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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

355. Freitagsbrief (vom April 2008, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg] .

Ukraine
Dnepropetrowsk
Pawel Pawlowitsch Kuzyj.

An das Institut für Geschichte der Ukraine
Organisationskomitee des Projektes
„Erinnerungen sowjetischer Kriegsgefangener“
01001 Kiew, Gruschewskistr. 4, Zimm. 503
an Loboda Marina Konstantinowna
von Kuzyj Pawel Pawlowitsch.

Ich bitte mir eine humanitäre Hilfe zwischen dem deutschen Verein „Kontakty“ und dem Ukrainischen Nationalen Fonds „Erinnerungen und Versöhnung“ auszuzahlen, da ich ehemaliger Kriegsgefangener bin, der bis heute aus dem Föderalen Fonds „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ nichts erhalten hat. Als Anlage erhalten Sie die Dokumente (Kopie des Ausweises, Kopie des Wehrpasses Serie P Nr.: 34910, Bescheinigung über die Demobilisation, Stadt Sambor, Gebiet Drogobyn, Serie P Nr.: 23A.CD 199 oder 292SD.

Eilmilitärdienst in den Reihen der Sowjetarmee, Sonder-Kavallerie-Eskadron von November 1939 bis August 1941.

Im Hinterland in Deutschland von August 1941 bis April 1945.

196. Artillerie-Reserve-Schützen-Regiment-Schütze von April 1945 bis Mai 1945.

14. Gardeschützenregiment-Schütze von Mai 1945 bis August 1945.

38. Gardeschützenregiment – Maschinengewehrschütze von August 1945 bis Mai 1946

Am 5.5.1946 demobilisiert.

Ich bitte die Expertenkommission UNF (Kiew) meinen Antrag zu prüfen und mir humanitäre Hilfe zu gewähren, da ich vielerlei Ungemach und Bewährungsproben erleiden musste.

Ich bitte Sie um die Klärung meines Antrags, betreffend meinen Aufenthalt in der Gefangenschaft in Deutschland, während des Großen Vaterländischen Krieges.

Zum Wesentlichen meines Antrags erkläre ich, dass ich im November 1939 in die Rote Armee eingezogen wurde, wo ich bis zum Kriegsbeginn 1941 diente.

Ich bitte zu berücksichtigen, dass ich 1940 an der Befreiung der Nord Bukowina (Bessarabien) teilnahm. Unsere Kavallerie-Eskadron hat als erste die Rumänische Armee verjagt und ich habe persönlich eine Wagenladung mit geraubtem Eigentum in die Stadt Spljateno zurückgeführt und eine Herde ausgemergelter Rinder.

Am 22. Juni begann der Große Vaterländische Krieg und unsere Eskadron erlitt große Verluste. Zu diesem Zeitpunkt befand sich unsere Eskadron im Sommerlager bei der Stadt Sambor (es gibt eine neue Stadt Sambor, dort waren Sommerzeltlager). Unsere Vorahnungen waren, dass die Welt nichts Gutes zu erwarten hat.

22. Juni traten wir aus den Zelten heraus und sahen, dass vom Westen ein Flugzeuggeschwader auf die Ukraine zuflog. Am zweiten Tag, dem 23. Juni, erhielten wir den Befehl, in die Kasernen zurückzukehren um dort Munition zu empfangen, die Pferde am gleichen Tag zu satteln und aus der Stadt Sambor weg zu reiten. Die Eskadron trat den Rückzug an in Richtung auf eine Übergangsstelle (Ich kann nicht mehr sagen in welcher Stadt das war). Der Kommandeur der Eskadron, ein Oberleutnant, ein Ossete (an den Namen kann ich mich nicht erinnern), nahm drei Züge (den 2., 3. und 4.) und ritt zum Übergang. Der erste Zug erhielt den Befehl, im Wald unweit der Stadt Stryi zu bleiben. Mit mir zusammen vom ersten Zug waren der UnterleutnantMorosow, Alexander, Zugführer des ersten Zuges und der Kommissar der Eskadron Sikorskij. Die Reiterarmee [Kavallerie-Regiment] der Deutschen bewegte sich auf der anderen Seite des Waldes auf einem Weg. Uns und unsere Pferde konnten die Deutschen nicht sehen, auf dem Weg, auf dem die Deutschen ritten, stand auf einer Lichtung ein Traktor ChTS. Der Soldat Polischuk startete ihn, die Deutschen hörten das und begannen, unseren Zug zu beschießen, der Soldat Polischuk versteckte sich unter dem Traktor, es gab auf deutscher und unserer Seite Verluste. Wir haben ihnen Verluste beigebracht. Nach dem Kampf sattelten wir unsere Pferde und ritten in Richtung der Stadt Lwow.

