Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

357. Freitagsbrief(vom März 2008, aus dem Russischen von Viktoria Rau).

Ukraine
Gebiet Dnepropetrowsk
Kriwoj Rog
Aleksej Iljitsch Michaltschenko.

[…]

Erlauben Sie mir, Sie im Namen meiner Familie zu begrüßen, wir wünschen Ihnen Erfolg,Gesundheit und alles Beste.

Ihr Brief erfreute mich sehr – vor dem gemeinen, brutalen und harten Hintergrund weckt Ihre humanistische Tätigkeit in mir gute Gefühle. Ich bin Ihnen dankbar.

Was meine Gefangenschaft betrifft, da habe ich zweierlei Gefühle. Auf einer Seite der Eindruck unerträglicher Grausamkeit, auf der anderen – menschliches Verhalten von Seiten deutscher Arbeiter.

Wie muss man die Menschen hassen, um Tausende von ihnen hinter Stacheldraht zu treiben und kein Dach über den Kopf zu geben, obwohl es jeden Tag regnet, die Temperatur 8–10 Grad und so schlechtes Essen zu geben, dass nicht mal das Vieh es fressen würde. Als Ergebnis – Ruhr. Allein von unserer Baracke fuhr man jeden Tag einen Traktoranhänger voll mit Leichen ab. Das ist Moral im Sinne Hitlers! Die Grausamkeit der Lagerwache: Ein Wächter, der uns morgens weckte, kam immer zu dem Bett eines Jungen und hob diesen Jungen an den Ohren hoch und schlug ihn ins Gesicht. Und das nur weil der Junge ein Moskauer war, und vor Moskau wurde die deutsche Offensive gestoppt.

Im Unterschied zu der Lagerwache verhielten sich die Betriebsarbeiter gut zu uns. So zum Beispiel: Einmal wurde ich von Leuten brutal mit einem Knüppel auf die Kopfbedeckung geschlagen, sie schlugen mich, weil ich Flakartillerist und Komsomolmitglied war. Die deutschen Arbeiter im Betrieb ließen mich nicht arbeiten, drei Tage saß ich in unserer Kantine und konnte mich erholen.Ein anderes Beispiel: In einem Zementwerk erwischte der Meister unsere Leute, wie sie neben einem sich drehenden heißen Ofen Kartoffeln schnitten, sie klebten sie auf den Ofen und nach einer Umdrehung des Ofens war die Kartoffel schon gebraten und fiel in das Geschirr. Der Meister hat lange gelacht. Am nächsten Tag nahm er zwei unserer Jungs und den Topf, in dem wir immer unser Essen mitnahmen, zum Kampfausbildungslager, und von dort brachten sie uns einen ganzen Topf mit Milchgrießbrei. Das war ein wahres Fest für uns! Und so war es jeden Tag, so lange dieses Lager bestand.Das bedeutet, dass einfache Menschen mehr Moral haben als ausgebildete, die sich „intelligent“ nennen.Weil regierende Gruppen keine Moral haben, existierten Rassismus, Nationalismus und Nuklearbomben!

Über mich selbst habe ich schon geschrieben im ersten Brief, darum erzähle ich jetzt nur kurz. [Nach der Befreiung:] Die Gruppe aus 20 Tausend Menschen wurde nach Tscheljabinsk transportiert, man bekam Arbeit, Wohnung und ist ein gleichberechtigter Bürger geworden. Nach einem Jahr nahm ich Urlaub und fuhr nach Hause, nach Kriwoj Rog. Zu Hause erwartete mich Freude und Leid. Meine drei ältesten Brüder sind nicht aus dem Krieg zurückgekommen.

Im Jahr 1948 bestand ich die Eingangsprüfungen und wurde in die Fachhochschule für Bergbau in Kriwoj Rog aufgenommen, in die Elektromechanische Fakultät, die ich 1953 absolvierte, mein Fachberuf ist Bergingenieur. Ich wurde abkommandiert zu einer Bergwerkstadt, in die Erzbergwerksverwaltung von Ingulez. Ich arbeitete als Mechaniker unter Tage,als Grubenenergetiker, als Chefmechaniker in der Bauabteilung. 1961, als der Bau des Ingulezkij Berg-Aufbereitungs-Kombinats anfing, bin ich dorthin gegangen, meine Aufgabe war, die Wassergaswärmeversorgunsgabteilung [?] aufzubauen. Laut Dienstanweisung von 1964 bin ich Leiter dieser Abteilung geworden. 1982 im Alter von 60 Jahren bin ich in Rente gegangen und zur leichteren Arbeit in die Energieabteilung gewechselt. 1992 bin ich in die „verdiente Erholung“ gegangen, wie man bei uns sagt.

Im Moment ist meine Gesundheit (in Bezug zum Alter) in Ordnung, ich versorge mich selbst, pflege sogar teilweise meine Ehefrau. Sie hat sich vor drei Jahren beide Beine gebrochen und kann nicht laufen, auch in der Wohnung nicht. Wir waren gezwungen, eine Pflegerin einzustellen. Wir wohnen zur Miete, alle Ersparnisse, die wir vor dem Zerfall der Sowjetunion hatten, sind zu Nichts geworden, geklaut von den „effektiven neuen Herren“, manche rechnen, es waren 600 Milliarden Dollar in der ganzen USSR.

Ich schicke Ihnen die Fotos von meiner Frau, sie war damals noch meine Braut, und meines, ich war damals ein Student, und das Foto vom 9. Mai 2007 auf dem Fest zur Ehre des Sieges. In der Mitte stehe ich.

Vielleicht wundern Sie sich, dass ich in Gefangenschaft war und trotzdem so viel Auszeichnungen habe. Die Sache ist: als ich noch ein Student war, war bei uns in der Fachhochschule ein militärischer Lehrstuhl. Vor dem Krieg wurden alle Jungs, die mittlere Reife hatten, mit 18 einberufen. Oft war es so: Man beendet eine Schule, geht an eine Hochschule, studiert dort zwei Jahre und wird einberufen, das heißt, das Studium ist abgebrochen. Nach dem Krieg sind an den Hochschulen militärische Lehrstühle eingeführt worden. Die jungen Leute konnten ruhig nach der Schule studieren gehen, während des Studiums wurden sie auch militärisch ausgebildet und bekamen beim Abschluss den Dienstgrad Reserveoffizier. So war es auch bei mir. Nach dem Studium bekam ich den Dienstgrad Leutnant der Reserve, und fast alle Auszeichnungen sind Jubiläumsmedaillen zu Ehren der Roten und der Sowjetischen Armee. Dazu eine Medaille für den Sieg über das faschistische Deutschland, die Schukowmedaille, 1985 überreichte man mir den Orden für Vaterlandskrieg 2. Grad, 1999 den ukrainischen Orden für Tapferkeit. Danke,man vergisst uns nicht.

6.03.2008. Michaltschenko A.I.

P.S. Verzeihen Sie mir bitte meine schlechte Schrift. Die Finger sind nicht mehr so beweglich, ein Auge ist operiert geworden, ich kann nur auf bestimmte Entfernung sehen.

Noch einmal Entschuldigung.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.