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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

36. Freitagsbrief (2.03.2007).

Hier erweitern wir den Freitagsbrief: Ein Ehepaar mit Erinnerungen an Zwangsarbeit in Deutschland. Der Mann erhielt als Kriegsgefangener nichts, die Frau bekam als zivile Zwangsarbeiterin die offizielle deutsche „Entschädigung“ von 5000 DM. Wir hatten für Herrn Borisow 300 Euro überwiesen, doch er war schon verstorben. Die Spende wurde einem anderen Betroffenen übermittelt.

1. Brief.

Ukraine
Gebiet Cherson
Dora Andrejewna Borisowa
(Witwe von Wasilij Wasiljewitsch Borisow).

An Mitglieder des Vereins KONTAKTE-KOHTAKTbI, Berlin, Deutschland.

Guten Tag, sehr geehrte Mitglieder des Vereins KONTAKTE-KONTAKTY. Ich habe den Brief bekommen, der meinem Ehemann Wasilij Wasiljewitsch Borisow geschickt wurde. Ich antworte darauf. Ich bin seine Ehefrau D. A. Borisowa. Mein Ehemann starb am 11. Februar 2006 nach einer langen Krankheit. Leider kann er sich bei Ihnen persönlich nicht bedanken. (…) Mein Ehemann erzählte oft über seine Sklavenarbeit in der Gefangenschaft, im faschistischen Deutschland. Die Kriegsgefangenschaft hinterließ schlimme gesundheitliche Spuren.

1939 wurde er in die Sowjetarmee einberufen. Im Herbst 1941 sollte er entlassen werden. Deutschland hat aber unser Land überfallen. Mein Mann musste statt der Demobilisierung die Heimat verteidigen. In den ersten Kriegsmonaten bewegten sich Hitlers Truppen schnell vorwärts. Die deutschen Flieger haben am ersten Kriegstag Kiew bombardiert. Wasilij Wasiljewitsch wurde im selben Jahr auf der Insel Dago gefangen genommen. Nach den schweren Kämpfen gab es ganz wenige Unsrige, lebende und verletzte Soldaten. Die Deutschen kamen mit einem Boot, sammelten alle noch Lebenden ein und brachten sie von der Insel weg. Sie wurden zu einem Zug getrieben und mit dem Güterzug nach Deutschland, in die Stadt Braunschweig verschleppt. Das Lager lag neben einem Wald. Es war noch nicht vollständig ausgerüstet. Es gab aber Stacheldraht und zwei Wachtürme an den Seiten. Wasilij Wasiljewitsch fühlte sich nach der Verletzung noch schlecht und war schwach. Er wurde aber zur Arbeit rekrutiert und arbeitete beim Aufbau des Lagers. Danach war er in einem Werk beschäftigt. Er wurde zur Arbeit immer in einer Kolonne und unter Bewachung getrieben. Sie arbeiteten 12 Stunden täglich. Zu essen gab es einen Teller Balanda zu Mittag und 100 Gr. Brot und ein Glas warmes Wasser, teeähnlich, als Abendessen. Manchmal gab es zusätzlich 10 Gr. Margarine. Sonntag war Feiertag. Für arbeitende Gefangene gab es Zusatz zum Abendbrot: vier gekochte Kartoffeln. Mein Ehemann lebte im Lager fast vier Jahre. Niemals gab es, seinen Worten zufolge, etwas fleisch- oder milchhaltiges. Nur Würmer in der Suppe. Wenn die Kräfte fehlten, um sich flink zu bewegen, wurden die Gefangenen gestoßen und geschlagen. Man schrie immer: „Schweine russische! Schnell, schnell!“

Als Wasilij Wasiljewitsch ins Lager kam, gab es viele Kranke, Verletzte und Schwache. Sie starben. Sie wurden rausgeholt und mit einem Pferdewagen irgendwohin gebracht. Als mein Mann in Werk arbeitete, wurde er als Schweißerhelfer bei einem Polen eingestellt. Der Pole ging frei zur Arbeit, ohne Wächter. Gelegentlich brachte er seinem gefangenen Kollegen etwas zum Essen. Das war schon eine große Unterstützung. Das Leben wurde besser. Man konnte sich schon schneller bewegen. Danach kamen die Befreier. Sie wurden von amerikanischen Truppen befreit und an unsere Verwaltung übergeben. Mein Mann wurde auf verschiedene Art und Weise überprüft, wo, wann und unter welchen Umständen wurde er gefangen genommen. Er diente noch eine gewisse Zeit bei der Armee, wurde anschließend entlassen und kehrte nach Hause zurück. Zu Hause galt er seit langem als tot, weil die Eltern eine Benachrichtigung bekommen haben, dass er im Kampf gefallen sei.

