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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

358. Freitagsbrief [vom April 2005, aus dem Russischen von Gisela Niedermeyer).

Ukraine
Gebiet Winnica
Bezirk Kosjatinskij
Michail Sergejewitsch Furmantschuk.

Vier Jahre hinter Stacheldraht.

Ich, ein Ukrainer, bin am 24. Oktober 1918 geboren. Als ich das 18. Lebensjahr fast vollendet hatte, bin ich in die Sowjetarmee einberufen worden. Das war am 18. September 1939. Ich diente in der Stadt Kowel im Westen der Ukraine. Am 22. Juni 1941 um 4. Uhr früh hat Hitler unser Land, die Sowjetunion, überfallen. Unsere Division nahm die Verteidigungsstellungen ein. Wir konnten Hitler nicht stoppen, weil unsere Truppen auf einen Krieg nicht vorbereitet waren. Die deutsche Artillerie hat uns beschossen. Die Panzer rückten vor. Die Flugzeuge bombardierten uns. Das ist nicht zu beschreiben. Das war einfach Horror. Das Bombardement war so stark, dass es überall finster wurde. Die verzweifelten Menschen flohen. Es war vergeblich. Hitler hat alle vernichtet. Wir waren Soldaten. Wir haben verteidigt, wie wir konnten. Wir waren aber unfähig, Hitler zu stoppen. So begann dieser schreckliche, unvergessliche Krieg. Auf diese Weise begann in meinem Leben und im Leben meiner Kameraden eine fürchterliche Zeit, die Zeit der Gefangenschaft. Wir wurden Sklaven. Nach dem ersten Kampf waren viele verletzt, manche auch sehr schwer. Ich wurde ebenfalls verletzt. Uns haben die deutschen Soldaten gefunden. Die Schwerverletzten wurden auf der Stelle erschossen. Die Leichtverletzten, darunter ich, nahmen sie mit.

Wir gelangten in die Stadt Chelm [Stalag 319/Polen]. In Chelm blieben wir 15 Tage lang. Wir wurden streng bewacht: Stacheldraht unter Strom, mit Maschinenpistolen bewaffnete Wächter, Hunde. Es gab Fluchtversuche. Die festgenommenen Flüchtlinge wurden als Abschreckungsmaßnahme vor unseren Augen erschossen. Wir bekamen fast überhaupt kein Essen. Es gab nur ein Brot für 10 Männer und Regenwasser. Jede Nacht starben 50–60 Menschen. Später wurden wir nach Deutschland verschleppt. Jeder erhielt sein eigenes Reiseziel. Unsere 50köpfige Gruppe kam nach Brandis [Sachsen], in eine Ziegelei. Dort leisteten wir schwere Arbeit. Wir lebten in einem Haus. Im Erdgeschoss des Hauses gab es eine Lagerhalle. Wir wussten nicht, was dort gelagert wurde. Dort arbeiteten deutsche Zivilisten, vor allem Frauen und Jugendliche. Wir lebten hinter Stacheldraht. Es war streng verboten, sich mit den Deutschen zu unterhalten. Wir wurden mit einem roten Flecken auf den Knien, am Militärmantel und auf der Feldmütze gekennzeichnet. Die Nahrung war sehr schlecht. Es reichte gerade nur zum Überleben. Vier Jahre haben wir, meine Kameraden und ich, hinter Stacheldraht verbracht. Wir haben in Deutschland Zwangsarbeit geleistet. Wir waren jung. Am Ende der Gefangenschaft war ich krank. Ich hatte keine Zähne mehr. Im April 1945 haben uns US-Soldaten befreit. Sie gaben uns Essen, versorgten uns medizinisch, unterstützten uns nach Möglichkeit. Wir sind dort bis zur Ankunft der sowjetischen Truppen geblieben. Danach kehrten wir zum Mütterchen Ukraine zurück. Der Kummer hat unsere Heimat verwüstet. Überall gab es Trümmer und Elend. In jeder Familie gab es Tote und Vermisste. Mein Herz tat weh. Ich kehrte aber zum normalen Leben zurück. Noch ein Jahr diente ich bei der Armee. 1946 wurde ich aus der Armee entlassen. Ich kehrte zurück nach Hause. Ich dachte, ich könnte meine Verwandten wiedersehen. Böses hat mich wieder erwartet. Mein Haus wurde während des Krieges verbrannt. Die Eltern waren von den Deutschen erschossen worden. Niemand von meinen Verwandten blieb am Leben. Gott hat mir wieder Kräfte und Ausdauer gegeben. Ich habe mir geschworen: Ich werde weiterleben. Es begann ein neues Leben. 1950 habe ich eine Frau geheiratet. Sie war auch ein Waisenkind. Wir arbeiteten, soviel wir konnten und haben endlich ein eigenes Haus gebaut. Meine Ehefrau hat mir drei Söhne und eine Tochter geschenkt. Wir wollten eine große Familie und wir haben eine. Wir haben auch sechs Enkel und zwei Urenkel. Ich bin 87 Jahre alt, habe Herzprobleme und kann schlecht sehen. Meine Ehefrau ist auch krank. Ungeachtet dessen sind wir glücklich, weil wir eine große Familie haben. Ich bitte Gott um Frieden, Völkerverständigung und Ruhe. Ich bin dem deutschen Volk dankbar. Sie haben uns nicht vergessen, diejenigen, die Zwangsarbeit geleistet haben. Hitler ist daran schuldig. Die Deutschen haben seine Befehle erfüllt. Bald kommt der 9. Mai. Das ist eine Gelegenheit, einen Kranz auf das Grab der toten Soldaten, meinen Altersgenossen, niederzulegen.

Gott schütze Sie und Ihre Familie. Ich bitte um Entschuldigung für einige Schreibfehler. Ich wollte diesen Brief selbst schreiben. Ich denke, Sie werden Verständnis aufbringen.

Auf Wiedersehen und noch einmal vielen Dank.

Furmantschuk.

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