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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

356. Freitagsbrief (vom Juli 2008, aus dem Russischen von Deniss Miller).

Russland
Gebiet Woronesh
Iwan Michajlowitsch Chimitschew.

Sehr geehrte Herren!

Mich hat sehr berührt, dass in Deutschland einfache Leute das Gefühl der Scham empfinden und Mitleid mit dem Schicksal der ehemaligen Kriegsgefangenen haben. Das zeigt, dass Kriege zu allen Zeiten von den Regierenden organisiert wurden und nicht von den einfachen Menschen, denen die Kriege nur Tod, Schrecken und Qualen brachten.

Ich danke herzlich dem ganzen deutschen Volk für die finanzielle Unterstützung, die ich für die medizinische Behandlung gebraucht habe, denn ich bin sehr krank. Die verlebten Jahre wirken sich aus, aber auch Belastungen und Entbehrungen, die ich in Gefangenschaft erlebte.

Und nun kurz über mich: im Kampf bei Sewastopol wurde ich schwer verletzt (ich war damals 17,5 Jahre alt) und gefangen genommen. Die Bedingungen, unter denen man uns gehalten hat, waren schrecklich: unter freiem Himmel, auf der Erde, die umzäunt mit Stacheldraht war. Mal schien die Sonne stark, mal regnete es heftig, praktisch ohne Essen und Wasser. Wir waren einige Tausend Menschen. Die Einheimischen versuchten, irgendwelche Lebensmittel zu bringen. Wenn irgendjemand von meinen Genossen irrsinnig vor Hunger geworden war, rannten sie zum Zaun, um ein Stückchen Brot zu bekommen, die Wachsoldaten lachten darüber und erschossen sie unbarmherzig. Nach diesem Lager gab es noch viele andere schreckliche Momente: die Fußmärsche der hungernden und zerrissenen Kriegsgefangenen, die Flucht aus dem Viehwaggon während der Verlegung, das Ertappt werden und die Folter im Knast, dann die Zwangsarbeit im Straflager im Steinbruch. In diesen drei Jahren starben viele Genossen. Es gab viele Prügel und Verhöhnungen. Wie ich das bloß überleben konnte, frage ich mich bis heute. Mich haben die amerikanischen Truppen befreit. Ich war damals 20 Jahre alt, 1,80 m groß und wog 45 kg. Danach lag ich sehr lange in einem Hospital, später diente ich der sowjetischen Armee in Wien. Im Jahre 1946 kehrte ich nach Hause zurück, wo ich länger als 45 Jahre als Lehrer in einer Schule gearbeitet habe. Ich habe eine wunderschöne Familie: 2 Töchter, 3 Enkelkinder und 2 Urenkel. Wir lieben uns und sie kümmern sich um mich.

Es schien alles gut zu sein, aber bis heute träume ich nachts vom Heulen der Lagersirenen, vom Bellen der Lagerhunde und von den heiseren Schreien der Wachsoldaten, aber auch von Feuerstößen. Das ist alles, was ich über mich schreiben wollte. Von der Höhe meines Alters (ich bin inzwischen 85 Jahre alt) analysiere ich meinen Lebensweg und ich empfinde keinerlei Hass dem deutschen Volk gegenüber, das auch nicht wenig in diesem Krieg abbekommen hat. Ich wünsche dem deutschen Volk, dass das ganze Geschehen vor 60 Jahren nie wieder und nirgendwo kommt, dass das Zusammenkommen unserer Kinder und Enkelkinder friedlich und freundschaftlich ist. Aus meiner tiefsten Seele wünsche ich Ihnen viel Glück, Gesundheit und lange Lebensjahre.

Hochachtungsvoll,

Chimitchew Iwan Michailowitsch.

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