1946 heirateten wir. Wir arbeiteten als Erzieher in einem Waisenhaus. 1953 übersiedelten wir nach Nowyj Gorod und arbeiteten seither beim Bau des Wasserkraftwerkes von Nowaja Kachowka. 2006 feierten wir das 60. Hochzeitsjubiläum. Dann starb mein Mann. Wir haben einen Sohn, einen Enkel und drei Urenkelinnen. Wir sind Gott und Ihnen dankbar. Sie sind sehr hilfsbereite, sorgenvolle und für den Frieden tätige Menschen. Ich möchte gerne Frieden und Freundschaft überall haben.

Leider hat mein Mann Ihr Geschenk von 300 Euro nicht erhalten. Mein Mann hat es einfach nicht erlebt. Unsere „Gutwilligen“ geben das Geld nicht.

Ich wünsche Ihnen alles Beste und beste Gesundheit für Ihre Arbeit und im Leben.

D. Borisowa.

2. Brief.

Entschuldigen Sie mich bitte, dass ich ohne Anfrage meine persönlichen Erinnerungen schildern werde. 1941 hat das faschistische Deutschland unser Land ohne Kriegserklärung angegriffen. Damals war ich 15 Jahre alt. Bereist im Oktober 1941 haben Hitlers Soldaten unser Dorf im Gebiet Cherson gestürmt. Sie raubten und erschossen alle Kommunisten und Juden. Sie haben ihre eigene Ordnung installiert. Danach bewegten sich die Deutschen weiter Richtung Krim. Die Soldaten, die später zu uns kamen, waren etwas ruhiger. Es gab auch menschliche Soldaten.

1942 begann man mit dem Abtransport nach Deutschland. Im Juli wurde ich verhaftet. Wir fuhren sehr lange mit dem Güterzug. Es war langweilig. Die Lebensmittel, die wir von Zuhause mitnahmen, reichten bis Deutschland nicht aus. Unterwegs wurde uns kein Essen gegeben. Wir kamen in die Stadt Alfeld bei Hannover. Direkt vom Zug aus gerieten wir in die Fabrik Bergens. Dort zeigte man uns Arbeitsplätze des nächsten Tages. Das war am Abend. Wir wurden ins Lager getrieben. Ich wollte essen. Mir war schwarz vor Augen. Ich hatte keine Kraft zu gehen. Ich erreichte das Lager und wurde ohnmächtig. Ich kam in einem Raum wieder zu Sinnen und verstand mit der Zeit, wo ich mich befand und was ringsum passierte. Weder im Lager noch in der Fabrik war ein Krankenhaus für die Russen. Im Lager gab es aber Anja, eine gefangene Krankenschwester. Sie hat mich gerettet. Einmal brachte sie sogar ein bisschen Essen. Als ich zu arbeiten begann, sah ich, dass hier bei weitem nicht alle Menschen Faschisten mit bösen Augen sind. Es gab auch gute, mitleidvolle Deutsche. Die Guten hatten aber Angst vor den Schlechten und hatten Angst, sich mit uns zu unterhalten. Wenn ein guter Deutscher uns etwas sagen oder helfen wollte, guckte er zuerst in alle Richtungen. Zur Arbeit und zurück gingen wir in einer bewachten Kolonne. Wir arbeiteten schichtweise 12 Stunden am Tag. Unser Essen war der Ration der Kriegsgefangenen ähnlich. Ich glaube, überall war es so, kein richtiges Frühstück. Man war hungrig, im Winter auch es sehr kalt. In der Fabrik gab es eine Küche, wo für die Deutschen Mittagsessen gekocht wurde. Wir sammelten dort Gemüseschalen und aßen sie. Im Winter trugen wir nachts unsere Winterkleidung und deckten uns nur mit einer schwarzen Decke zu, die für dem Nachtschlaf im Bett vorgesehen war. Wir trugen Holzschuhe ohne Strümpfe, auch im Schnee. Meine Beine froren. Es gab offene, eitrige Wunden. Ach, wie viel Kummer habe ich mit den Beinen gehabt! Wegen schwerer Arbeit am Drehwerk schwollen die Hände. Wie viel Leid! Meine Erinnerungen über die im Lager verbrachte Zeit sind ohne Tränen nicht möglich. In der Fabrik arbeiteten hauptsächlich Alte, Backfische im Vorarmeealter und deutsche Frauen sowie Sklawen-Kriegsgefangene. Wir trugen das Abzeichen OST auf der Brust. Die Kriegsgefangenen hatten am Rücken irgendwelche Abzeichen. Ich weiß nicht, wie es richtig zu deuten war. Gute Deutsche haben mir geholfen, ins deutsche Krankenhaus zu geraten. Dort arbeiteten zwei Alte, Frau und Mann, als Arzthelfer. Sie waren nette Menschen. Ich ging dorthin nur in der Nachtschicht zur Behandlung, damit niemand wusste, dass sie eine Russin behandeln. Sie haben für mich Verbände gebastelt, damit die Hände nicht so stark schwollen. Das war die Hölle, die Hölle auf Erden. Hunger und Kälte. Entkräftet warteten wir auf den nächsten Tag.

