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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

362. Freitagsbrief (vom November 2007, aus dem Russischen von Deniss Miller).

Belarus
Gebiet Gomel
Bezirk Rogatschewskij
Petr Fomitsch Astapenko.

Guten Tag sehr geehrter Verein!

Guten Tag sehr geehrte Bürger Deutschlands!

Mein Opa ist schon 85 Jahre alt. Seine Gesundheit ist in der letzten Zeit schlechter geworden: Herzschmerzen, und mir viel Mühe bewegt er sich. Aber er kommt aus einer Familie der Langlebigen, also hält er sich noch.

Alles, was mit dem Krieg verbunden ist, aber besonders mit der Gefangenschaft, erinnert er ungern und versuchte immer zu vermeiden, über das Thema zu sprechen. Es ist so lange her und sogar heute in der friedlichen Zeit, nachdem er Ihren Brief bekommen hat und die Erinnerungen wieder präsent waren, hat er die ganze Nacht nicht geschlafen, machte sich Sorgen und atmete schwer.

Ihr Verein hat eine große Aufgabe – bittet um Verzeihung für die eigenen Väter und Großväter. Wir haben das nicht erlebt und diese schreckliche Zeit nicht gesehen. Aber die heutige Generation, also die Kinder und die Enkel brauchen die Worte der Entschuldigungen aus Deutschland – von denen, die gekämpft haben und von denen, welche die Kriegsjahre nicht vergessen, weil wir aufgewachsen sind mit den Erinnerungen und Erzählungen über diese Zeit. In unserem Land wird sehr viel Aufmerksamkeit auf das Thema Großer Vaterländischer Krieg gerichtet, aber auch auf die Veteranen (Menschen, die gekämpft haben). Mein Opa hat das alles überlebt und erzählt oft: „Das ist ein Wunder, dass ich überlebt habe.“ Worauf die Oma antwortet: „Wahrscheinlich weil du noch Kinder und Enkelkinder großziehen musstest.“ Wir lasen ihm den Brief vor und in seinen Augen war der Schmerz, mit dem er schon so viele Jahre lebt, der aber trotzdem mit ihm bleiben wird.

Den Dienst fing er in der Ukraine in Kirowograd an als Nachrichtensoldat. Die Nachricht über den Beginn des Krieges hat sein ganzes Leben verändert. Seine Truppe wurde nach Charkow transportiert, wo er und seine Genossen eine Telefonleitung gezogen haben. Am 27. Mai 1942 kamen feindliche Flugzeuge angeflogen und damit fing die Bombardierung an. Alle, die am Leben geblieben waren, wurden in Gefangenschaft genommen. Bis zur Eisenbahnlinie gingen sie unter den Mündungen der Maschinengewehre, in die Waggons wurden sie mit Prügeln gesteckt, wie das Vieh und sie waren so viele, dass man überhaupt nicht sitzen konnte. Den ganzen Weg fuhren sie hungrig im Gestank (keiner durfte raus). Einigen wurde sehr schlecht von der stickigen Luft, und sie standen wie die Leichen.

Sofort arbeitete der Großvater in Dortmund als Arbeiter, kurz darauf wurde er nach Immigrath [Langenfeld Rheinland] geschickt, wo er 2,5 Jahre blieb. Das Werk war mit Stacheldraht umzäunt. Es war verboten, in die Nähe des Stacheldrahts zu kommen, für Unfolgsamkeit – Erschießung. Sie lebten in den beheizten Baracken und schliefen auf Matratzen aus Papier. Um 7 Uhr wurden alle Arbeiter zum Werk getrieben. Sie kehrten erst nach 19 Uhr zurück. Vor Hunger war den Arbeitern ständig schwindelig, manchmal hatte man keine Kraft, die schweren Röhren zu heben. Aber in der Nähe stand ein Aufseher, den man lieber nicht verärgern durfte – er könnte prügeln und einen ohne das ärmliche Mittagessen lassen. Die Brühe aus Kohlrüben und 250 g Brot – das ist alles, was er für seine Arbeit jeden Arbeitstag bekommen hat. Auf den Füßen hatte er Holzschuhe an, auf den Schultern – einen französischen Uniformmantel oder die gestreifte Uniform mit der Aufschrift US [richtig SU] auf dem Rücken.

Es gab keine Grenze der Freude, als die Alliierten – die Amerikaner sie aus dieser Hölle befreit haben. Die Kriegsgefangenen sind in alle Richtungen auseinander gegangen. Nach dem Krieg kehrte er in die Heimat zurück, heiratete, zog 4 Kinder groß. Jetzt hat mein Großvater 8 Enkelkinder und 7 Urenkel. Und wir alle sind sehr stolz auf ihn und lieben unseren Vater, Großvater und Urgroßvater.

Ich danke Ihnen, dass Sie die Schrecken des Krieges nicht vergessen und dass Sie die Verantwortung für Ihre Vorfahren annehmen. Bei uns sagt man: „Wenn du dich daran erinnerst, dann wirst du es nicht wiederholen.“ Wir glauben alle daran.

Viel Gesundheit und Erfolg für Sie!

Wir warten auf die Briefe von Ihnen.

Astapenko.

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