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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

360. Freitagsbrief (vom Juli 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland
Irgakly
Stawropolskij Kraj
Nikolaj Iwanowitsch Ampilow.

Sehr geehrter deutscher Verein für Verständigung und Aussöhnung!

Ich habe Ihren Brief bekommen und freue mich sehr, dass Sie dieses Thema angestoßen haben. Auch über das Geld, das Sie mir schickten, habe ich mich gefreut. Das Thema, das Sie berühren, ist kein einfaches. Nicht jeder, der in der Gefangenschaft war, am Leben geblieben und in die Heimat zurückgekehrt ist, wird dieses Zeichen der Verständigung und Versöhnung annehmen. Vielen der Gefangenen wurde entsetzliche seelische Gewalt zugefügt. Alle, die die Gräuel des Zweiten Weltkrieges bei uns miterleben mussten, verbinden bis zum heutigen Tag schreckliche Erinnerungen mit Ihnen, den Deutschen.

Ich bin in Gefangenschaft geraten, weil ich im Kampf verwundet wurde. Man versprach mir, dass ich geheilt werden würde, wenn ich mich von ihnen anwerben lasse und einverstanden bin, meine Heimat zu verraten. Ich genas und sie warteten auf mein Einverständnis zur Zusammenarbeit. Aber ich konnte mein Land nicht verraten, nicht die am Leben gebliebenen und nicht die umgekommenen Kameraden und so lehnte ich die Zusammenarbeit ab. Daraufhin schlugen sie mich halbtot und warfen mich zum Sterben nach draußen, wo minus 40 Grad herrschten. Aber ich bin nicht erfroren, mein Schutzengel kam mir zu Hilfe!

Dann kam ich ins Konzentrationslager Auschwitz [nicht wahrscheinlich, evtl. Stalag 318 Lamsdorf]. Verbrannt wurde ich nicht, stattdessen schickten sie mich zur Arbeit ins Bergwerk und in Fabriken. Dort traf ich auf Deutsche, andere Deutsche, die sich gänzlich von den Deutschen unterschieden, die ich an der Front und in den Lagern gesehen hatte. Ich kann mich sehr gut an einen Deutschen erinnern, mit dem ich im Heizwerk zusammenarbeitete. Es war absolut nichts Faschistisches an ihm! Er war ein gutherziger und hilfsbereiter Mensch. Ich kann mich auch an einen Handwerker bei der Holzverarbeitung erinnern. Er zeigte keine Arroganz und hatte kein Gefühl der Überlegenheit, weil er Deutscher war und ich ein einfacher russischer Gefangener.

Sehr geehrte Vereinsmitglieder, dann kam ich zur Arbeit in eine Kupfergrube. Dort arbeiteten sechs Deutsche. Sie begegneten mir nicht wie einem Feind, nicht wie einem Sklaven, sondern wie einem unschuldigen Opfer des Krieges. Sie sahen, dass ich bis an meine Grenzen erschöpft und ausgehungert war und nur schwer arbeiten konnte. Einmal nahmen die Deutschen zur Mittagspause alle ihr Essen heraus und begannen sich zu stärken. Ich befand mich 20 Meter von ihnen entfernt. Und da riefen diese deutschen Grubenarbeiter mich zu sich und jeder gab mir von seinem Mittagessen eine Kartoffel oder ein halbes Pausenbrot ab. Sie können sich nicht vorstellen, was ich in diesem Moment empfand! Für mich war das die Rettung! Und so teilten sie jeden Tag ihr Essen mit mir.

Meine lieben Vereinsmitglieder! Das waren also die echten Deutschen – Menschen! Ehrliche, hilfsbereite, gutherzige Menschen. Kein Funken Nazismus war an ihnen.

[…]

Meine Lieben, ich, meine Kinder und Enkel würden sehr gerne die lieben und guten Grubenarbeiter ausfindig machen, die mir in diesen fernen, schweren Jahren geholfen haben zu überleben. Wir möchten ihnen gerne danken dafür, dass sie mich nicht haben verhungern lassen und für all das Gute, das sie für mich getan haben.

[…]

Mit Hochachtung für Ihren Verein, der ehemalige Lagerinsasse Nikolaj Iwanowitsch Ampilow, geboren 3.09.1920.

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