1943 wurde uns verboten, Postkarten nach Hause zu schicken. In diesem Sklavenklima des faschistischen Lagers habe ich die 17., 18. und 19. Geburtstage gefeiert. 1944 ging es uns etwas besser. Den Deutschen von unserer Fabrik wurde erlaubt, uns für die Arbeit nach Hause mitzunehmen, wie zum Beispiel für Garten- oder Putzarbeit. Mich nahm jedes Mal die Familie Lüdicke, Gottfried und Anna. Sie waren wunderbare Menschen. Frau Anna war sehr gutmütig. Sie hat mich wie die eigene Tochter behandelt. Ich arbeitete dort gern und ging immer mit Vergnügung dahin. Sie haben mich nicht nur ernährt. Frau Anna schenkte mir Strümpfe und hat alte Kleidung für mich umgenäht, die sie nicht brauchte. Ich erinnere mich sehr oft an meine Retter. Im Februar 1945 wurde ich 19 Jahre alt. Ich hatte dieses Datum vergessen. Frau Anna buk aber eine Torte und gab mir einen arbeitsfreien Tag. Wir haben lecker gegessen. Sie war für mich wie die zweite Mutter.

1944 kam in Kassel meine Kusine Katja Palena ums Leben. Sie arbeitete bei einem Bauern. Der Bauer war ein brutaler Faschist. Er erlaubte nicht, bei einem Luftangriff sich in einem Schutzraum zu verstecken. Der Bauer kam auch ums Leben. (…)

Die Zeit im faschistischen Lager hinterließ seine Spuren. Ich bin mein ganzes Leben lang ärztlich behandelt worden. Ich nehme Medikamente. Ich habe eine Herzoperation überlebt.

Ich wünsche Ihnen alles Bestes in Ihrer Arbeit und im Leben. Bleiben Sie gesund!

D. Borisowa.

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Nachtrag zum 36. Freitagsbrief:

Frau Borisowa erhielt für die Zwangsarbeit von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ nicht 5000 DM, wie ich irrtümlich angab, sondern 4300 DM. Ihre Bemerkung ‚Unsere „Gutwilligen“ geben das Geld nicht‘ bedarf einer Erklärung: Unser mit der Weitergabe von Spenden beauftragter Vertragspartner, die Ukrainische Nationalstiftung „Verständigung und Aussöhnung“ ist von uns angewiesen worden, ausschließlich ehemalige sowjetische Kriegsgefangene zu begünstigen, nicht jedoch deren Erben. So durfte an Frau Borisowa nicht das für ihren Ehemann bestimmte Geld ausgezahlt werden. Diese Summe wurde weitergeleitet an einen noch lebenden Empfangsberechtigten. E. Radczuweit.

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