn man 96 Jahre alt werden muss, um so einen Brief zu bekommen, dann lebt er nicht umsonst und war sein Leben nicht umsonst. Er hat diesen Moment noch erlebt, hat das gehört, von dem er immer geschwiegen hat. Wir können Ihnen dafür danken, dass es Sie gibt, aber diese Worte sagen fast nichts. Für das, was Sie tun, wofür Sie sich engagieren – dafür reichen Worten nicht. Gott gebe Ihnen Gesundheit und Glück, und mögen Sie und Ihre Nachkommen niemals erfahren, wie das Leben auch sein kann ….

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