Danach ritten wir einige Kilometer zurück, auf einer Lichtung im Wald, sattelten wir die Pferde ab und überließen sie ihrem Schicksal, wir nahmen unsere Waffen und erschöpft vom drei- bis viertägigen Ritt liefen wir durch den Wald näher zu unserem ukrainischen Volk. Aber es kam ganz anders: Zu zweit und dritt verließen wir den Wald. Der Hausherr gab uns zu essen und sagte danach: „Nun habt ihr gegessen, folgt mir“ und sperrte uns in die Scheune, er selbst ging die Polizai [Einheimische in deutschen Diensten] holen. Die Polizai nahm uns mit und führte uns zum Deutschen Stab.

Das war in der Stadt Stryi. Bis zum Abend sammelten sich zwei bis dreihundert Soldaten an.

Die Deutschen nahmen uns alle mit und jagten uns in Kolonne unter Bewachung durch die Stadt zum Bahnhof Sambor. Wir kamen an unseren Kasernen vorbei, wo ich gelebt hatte.

Von unseren Kasernen etwa 1 km entfernt standen Güterwagen, bei denen die Fenster mit Stacheldraht umwickelt waren. Wir alle wurden zu jeweils 30 Mann in die Waggons verladen. Nach einem deutschenKommando fuhr der Zug ab. Wie lange wir gefahren sind weiß ich nicht mehr, dann hielten wir, wussten nicht weshalb. Wir wurden alle rausgejagt, wir sahen noch junge Leute, Mädchen und Jungen. Danach wurden wir wieder in die Waggons geladen und nach Deutschland transportiert. Als wir ankamen und ausgeladen wurden, zeigte sich, dass wir in einem zentralen deutschen Lager angekommen waren [Stalag 304 Zeithain oder IVB Mühlberg?]. Wir schliefen bis zum Morgen. Wir schliefen auf ebener Erde, hungrig und übermüdet. Im Lager wurden wir registriert und in die Stadt Amendorer [Halle-Ammendorf?] gejagt. Hinter der Stadt standen nur wenige Meter voneinander entfernt alte Baracken. Ich erfuhr, dass dies das Lager „Schkoidez“ [Schkeuditz?] sei. Hier erinnere ich mich an den Namen Loisa, genau weiß ich es nicht, Obermeister, der den Bahnhof „Wagren“ [Leipzig-Waren?], einen Eisenbahn-Verladebahnhof leitete.

Im Sommer wechselte ich auf diesem Bahnhof Schienen und Schwellen, im Winter säuberte ich die Weichen und fegte.

Nach einer Woche im Lager „Schkoidez“ wurden wir desinfiziert, man gab jedem von uns eine persönliche Uniform aus alten Anzügen auf denen auf dem Rücken und der Hose die Buchstaben SU waren. Wir wurden in Kommandos eingeteilt und mussten arbeiten. Es gab verschiedenste Arbeiten.

Die persönliche Uniform war sehr alt mit dem Stempel SU auf dem Rücken und dem Mantel.

Zu essen gab es einmal täglich, es gab Suppe und 200 gr. Brot, man behandelte uns wie Vieh.

Im Lager „Schkoidez“ lebten wir in Holzbaracken ungefähr 20 Quadratmeter für 30 Mann, schliefen auf Doppelstockpritschen, zwischen den Pritschen 1 m Abstand.

Das Lager war außerhalb der Stadt, es war mit Stacheldraht umzäunt, hinter dem Lager standen zwei Türme, die Wachen waren mit Maschinengewehren ausgerüstet. Ich arbeitete bei der Eisenbahn, schleppte Schienen und Schwellen, wechselte alte Schienen gegen neue aus, all die 5 Jahre, bis der Krieg zu Ende war. Man belastete uns wie Gefangene, nicht wie Freiwillige.

Vor Sonnenaufgang hörten wir die Stimme eines unserer Kommandeure in der Baracke, er schrie einige Male: „Schlaft ihr? Wir sind schon keine Kriegsgefangenen mehr, wir sind Zivilisten!“. Wir begriffen mit dem Schrei „Hurra!“ und liefen vor Freude aus den Baracken. Die Tore waren schon offen und neben dem Lager standen unsere Soldaten mit Fuhrwerken und nahmen einige Gefangenen mit, dann hörten wir den Befehl: „Keinen mitnehmen!“. Wir liefen auseinander durch die Straßen der Stadt, gingen in Häuser, nahmen Zivilkleidung, zogen uns um und liefen weiter.

Zwei oder drei Tage liefen wir bis zum Sammelpunkt.

