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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

361. Freitagsbrief (vom Mai 2005, aus dem Ukrainischen von Lyudmyla Shnyr).

Ukraine
Doneck
Iwan Tarasowitsch Tschwalo.

Sehr geehrte Frau Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit,

diesen Brief schreibt ein Häftling der KZ Lambsdorf und Gleiwitz während des Zweiten Weltkrieges, Tschwalo Iwan Tarasowitsch.

Ich möchte hiermit mitteilen, dass ich eine humanitäre Finanzhilfe von 300 Euro sowie Ihre Briefe vom Mai 2004 und Januar 2005 erhalten habe.

Im Dezember 2004 habe ich eine Entscheidung des Petitionsausschusses der Ukrainischen Nationalstiftung „Verständigung und Aussöhnung“ erhalten. Meine Bitte auf Gewährung einer Entschädigung aus den Mitteln der Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ wurde abgelehnt. Ferner wurde diese Absage damit begründet, dass nur die Kriegsgefangenen anspruchsberechtigt sind, die im §42 Abs. 2 des Bundesgesetzes aufgelisteten Konzentrationslagern untergebracht worden waren.

Ich werde kurz meine Gefangenschaft vom Dezember 1944 bis April 1945 beschreiben. Nach der Gefangennahme im Dezember 1944 wurde ich ins KZ Lambsdorf untergebracht. Das Lager hieß früher Stalag 318/8 und dann Nr. 344. Lambsdorf (heute: Lambinowicy) befindet sich 45 km südwestlich von Oppeln (Opole, Polen). Den Lagerbedingungen nach war es ein KZ [Kriegsgefangenenlager, nicht KZ]. Das Ziel der Lagerleitung war eine Massenvernichtung der sowjetischen Kriegsgefangenen durch Hunger, fehlende Hygienemittel, Demütigung der Menschenwürde. Es gab auch eine direkte Massenvernichtung der sowjetischen Soldaten. Ich lebte in einer ungeheizten Baracke. Meine Zehen erfroren. Aus diesem Lager wurden die Gefangenen als Häftlinge in die anderen Lagern überwiesen.

Eine Gruppe der Gefangenen, darunter ich, kamen mit dem Zug nach Gleiwitz. […] Nach der Ankunft wurde ich wegen Erfrierung in der Krankenbaracke untergebracht. Die Lebensbedingungen in diesem Lager glichen dem Lager in Lambsdorf. Wir bekamen täglich ein Stück Brot und eine Balanda aus der Steckrübe. Ich lebte hier bis zur Evakuierung des Lagers im Januar 1945. Dann kam für mich die härteste Zeit, eine echte Herausforderung für meine Überlebensfähigkeit und körperliche Stärke.

Die Evakuierung des KZ fand in aller Eile statt, als in der Stadt die Gefechte zu hören waren. Nach der Aufteilung bekamen die Häftlinge das Essen: ein Brot und eine Packung Margarine für 10 Tage. Uns Kranken wurde erklärt, dass wir im Lager bleiben sollten, deshalb bekämen wir kein Essen zum Mitnehmen. Das war gelogen. Kurz vor Abfahrt, als alle Züge schon abfertigungsbereit standen, kamen die Deutschen in unsere Baracke. Sie forderten uns zur Mitfahrt auf. Die Gehbehinderten sollten erschossen werden. In unserer Baracke wurde aber niemand getötet. Wir haben uns untereinander geholfen aufzustehen und uns der Kolonne anzuschließen. Erst später wurden die Schwachen ermordet.

Beim Verlassen der Baracke konnte ich die Schuhe nicht anziehen, weil meine Füße geschwollen waren. Ich zog die Holzpantoffeln an und ging mit den anderen Kranken weg. Das war am späten Abend. Wir waren die ganze Nacht unterwegs, entfernten uns von den vorstoßenden sowjetischen Truppen. Mir fiel es schwer zu gehen, es schneite. Der Weg war von Schnee bedeckt. Nach ein paar Tagen wurde mir klar, dass ich physisch völlig erschöpft bin. Es gab nur eine letzte Möglichkeit: mit Absicht eine Erschießung zu verdienen, wie etliche meiner Kameraden es bereits gemacht hatten. Damit musste meine Quälerei zu Ende gehen. Der Tod war mein einziger Wunsch. In diesem Zustand hatte ich keine Angst. Es passierte aber ein Wunder, das mich rettete.

