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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

363. Freitagsbrief (vom Januar 2013, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Belarus
Kurenez
Gebiet Minsk
Semen Iosofowitsch Schubertij.

[…] Ihren Brief habe ich am 9. Januar bekommen. Sie haben ein sehr interessantes Thema angesprochen. Früher, als ich noch jünger war, habe ich oft an das Dorf Parow gedacht, wo wir bei einem Bauern gearbeitet haben, und ich habe darüber nachgedacht, den Menschen dort einen Brief zu schreiben oder sogar hinzufahren und von ihnen zu fordern, dass sie mir meine Arbeit von damals bezahlen. Aber als ich dann von der Stiftung Verständigung Geld bekommen habe, habe ich diese Gedanken fallen lassen. Das Geld bekomme ich erst seit Kurzem.

Es war im Frühling, sie suchten im Lager zwölf Männer aus und brachten uns in dieses Dorf. Dort wurden wir im Pferdestall untergebracht, wo sie einen Raum für uns abgetrennt hatten. Wir mussten verschiedene landwirtschaftliche Arbeiten übernehmen, und wir wurden immer von einem Wachmann mit Gewehr begleitet, er humpelte ein wenig, wahrscheinlich war er Kriegsversehrter. Die Arbeitsanweisungen gab uns immer der Verwalter, und er sah immer wieder nach, wie wir arbeiten. Das war ein älterer Deutscher, der den Kopf nicht richtig bewegen konnte, er wandte immer den ganzen Körper, und er ging immer am Gehstock. Er hat uns nie geschlagen, immer nur mit dem Gehstock auf die Erde geklopft und gesagt: Schnell, schneller [*]. Wir bekamen dort Verpflegung, aber wir suchten uns auch selbst zusätzliches Essen. Jedes Mal, wenn wir in den Getreideschober gingen, stopften wir uns Getreide in die Hosentaschen und abends buken wir es im Ofen. Insgesamt ging es uns dort besser als im Lager. Ich weiß noch gut, wie einmal der Gutsbesitzer auftauchte. Er war irgendwo bei der Armee, aber er kam in Zivil. Er besah sich alles, uns auch, aber er sprach nicht mit uns.

Wenn wir morgens zur Arbeit gingen, versammelten sich zuerst alle im Hof beim Kuhstall, vor allem waren es Frauen, einfache Arbeiterinnen in Kitteln. Dort standen Kannen mit Milch, und Hans trieb die Kühe auf die Weide. Er hatte einen großen Hund bei sich. Es waren etwa vierzig Kühe, alle von der gleichen Rasse, schwarz. Diese Frauen beobachteten uns aus der Ferne, sie sagten nie etwas Schlechtes zu uns. Einer von unseren Kriegsgefangenen hatte näheren Kontakt mit ihnen, er sprach mit ihnen und lief mit ihnen über den Hof, auch im Kittel, er war auch irgendwo bei ihnen untergebracht. Er war ein hochgewachsener Bursche, aber seinen Namen weiß ich nicht.

Ich weiß noch, dass es sehr schwer für mich war, die Gleise zu schleppen, natürlich nicht normale Bahngleise, sondern die, die wir verlegten, damit die Mistlore darauf zu den Feldern fahren konnte. Die Lore wurde von zwei Pferden gezogen, die seitlich nebenher gingen. Dann verteilten wir den Mist auf den Feldern. Einer von uns kümmerte sich um die Pferde, er hieß Iwanskij (oder so ähnlich, ich weiß es nicht mehr genau) und sprach gut Polnisch, vielleicht war er Ukrainer oder Pole. Einmal, als wir auf dem Feld arbeiteten, sahen wir das Meer, offensichtlich war es eine Bucht der Ostsee, und auf dem Wasser waren zwei Flugzeuge.

Wir blieben etwa ein halbes Jahr in diesem Dorf, dann kamen wir wieder ins Lager, und von dort kam ich dann ins Bergwerk „Julia“. Dort wurde ich dann von amerikanischen Truppen befreit und kehrte in die Sowjetunion zurück, wo ich das Filtrationslager durchlief. Danach kam ich wieder zurück nach Deutschland, als sowjetischer Soldat, und diente als Sanitätsfeldwebel. Unsere Einheit befand sich etwa 50km von Berlin entfernt.

Langsam muss ich zum Ende kommen, meine Frau ruft mich. Aber noch ein paar Worte zu mir. Meine Frau und ich leben alleine in unserem Bauernhaus. Meine Frau ist 92 Jahre alt, sie ist seit einem Schlaganfall vor zweieinhalb Jahren ans Bett gefesselt. Am 16.12.2012 hat sie noch eine Gefäßthrombose am Bein bekommen. Ins Krankenhaus können wir sie nicht bringen, sie ist nicht transportfähig. Also behandeln wir sie hier zu Hause. Die Medikamente sind sehr teuer, ich trage meine ganze Rente in die Apotheke. Die Spritzen gebe ich ihr selbst.

Auf Wiedersehen und entschuldigen Sie bitte meine Handschrift, ich sehe schlecht.

Schubertij.

12.01.2013.

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[*] Kursiv im Original Deutsch [Anm. d. Übs.].

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