Dort wurden alle registriert, wer, wo und in welcher Einheit er gedient hat. Danach wurden die Registrierten in die Kantine geschickt, mich aber hielt man in der Kaserne zurück, damit ich die Soldatenuniformen und Stiefel nach Größe sortierte. Es war der Tag des Sieges – der 9. Mai 1945!!! Die Soldaten brachten mir das Mittagessen, Suppe, das Hauptgericht und die 100 g für den Soldaten [Wodka, gehörte seit 1942 zur Ration]. Ich und alle anderen zogen uns in die Militäruniform um. Dann gab man uns Waffen und gab den Befehl: „Aufsitzen!“ und wir fuhren nachts los. Wir fuhren die ganze Nacht. Am Morgen waren wir in einem Regiment angekommen. Wie mir später klar wurde, wurde dieses Regiment aus Deserteuren zusammengestellt.

Man brachte uns in die Westukraine in irgendein Dorf. Man brachte uns an den Dorfrand. Dort fuhr auf der Straße eine Selbstfahrlafette hin und her und wir eröffneten auf diese das Feuer, trafen die Konfektfabrik, die begann zu brennen und das 200 Meter vom Dorf. Zu diesem Zeitpunkt schoss irgendjemand aus der Lafette. Wir sollten durch den Graben in das Dorf kriechen, wo die Selbstfahrlafette schoss. Dort kamen drei Soldaten um, einer von ihnen, Tschelindjak aus der Westukraine, war die gesamten fünf Jahre mit mir zusammen in Gefangenschaft. (Er war Lagerschuster). Die beiden anderen kannte ich nicht. Ich möchte Ihnen mitteilen, dass mein Zugführer des ersten Zuges Unterleutnant Morosow durch eine feindliche Kugel bei der Stadt Stryi umkam. Der Gespannführer Soldat Bakadorow hat Kartentasche und Pistole an sich genommen. [*]

Ja, mein Leben wurde in der Jugend verstümmelt, und mein gesamtes weiteres Leben auch. Jetzt bin ich 89 Jahre alt. Ich bin blind, kann mich kaum bewegen. Meine Frau ist auch sehr krank, sie hat eine äußerst komplizierte Operation überstanden und kann mich nicht versorgen.

Nach Gesetz hätte man mir die Invalidität nach Kategorie I. allgemeine Erkrankungen zuerkennen müssen.

In der Jugendzeit, als ich demobilisiert worden war, war es sehr schwer für mich, eine Arbeitsstelle zu bekommen. Ich bekam eine in der Werkhalle 59 in der Gießerei in der Nachtschicht als Gussputzer. Das ist eine sehr schwere Arbeit. Sechs Jahre lang arbeitete ichnur in der Nachtschicht, je 8 Stunden. Aber man musste manchmal auch 12 Stunden arbeiten. Eine höllische Arbeit. Ich erkrankte an Lungentuberkulose. Nach der Heilung fehlten mir ein Monat und 17 Tage, aber ich arbeitete noch 2 Monate in einem anderen Beruf – die Ärzte hatten mich in die Mechanikabteilung überwiesen.

1992 kam eine Anordnung heraus, dass diejenigen, die unter schweren und schädigenden Bedingungen gearbeitet haben, Vergünstigungen erhalten sollen. Ich beschloss, mich an den Pensionsfonds meines Betriebs zu wenden, aber meine Arbeit wurde nicht anerkannt und ich erhielt keinerlei Vergünstigung, in Rente ging ich 1977 mit 48 Arbeitsjahren. Die Rente, die man mir auszahlt ist sehr klein – überall nur Gleichmacherei. Erst seit 1. Januar 2008 wurde mir ein günstiges Dienstalter zuerkannt, aber wohin all die 15 Jahre verschwunden sind, ist mir nicht bekannt. Jetzt bin ich blind, taub, kann mich nachts nicht bewegen. Ich möchte sehr, dass Sie mir helfen alles zu berücksichtigen und mir die Invalidität nach Kategorie I. Allgemeine Erkrankungen zuerkennen. Ich brauche Tagespflege.

Bitte helfen Sie mir Unglücklichem!!!

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[*] Es handelt sich offenbar um Kämpfe mit nationalistischen UPA-Partisanen, die bis in die 50er Jahre gegen die Sowjetmacht kämpften.

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Die Regierungsparteien lehnten im Juni 2013 einen Antrag der Bundestagsfraktionen von SPD und Bündnis 90/GRÜNE ab, den letzten noch lebenden ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen einen symbolischen „Anerkennungsbetrag“ von jeweils 2500 € auszuzahlen..

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