Ich ging langsamer. Der Abstand zwischen mir und dem letzten Wachmann, der die Schwachen erschoss, verkürzte sich. Ich hörte die Artilleriekanonade aus dem Nordwesten. Die Sowjetarmee näherte sich. Sie durchbrach die deutsche Verteidigungslinie. In der Kolonne waren diese Geräusche nicht zu hören. Für mich bedeutete dies die Hoffnung auf baldige Befreiung. Das hat mir Kräfte gegeben. Mir scheint, in meinem Körper hat sich jede Zelle aktiviert, mit einem einzigen Ziel: schneller zu gehen. Die Kolonne hatte ihre Bewegungsrichtung geändert und ging jetzt nach Süden. Wir übernachteten in einer Hütte. Dort habe ich in einer Kiste etwas Korn und zugeschnittene Lederstücke gefunden. Wir haben Leder gegessen und ein bisschen Korn mitgenommen. Am nächsten Tag waren wir nur einen halben Tag unterwegs. In der Siedlung Teschen mussten wir antreten und wurden gezwungen, die Militärmäntel zu öffnen. Im Laufe der Prüfung wurde ein Ledergürtel beschlagnahmt. Der Bauer hatte den Diebstahl festgestellt und angezeigt. Der Schuldige wurde gezwungen, für sich ein Grab zu graben. Wir mussten bis dahin warten. Das dauerte ein paar Stunden. Wir begannen ein Marschlied zu singen. Die Dorfbewohner gingen auf die Straßen. Es begann eine Unruhe. Die Wächter trieben uns zusammen. Bei diesem Chaos schloss sich der bestrafte Häftling unserer Gruppe an und rettete damit sein Leben.

Man kann über die Brutalität der Wächter viel schreiben. Die Wächter benutzten Schlitten, damit der Marsch für sie bequemer war. Die Häftlinge mussten die Schlitten ziehen. So gingen wir durch Tschechien und erreichten die Stadt Melnik. Von Melnik kamen ein paar hundert Häftlinge mit einer Fähre nach Dresden, von Dresden mit dem Zug nach Süddeutschland, nach Landsberg (ich bin nicht sicher). Dann strömten wir nach Norden über Augsburg, Nürnberg und Hof. Zu diesem Zeitpunkt haben provisorische bewaffnete örtliche Begleiter unsere ständige Bewachung ersetzt.

Ende März-Anfang April 1945 konnte ich in der Nacht flüchten. Das war im Dorf Kropitz nahe Asch. Im Dorf versteckte ich mich bis zum Einzug der US-Truppen am 25. April 1945. Die Einheimischen und unsere Ostarbeiter haben mich mit Essen versorgt. Ich war stark erschöpft, sah wie ein Skelett aus. Die Amerikaner haben mich wegen Unterernährung ins Krankenhaus in Hof überwiesen. Dort wurden ein paar Dutzend verhungerter Häftlinge behandelt. Die Behandlung wurde von einem deutschen Arzt mit der Kontrolle seitens der Amerikaner vorgeschrieben. Ende Mai-Anfang Juni wurden wir nach Hammelburg und dann in die sowjetische Zone gebracht. So kam mein Abenteuer zu Ende.

Ich habe im Laufe der Bemühungen, meinen Aufenthalt in Deutschland nachzuweisen, den Bürgermeister von Hof angeschrieben. Leider kam meine Anfrage unbearbeitet zurück. Auf dem Briefumschlag stand „Zurück“ (auf deutsch) und „Unvollständige Adresse“ (auf ukrainisch). Die Adresse hat mir jedoch das Rote Kreuz mitgeteilt: „Bürgermeister von Hof 37671 Deutschland“.

Jetzt bin ich 79 Jahre alt. Ich lebe mit meiner Ehefrau, die die Schlacht in Stalingrad und alle Leiden der Besatzung überlebt hat. Ich habe eine Tochter und einen Sohn, die bereits eigene Familien gegründet haben, sowie 3 Enkelkinder. Meine Frau und ich sind beide krank.

Sehr geehrte Frau Hilde Schramm und Herr Eberhard Radczuweit,

ich wünsche Ihnen aufrichtig alles Gutes in Ihrer Tätigkeit, in der Erziehung der deutschen Jugendlichen. Der Krieg darf sich nie wiederholen.

Gesundheit und viel Glück!

Mit Hochachtung

Iwan Tschwalo.

22.05.2005.

****.

Auf unsere Anfrage antwortete die Stadtverwaltung Hof, das half aber Herrn Tschwalo nicht, eine offizielle Entschädigung der Bundesrepublik Deutschland zu bekommen. Denn entgegen seiner Annahme, dass seine Haftbedingungen der KZ-Haft entsprachen, gelten die ehemaligen STALAG-Häftlinge als „nicht leistungsberechtigt.“

E. Radczuweit.

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