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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

359. Freitagsbrief (vom Oktober 2008, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Aleksandr Nikolajewitsch Senatorow
(aufgeschrieben von der Enkelin Natalja Wjatscheslawowna B.)
Russland
Wologda.

Wir haben den Brief von Ihrem Verein bekommen und möchten Ihnen hiermit antworten.

Aleksandr Nikolajewitsch Senatorow, geboren am 24.10.1921. Ein einfacher Bursche vom Land, klein, dünn. Er wuchs als Halbwaise auf, da die Mutter starb, als er zehn Jahre alt war. Schon in früher Kindheit musste er im Dorf schwer arbeiten und für seine jüngeren Schwestern und Brüder sorgen. Er konnte nur vier Schulklassen besuchen, nach der vierten Klasse ließ ihn der strenge Vater nicht weiter zur Schule gehen. Mit sechzehn Jahren machte er eine Ausbildung zum Traktoristen; da er sehr klein war, wollten sie ihn zuerst nicht nehmen. Er fuhr einen Charkow-Traktor, die Arbeit war sehr schwer, Schmutz und Kälte. Vor der Armee arbeitete er ein Jahr beim Holzeinschlag. Mit zwanzig Jahren wurde er eingezogen. Ohne richtige Ausbildung kam er am 5.5.1941 zum Dienst in die Westukraine, an die Grenze zu einer Kfz-Kompanie des Schützenregiments Nr. 1729.

Der Krieg begann für Aleksandr Nikolajewitsch mit dem Dröhnen von Flugzeugen. Er verließ sein Zelt – der Himmel war schwarz von Flugzeugen mit Kreuzen darauf, bald fielen Bomben. Viele kamen gleich dort in den brennenden Zelten ums Leben. Dann begann der Rückzug mit Gefechten und Verlusten. Als Waffe hatte er nur einen Karabiner und fünf Patronen. Einmal geriet er unter Granatwerferbeschuss. Er verlor das Bewusstsein, und als er wieder zu sich kam, stand ein riesiger Deutscher mit einer MP über ihm und lachte. Er weiß noch, dass sie sie Kinder [*] nannten. Sie warfen die Gefangenen in einen Wagen und brachten sie nach Polen. Sie bekamen am Tag 200 g Brot und aßen Kiefernsamen, da sie sich hinter Stacheldraht in einem Kiefernwald befanden. Sehr viele Soldaten starben vor Hunger. Dann wurde er von einem Lager ins andere überführt. An die Namen der Lager kann er sich heute nicht mehr erinnern. Er erinnert sich an einen französischen Koch, der ihm heimlich etwas Essen gab, und im Arbeitslager und in den Bergwerken am Fluss Ruhr gab es einen Vorarbeiter, der ihm von seiner eigenen kargen Essensration abgab und ihn nicht schlug. Das hat ihm wahrscheinlich das Leben gerettet. Viele Male blickte er dem Tod ins Auge, kam mit ihm jeden Tag in Berührung. Einmal schleiften sie ihn aus der Baracke in den Schnee wie einen Toten. Als er ein Stöhnen von sich gab, brachten sie ihn ins Lazarett, wo er einige Tage bewegungslos lag. Später scherzten sie darüber, wie der „Tote“ sich geregt hatte.

Als die Amerikaner kamen, war er halbtot. Die Amerikaner boten ihnen an, nach Amerika zu emigrieren; viele von ihnen fuhren.

Er beschloss, in die Heimat zurückzukehren. Es folgten Verhöre und wieder die Armee. Er diente in Deutschland, Polen und Weißrussland. Nach Hause kam er im Dezember 1946.

Wieder Arbeit bis zum Umfallen, die anderen im Dorf hielten ihm ständig vor, dass er in der Gefangenschaft gewesen war, aber vor die Sonderabteilung musste er nicht mehr.

Dass man ihm als Frontkämpfer Achtung entgegenbrachte, das erfuhr er erst in der Breshnew-Zeit und später unter Jelzin.

Heute lebt er weiter im Dorf, nur im Winter wohnt er in der Stadt bei seiner Tochter. Man hat ihm eine eigene Wohnung versprochen, aber daraus wird wohl nichts werden.

Zur Zeit fühlt er sich nicht sehr gut, er ist ja nicht mehr der Jüngste. Er hört und sieht schlecht, kann das Haus nicht mehr verlassen. Er hält sich nur am Leben, weil er einen starken Charakter hat, der ihn auch damals am Leben gehalten und ihm die Kraft gegeben hat, alles zu ertragen.

Diesen Brief hat Aleksandr Nikolajewitschs Enkelin Natalja Wjatscheslawowna Beljagina nach seinen Worten verfasst. Er ist ein sehr alter Mann und kann sich an die Namen der Städte und Lager aufgrund seines Alters nicht mehr erinnern.

Offizielle Informationen über ihn kann man bei der russischen Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“, Akte Nr. 485199, finden.

Bitte schicken Sie Ihre Briefe an folgende Adresse, unter der er angemeldet ist:
[…].

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[*] Kursiv im Original Deutsch [Anm. d. Übs.].

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